Generation 2018

In der aktuellen „Zeit“ von dieser Woche ist ein wunderbarer Essay von Harald Welzer veröffentlicht, einem Sozialpsychologen aus Berlin (auf Zeit online nur für Abonnenten zugreifbar), dessen Text zu lesen ich jedem sehr ans Herz legen möchte. Darin beschreibt er auf sehr anschauliche und pointierte Art und Weise, weswegen wir Liberalen momentan so sehr an der Weltenläufte leiden – allerdings mit dem Pferdefuß für uns, dass wir vom Autor selber dafür verantwortlich gemacht werden, die Situation zu ändern.

Worum geht es im Text: Es geht um die Notwendigkeit einer neuen, liberalen Bewegung im Sinne der 68er, um unsere freiheitliche und demokratische Gesellschaft vor der Zumutung der eigentlich nicht verdienten Diskurshoheit und der aus ihr resultierenden Veränderungsmacht der Neuen Rechten zu schützen. In einer Welt voll von Trumps und Orbans, Jinpings und Erdogans, Kurzen und all den anderen Feinden der Liberalität reicht es eben nicht, sich politisch nur noch bauchnabelig auf der Metaebene mit den Entscheidungsprozessen auseinanderzusetzen und die Themensetzung den Rechtspopulisten und -radikalen zu überlassen. Wer erlebt, wie willfährig selbst Grünen- und SPD-Politiker neurechte Narrative übernehmen, muss sich tatsächlich fragen, warum er gegen eine Partei wie die AfD noch kämpfen sollte, werden doch ihre Ziele von den Sarrazinisten in allen Parteien der Mitte, den Palmers, den Gabriels, den Söders etc. bereits umgesetzt.

Die Feinde der Liberalität sind tatsächlich nicht nur die „offiziellen“ Rechtsausleger, es sind auch die inhaltlich traurig-leeren Machttaktierer in allen vom Wähler gebeutelten Parteien, die offensichtlich glauben, dass die einzig für ihre jeweilige Partei wieder zu gewinnenden Wähler die der Neurechten wären. Dass sie damit ein neues Wählerpotential von maximal 13% erschließen dafür aber die 87% der zunehmend ob dieses Taktierens angeekelten „Stammwähler“ verlieren, scheint ihnen egal, Hauptsache sie sind mit markigen Aussagen in der Bildzeitung oder auf dem Buchmarkt vertreten. Diese einhellige Allianz mit den klickgeilen Medien und aufmerksamkeitssüchtigen Verlagen, die jedes Sicherheitsthema hochjazzen, als würde die Gesellschaft kurz vor ihrem Selbstmord stehen, führt tatsächlich dazu, dass wir die AfD wohl wirklich nicht mehr brauchen (nebenbei: Wer hört eigentlich noch etwas von ihr, wenn nicht Damen mit langen und seltsamen Namen sich merkwürdig benehmen?): Wir aus der Mitte können uns mittlerweile wunderbar selber alle hart erkämpften bürgerlichen Freiheiten nehmen, denn es gilt scheinbar die Devise: Wenn alle gefesselt und in Ketten sind, erscheint die Sicherheit sicher.

Ja, natürlich, der Autor hat recht: Wir brauchen wieder Menschen, die sich diesem ängstlichen und uninspirierten Tun entgegenstellen. Ich meine allerdings nicht, dass wir uns wie der Autor eine neue APO wünschen sollten, glaube ich doch im Gegensatz zum Autor nicht an die durchgängige Friedfertigkeit einer solchen Bewegung. Die Ausschreitungen bei wichtigen Demonstrationen in den letzten Jahren beweisen mir, dass das Potential zur Gewalt in Teilen der Systemopposition viel höher ist, als der Autor vermutet. Darüberhinaus habe ich große Bedenken, ob wahrhaft liberale sich in einer solchen außerparlamentarischen Opposition durchsetzen könnten, sind ihre Positionen doch viel zu moderat und ausgleichend, um eine solche Bewegung langfristig motivieren zu können.

Was ich mir dagegen wünschen würde: Ich würde mich freuen, solche Menschen wieder vermehrt in der SPD und der CDU, bei den Grünen und der FDP zu finden. Ich habe noch nicht aufgegeben daran zu glauben, dass Menschen in diese Parteien eintreten, nicht weil sie einen gut bezahlten Posten und Macht haben, sondern weil sie unsere Gesellschaft gestalten und verändern wollen. Ich bin sicher, dass mit dem aktuellen Führungspersonal in allen Parteien nur eine Politik möglich ist, wie wir sie derzeit erleben. Aus diesem Grund, auch wenn es ein großes Risiko darstellt: Liebe Parteimitglieder, seid mutig und jagt eure derzeitige Führung gesammelt aufs Altenteil. Und fangt an, euch über Inhalte zu verständigen, also über das, was euch wichtig ist und euch vielleicht vor langer Zeit dazu motiviert hat, in eure Partei einzutreten.

Denn dann brauchen wir keine Systemopposition mehr, um unser System fit zu machen für den Wettbewerb mit den großen, machtbewussten Vereinfachern dieser Welt, die versuchen, uns ihre Themen aufzuzwingen. Unser bereits vorhandenes System kann dem ebenso gut Widerstand leisten, wie es die Integration von Millionen Flüchtlingen bewältigen kann, auch wenn man uns penetrant medial und von rechts unser sicheres Scheitern einreden will. Denn natürlich schaffen wir das, wir müssen es nur wollen.

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3 Antworten zu Generation 2018

  1. chrinamu schreibt:

    Guter Text, danke für deine Gedanken, denen ich fast durchgehend zustimme. Ich finde auch, dass es vermutlich reichen würde, wenn die SPD und die Grünen wieder die linke Politik machen würden, mit der sie ursprünglich mal angetreten sind (bei der FDP bin ich mir da nicht so sicher). Nur leider ist das recht aussichtslos, es scheinen ja alle momentan drauf fixiert, den Rechten als schlechte Kopie den Rang abzulaufen, was natürlich nicht klappen kann.

    Was die Bewegung angeht, die sich Welzer erhofft, hab ich die Befürchtung, dass dabei nicht mehr als ein kleinster gemeinsamer Nenner, also so eine Art Macron-Bewegung herauskäme – denn ich vermute, man wäre sich zwar einig in dem, was man ablehnt, aber keinesfalls in dem, was man stattdessen will.

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    • Montrose schreibt:

      Ja, die Grünen sollten wieder konsequent grün werden und z.B. im Ländle auch mal ein Fahrverbot exekutieren statt sich als Vorkämpfer der Masseneinwanderungsgegner zu gerieren. Und die SPD ihre zunehmend lächerlich-großstädtische Identitätspolitik aufgeben und sich wieder der klassenbezogenen Solidarität zuwenden. Der FDP stände ein bisschen weniger wirtschaftliche Libertarität und deutlich mehr liberale Bürgerrechtsvertretung auch und gerade gegen mächtige Wirtschaftskonzerne gut zu Gesicht.
      Aber all das scheint wie wegrasiert und wegnivelliert. Man lässt sich thematisch treiben, alle reagieren auf die gleichen Impulse in ähnlicher Weise. Und diese Impulse kommen aktuell von rechts und aus dem wirtschaftlichen und globalen „anything goes – der Erfolg heiligt die Methoden“.

      Zur Bewegung: Ich frage mich halt, warum ich ein immer noch leidlich funktionierendes System revolutionär von außen sprengen sollte anstatt es evolutionär von innen zu optimieren. Das klingt wie der Traum eines Neue Linke-Projektes analog zur Neuen Rechten (Lafontaine lässt grüßen). Allerdings hat weder „Die Linke“ noch die AfD von rechts irgendetwas „verbessert“. Es entstehen daraus nur weitere Player im einerlei mit den selben Richtungsunklarheiten und -festlegungsschwierigkeiten wie der Rest.

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