Über Opfer

Unsere dauererregte Medienwelt ist aktuell randvoll gefüllt mit einer seltsamen Personengruppe: Den Opfern. Es gibt kaum ein Thema, das sich nicht dafür eignet, sich durch geschickte Positionierung zum Opfer zu ernennen. Jede zwischenmenschliche Interaktion und jedes scheinbare oder reale Machtgefälle kann dazu dienen – selbst zukünftige und hypothetische sind davon nicht ausgeschlossen. Mann/Frau, Ossi/Wessi, Ausländer/Inländer, Nato/Russland, rechts/links, arm/reich, interreligiös – jede soziale Verwerfungslinie erzeugt lautstarke Opfer. Und seltsamerweise stellt man bei näherer Betrachtung des Konflikts oft fest: Alle beteiligten Seiten sind davon überzeugt, das Opfer der jeweiligen Gegenseite zu sein.

Was führt aktuell dazu, dass man den Eindruck gewinnt, jeder sei mittlerweile das Opfer von irgendwem? Das zu hinterfragen scheint mir eine interessante Herausforderung zu sein, der sich dieser Text stellen möchte.

Starten wir mit dem Opferbegriff: Opfer meinte ursprünglich im Sakralen die Darbringung eines Gegenstandes an eine höhere Macht (s. Wikipedia). Erst später profanisierte sich der Begriff und konnte auf alle möglichen Lebenssituationen angewandt werden, die eines verbindet: Ein eher passives Erdulden von äußerer Macht, die in der Opferungssituation schädigenden Einfluss auf das Opfer nimmt.

Ein Opfer bedarf also immer einer potentiell überwältigenden Macht. Niemand kann sich ernsthaft aus einer Machtposition heraus „opfern“, wer situative Macht hat und mit ihr kämpferisch handelt, kann also nur gleichrangig oder Täter sein. Darüberhinaus bedarf es eines Schadens, denn nur der nachweisbare Verlust im Rahmen einer zugeschriebenen Eigenschaft – Gesundheit, Besitz, Würde etc. – befähigt zum Opfertum.

Wie kommt es zum Opfer: In der Regel unausweichlich, zufällig oder schicksalhaft. Wer Risiken wissentlich in Kauf nimmt, obwohl er es nicht müsste, disqualifiziert sich meist vom Opferstatus. Spannend ist dabei im deutschen die sprachliche Möglichkeit des „sich opferns“. Auf den ersten Blick erscheint dies nicht mit dem vom Opfer erwarteten passiven Erdulden zusammenzupassen, wählt das spätere Opfer doch aktiv seine Rolle, wissend um das persönliche Verlustrisiko.

Beim „sich opfern“ tritt aber ein weiteres Merkmal zu Tage: Opfer können Einzelpersonen, aber auch Gruppen sein. Und in Gruppen können Einzelpersonen durchaus bewusst und aktiv handeln, solange ihr Handeln im Rahmen der schicksalhaften Erduldung eines gruppenbezogenen Schadens auftritt. Sprich: Sie opfern sich aktiv, weil sie damit den verlustbringenden Einfluss der äußeren Macht auf ihre Restgruppe reduzieren oder verhindern können. Für die Gruppe selber ist allerdings ihr persönliches Opfer der von der äußeren Macht erzwungene und schicksalhafte Schaden, der die Gruppe als ganzes zum Opfer macht.

Fassen wir also zusammen:

  • Opfer können Einzelpersonen oder Personengruppen sein.
  • die Opferungssituation ist für das Opfer unausweichlich.
  • es muss in der Situation eine äußere Macht geben.
  • es existiert ein Machtgefälle zwischen äußerer Macht und dem Opfer.
  • die äußere Macht muss schädigenden Einfluss auf das Opfer nehmen.

Jetzt stellt sich die weitere Frage, wer bestimmt, wer ein „echtes“ Opfer ist und wer nicht. Zwei Möglichkeiten gibt es hierfür: Die Zuschreibung von außen, also aus der Gesellschaft heraus und die Eigenzuschreibung. Das führt zur ärgerlichen Situation, dass es in der Öffentlichkeit Opfer gibt, die sich als solches nicht fühlen, weil sie sich nicht als passiv erduldende Persönlichkeiten in schicksalhafter Situation wahrnehmen – egal, was die Gesellschaft behauptet. Und es gibt selbstempfundene Opfer, denen aber das Opfertum abgesprochen wird, da die Gesellschaft sie für ihre erlittenen Schäden (mit-)verantwortlich macht oder die behaupteten Schäden negiert.

Während die Eigenzuschreibung prinzipiell einfach durch eine Opfererzählung erfolgen kann – im Vergleich zur Vergangenheit erleichtern heute die sozialen Medien diesen Schritt -, ist die gesellschaftliche Außenzuschreibung ein eher kompliziertes Unterfangen. Der schädigende und schicksalhafte äußere Einfluss müßte juristisch geklärt werden, ansonsten bleibt er eine einfache Behauptung. Auch das Machtgefälle und die Verantwortlichkeit des Täters wäre dort transparent zu untersuchen.

Allein, dieser Schritt wird durch die Vereinfachung der Selbstzuschreibung über die sozialen Medien mittlerweile oft übergangen, wollen die Opfer doch häufig gar keinen echten Schadensersatz, sondern einerseits – im positiven Sinne – gesellschaftliche Empathie für das erlittene Leid und andererseits – negativ gesehen – Rache an der äußeren Macht. Für beides ist eine Diskussion des Schadens und der eigenen Verantwortung vor Gericht – was natürlich Bestandteil eines fairen Prozesses gegen die äußere Macht wäre – eher kontraproduktiv und wird deshalb vermieden.

Wer das alles in den aktuellen Opferdiskussionen berücksichtigt, versteht, warum es dort sehr schnell toxisch werden kann. Zum einen bestehen sie zu einem großen Teil aus schwer überprüfbaren und subjektiven Selbstzuschreibungen. Im weiteren sind die geschilderten Situationen was Verantwortlichkeit und Unausweichlichkeit angeht oft diskussionswürdig und der Schaden manchmal strittig. Und zuletzt erscheinen die Motive der „Erzähler“ nicht immer so rein und eindeutig zu sein, wie man bei einem unschuldigen Opfer gesellschaftlich gerne sehen würde.

Die Empfänger einer Opferselbstzuschreibung laufen deshalb Gefahr, schnell Fehlurteile zu fällen. Mag die Situation in ihrer Unausweichlichkeit zweifelhaft sein, mag das Motiv der Veröffentlichung durchschaubar erscheinen: Wenn der Schaden wirklich eintrat – was vor einem Urteil natürlich zu prüfen wäre -, dann ist der Täter zurecht zu bestrafen. Und ebenso rechtmäßig ist es, von ihm Schadensersatz zu fordern.

Aber, und das scheint mir in der medialen Aufgeregtheit etwas verloren gegangen zu sein: Bis zum Beweis der Tat ist ein Täter unschuldig. Wenn wir diese zivilisatorische Regel aus Empathie mit dem Leid des Opfers vergessen, dann fallen wir in Zeiten zurück, als man ohne fairen Prozess sein Hab und Gut oder gar sein Leben verlieren konnte – nur weil ein unbewiesenes Gerücht und eine schnelle Behauptung die Runde machte.

Wird das vergessen, dann wird die Opfererzählung tatsächlich zu etwas, das sich leicht instrumentalisieren lässt: Ein Machtmittel, gegen das sich zu wehren fast unmöglich ist und das deshalb – wie jedes andere Machtmittel in der menschlichen Gesellschaft – missbraucht werden wird, um eines zu schaffen: Opfer.

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