Die Abgehängten

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Nach dem Schock über die diesjährigen Wahlergebnisse der AfD in Ostdeutschland, aber vor allem nach der Wahl Trumps in den USA zieht sich ein Begriff durch viele Texte, die sich mit der neuen Attraktivität des modernen Rechtspopulismus beschäftigen: Der des „Abgehängten“. Er sei ländlich tumb und habe Angst vor Globalisierung und vor Machtverlust – sei es an Minderheiten oder, so er ein Mann ist, an die Frau. Prekär und unsicher beschäftigt kämpfe er um das Auskommen von sich und seiner Familie, ständig von Entlassung bedroht und in scharfer Konkurrenz zur aus dem Ausland hereindrängenden neuen Unterschicht.

Alles in allem ist es offenbar ein armes, meist männliches „Schwein“, dessen fehlgeleitete Wahlentscheidung aufgrund der Härte des Lebens doch irgendwie nachvollziehbar erscheint. Und doch ermöglicht diese Sicht vor allem eines: Dass man sich vom „Abgehängten“ als moderner, großstädtischer Autor wunderbar distanzieren kann. Weil man selber meint, am Puls der Zeit zu leben und dabei natürlich Recht zu haben, muss der „andere“ mit seinen merkwürdigen Entscheidungen irgendwie zurückgeblieben sein.

Es kann schließlich nicht sein, dass solche Wahlergebnisse aus unserer „Mitte“ entstehen, die „Mitte“ sind doch wir Progressiven und nicht die AfD-Wähler. Also müssen das die sein, mit denen wir nie etwas zu tun haben, die prekären Paketboten und ländlichen Arbeiter, die Kleinbauern und Kleinsthandwerker, die aussortierten Arbeitslosen und Frühverrenteten. Also all diejenigen, die uns vielleicht als anonyme Dienstleister bedienen oder denen wir in der Stadt beim Einkauf oder auf einem Ausflug von Ferne begegnen. Die wir aber alle nicht kennen.

Dumm nur, dass es mittlerweile einige Umfragen gibt, die ein anderes Bild vermitteln. Die betonen, dass die Wähler der rechten Populisten zum guten Teil gar nicht schlecht ausgebildet sind, darüber hinaus überdurchschnittlich viel Geld verdienen und offenbar gut „integriert“ sind. Würden wir das als Faktum ernst nehmen, kämen wir vielleicht zur Erkenntnis, dass sie gar nicht so sehr „abgehängt“ sind, wie wir uns das derzeit wünschen, eben weil dieses „abgehängt sein“ ja zeigen würde, dass wir „vorne“ sind und die „anderen“ weit hinter uns.

So aber scheint es, als liefen sie ebenso schnell und flüssig wie wir, nur in eine andere Richtung. Als kämen sie uns nicht zögerlich nach, wie wir uns das wünschen würden, sondern bewegten sich eigensinnig auf ein anderes Ziel hin. Zu einem Ort, an dem wir ebenso wenig sein wollen, wie sie sich weigern, unserem Ziel näher zu kommen. Das Band, das uns als Staatsbürger verbindet, scheint dabei mittlerweile zum Zerreißen gespannt, entfernen wir weiter voneinander, droht uns allen innenpolitisches Ungemach – durchaus das erklärte Ziel der rechten Populisten.

Wollen wir den Riss verhindern, müssen wir uns aus meiner Sicht von der Mär der „Abgehängten“ verabschieden. Wir müssen verstehen, was die Wähler der rechten Populisten antreibt, mit dem faschistoiden Feuer zu spielen, obwohl es ihnen offenbar gut geht in einem Land mit mittlerweile wieder steigenden Nettolöhnen, einem stabilen Gini-Koeffizienten, der für gelungenen sozialen Ausgleich spricht und hoher Arbeitsplatzsicherheit.

Letztendlich habe ich eine Vermutung: Wir alle ahnen, dass das Wachstum für Deutschland und Europa vorbei ist. Unsere Gesellschaft überaltert, sie ist wirtschaftlich saturiert und konsumscheu, der Antrieb kommt vor allem über die Einkäufe aus dem Ausland allerdings bei einem erkennbar schwieriger werdenden internationalen Umfeld. Dass die Bevölkerung in Deutschland nicht schon lange schrumpft, liegt alleine an der inner- und außereuropäischen Zuwanderung, die aber von vielen aus kulturellen Gründen eher zwiespältig gesehen wird und die wir sicher nicht in alle Ewigkeit „fortschreiben“ können. Sprich: Wir sind eigentlich bereits mitten in der Postwachstumsgesellschaft angekommen, nur die vielen Effekte der Globalisierung verhindern derzeit die Sichtbarkeit der Wirkungen.

Wenn wir aber nicht mehr als Gesamtgesellschaft wachsen, dann hat dies für jeden einzelnen Konsequenzen: Will er „mehr vom Kuchen“ haben, muss das Stück eines anderen kleiner werden. Und ich befürchte, dass viele in Deutschland bereits Effekte davon am eigenen Leib spüren.

  • Da sind zum Beispiel die Hausbesitzer auf dem Land, deren Immobilie nahezu wertlos geworden ist, weil die Heimat durch den Wegzug der jungen „entvölkert“. Und die gleichzeitig erleben, dass die Immobilienpreise in der fernen Großstadt – wohin die jungen gezogen sind – boomen.
  • Da sind die Landwirte, die zuschauen, wie der Nachbar für viel Geld investiert und die Kapazitäten erweitert – nur um dann gemeinsam mit dem Nachbarn festzustellen, dass die Preise fürs Produkt ins bodenlose fallen, weil die Überproduktion nicht absetzbar ist. Und wo beide wissen, dass nur einer von ihnen wirtschaftlich überleben wird.
  • Da sind die Sparer, die feststellen, dass es keine Zinsen mehr auf ihre Anlagen gibt, weil die weiterhin zunehmende Verschuldung der Staaten in Europa billiges Geld erforderlich macht, da den Schulden keine wachsende Wirtschaft mehr entgegen steht.

Und deshalb glaube ich, dass wir Progressiven vielleicht in dieser Sicht sogar naiver sind als diejenigen, die wir – sicher zurecht – als rücksichtslos in ihrem Umgang mit Zuwanderung, ihrem Elitenhass und ihrem exklusiven Volksbegriff empfinden. Denn es kann gut sein, dass die Wähler der rechten Populisten sich bereits über alle Schichten hinweg vorbereiten für den sich abzeichnenden Verteilungskampf, sollte es uns nicht rasch gelingen, eine gesamtgesellschaftliche Idee für eine Postwachstumsgesellschaft zu entwickeln. Denn unsere „Dawanda-Shops“, das „urban gardening“ und das backen eigenen Brotes mögen uns zwar ein gutes und kuscheliges Gefühl vermitteln. Eine Antwort auf die zukünftigen und zunehmend harten Verteilungsfragen geben sie sicher nicht.

Bildquelle: LillyCHWinterhilfe SchweizCC BY-SA 3.0

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