Liberalität in Zeiten des Erstarkens der Neuen Rechten

Beobachtet man die Medienöffentlichkeit derzeit, so scheint es, als würde ein großer Teil der Meinungsmacher durch eine Karthasis durchgehen. Prägte zunächst Verleugnung die öffentlichen Medien („Trump wird niemals Präsident.“ „Die AfD zerlegt sich selber.“), erkannte man bald darauf aufgrund der Wahlerfolge der neuen Rechten in diversen Ländern schockiert: Nein, offenbar ist der Spuk anhaltender und realer als gedacht. Und die meinen uns, die Liberalen und Weltoffenen, und unseren Lebensentwurf.

Ich befürchte, dass viele momentan das schmerzhafte Gefühl der Ent-Täuschung teilen. Es hilft nichts, wir müssen erkennen: Ein zunehmende Anzahl an Mitbürgern – weit über der „normalen“ Quote an Ewiggestrigen – ist mittlerweile bereit, rechtsextrem und völkisch argumentierende Parteien und Personen zu wählen, deren Ziel kaum verhohlen das Ansetzen der Abrissbirne an unser demokratisches System ist. Sie ist spürbar, die Vorfreude auf den Untergang. „Kreative Zerstörung“ und „Disruption“ sind ihre Ziele. Hauptsache, es wird anders, egal ob das andere wirklich besser ist.

Wie aber darauf reagieren? Schauen wir in die USA, erleben wir derzeit noch viel Ungestaltetes. Große Demonstrationen, die – noch? – keine Wirkung zeigen außer der Selbstvergewisserung der liberalen Gegenöffentlichkeit gegenüber der dubios agierenden, neuen Regierung. Ja, diese Gegenöffentlichkeit existiert dort, sie ist stark – viel stärker als z.B. in Polen – und das ist gut so. Wie gut sie es schaffen wird, die rechten Machtbestrebungen einzuhegen, ob es ihr ähnlich wie der Tea-Party-Bewegung gelingen wird, standhaft, wirkmächtig und einflussreich zu werden: Wir alle hoffen darauf, sicher ist es aber aufgrund der vielen unterschiedlichen Interessen der Beteiligten nicht. Beherrscht Trump das „divide et impera!“ ist auch ein schneller Zerfall des aktuellen Impetus möglich.

Die ‚late night‘-Satireshows der USA hinterlassen derzeit einen eher orientierungslosen Eindruck. Wie satirisch sein, wenn die Realität jede gescriptete Satire übertrifft? Kann Satire überhaupt die richtige Antwort sein? Ein Hofnarr an des Königs Hof hilft dem König, gerade wenn er die hässliche Wahrheit ausspricht. Er lässt den König gut aussehen, wenn dieser es aushält (was bei Trump natürlich noch zu beweisen ist). Und das Volk feiert und lacht, statt sich zu wehren. Vielleicht wäre tatsächlich eher die Zeit, die aktuell erwachsenden Führer ernst zu nehmen, statt in einer Dauerschleife die müden alten Witze über kleine Hände, den Pelz auf dem Kopf und die scheinbare oder tatsächliche Frauenfeindlichkeit aufzuwärmen. Denn ansonsten haben die Trumpisten in den Kommentarspalten recht: Es bleibt der Eindruck eines schlechten Verlierers und nicht der eines argumentativ starken Widersachers.

Ebenso enttäuschend ist das Feiern eines unsäglichen kleinen Videos in linken und progressiven Kreisen. Es zeigt, wie ein Sprecher der alt-right Bewegung mitten in einem Interview einen Faustschlag eines Gegners einstecken muss. Warum ist es enttäuschend? Zum einen macht es fatalerweise einen sich zum Opfer stilisierenden Menschen zum tatsächlichen Opfer, unterfüttert also mit ikonographischer Einprägsamkeit die falsche Opferargumentation neurechter, weißer Männer mit echtem Opfertum. Zum anderen muss für jeden geschichtsbewussten Menschen die zunehmende Radikalisierung auf beiden Seiten auf die furchtbare Situation in der Weimarer Republik verweisen, in der die „Rotfront“ dem „Stahlhelm“ in kaum etwas nachstand, was Republikverachtung und Gewaltbereitschaft angeht. Wer weiß, dass die neue Rechte vom Wiederaufleben der 20er Jahre träumt, der ahnt, wie sehr dieses Verhalten der radikalen Linken den Neurechten entgegenkommt. Und wie kontraproduktiv deshalb ein „Abfeiern“ dieses Gewaltausbruchs ist, das natürlich linke Gewalttäter anstachelt, wie es die Relativierung rechter Gewalt auf der rechten Seite bereits vormacht.

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