Über das kämpfen

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In der NZZ war in den letzten Tagen ein Essay zu lesen, der die Frage stellte: „Zur Hölle, wer sind denn diese Anderen?“ Er reiht sich damit ein in die in meinem letzten Beitrag beschriebenen medialen „Verwunderungs“-Texte nach der Trumpwahl. Sein Fazit: Wir brauchen eine „neue“ Debattenkultur.

Wie aber begründet der Autor dies und was stellt er sich darunter vor?
Zunächst stellt er die von mir bereits kritisierte Behauptung in den Raum, man hätte nun „[d]as Gefühl, plötzlich mit einer Wirklichkeit konfrontiert zu werden, die man nicht wahrgenommen hat oder nicht wahrnehmen wollte“. Nicht beschreibt er allerdings, was für ihn das Neue an dieser Wirklichkeit ist. Wir alle sind doch nicht davon überrascht, dass rechte Populisten derzeit Unterstützer finden und Erfolge feiern. Wer dies wäre, hat doch offenbar in den letzten Jahren weder nach Frankreich oder nach Österreich, nicht nach Ungarn oder Polen geschaut.

Wenn etwas vielleicht verwundert, dann ist es die Einfachheit, mit der es diesen Populisten mittlerweile gelingt, ihre Machtbasis auszuweiten. Es ist die Dreistigkeit und Kaltschnäuzigkeit, mit der sie dabei vorgehen. Und es ist vor allem die Leichtfertigkeit, mit der wachsende Teile unserer saturierten Gesellschaften wichtige Werte der Aufklärung zur Disposition stellen.

Dass es dabei tatsächlich weniger um den Kampf zwischen Liberalität und ihrer Gegenbewegung geht, zeigt das danach angeführte Beispiel einer jungen deutschen Austauschstudentin, die aus Berlin kommend in einer Kleinstadt in Minnesota landet. Ihr sagt eine Amerikanerin: „Paulina, wenn du meine Meinung nicht teilst, dann versuche trotzdem, sie ernst zu nehmen und zu verstehen, warum ich dieser Meinung bin.“ Eigentlich eine Selbstverständlichkeit im menschlichen Umgang. Wenn diese Grundvoraussetzung für eine Unterhaltung nicht existiert, ist keine Unterhaltung mehr möglich. Und den Vorwurf, dies nicht leisten zu wollen oder zu können, müssen wir uns alle wohl ein Stück gefallen lassen. Nicht umsonst kritisiere ich, dass die wahre Liberalität, die dies natürlich verinnerlicht hat, auch bei uns kaum mehr vorhanden ist.

Zum selben Schluss kommt tatsächlich auch der NZZ-Autor. Er spricht von einer wünschenswerten Alternative, die, „ohne eigene Positionen opportunistisch einem «Zeitgeist» zu opfern, deren offensive Vertretung mit der Bereitschaft zur selbstkritischen Befragung“ verbinden soll. Allerdings sieht er sie zurecht „in deutscher Politik und womöglich auch in den Medien heute noch eher [als] eine Minderheitenposition“. Als Zeuge dafür führt er W. Kretschmann an. Dieser sagt: „Wir dürfen es mit der Political Correctness nicht übertreiben. Wir brauchen Klarheit und Respekt. Zivilisierter Streit hält die Gesellschaft zusammen, unzivilisierter Streit führt sie auseinander.“ – womit er natürlich prinzipiell recht hat.

Allerdings, und das lässt ihn für mich zu einem schlechten Zeugen werden: Aus meiner Sicht funktioniert das eben nur, wenn beide Seiten der Unterhaltung dieser „Regel“ folgen. Die Aufgabe von politischer Korrektheit zum Beispiel kann nur dann zu sinnvollen Ergebnissen im Diskurs führen, wenn trotz allem gegenseitiger Respekt auf beiden Seiten herrscht. Ich habe tatsächlich nicht den Eindruck, dass von der populistischen Rechten und ihren Anhängern diese Voraussetzung uns Liberalen gegenüber akzeptiert ist.

So aber wird die Aufgabe der politischen Korrektheit auf der linken oder liberalen Gegenseite kaum zu einer Verbesserung des Gesprächsklimas beitragen, sie wird eher genau zu dem führen, was wir erleben: Für die eine Seite ist die andere „links-grün-versifft“, für die andere die eine bestehend aus lauter „Nazis“. Dies würde sich wohl erst ändern wenn die „links-grün-versiffte“ Seite den „Nazis“ zustimmen würde, dass Flüchtlinge „Sozialschmarotzer“ etc. sind. Und einen derartigen Diskurs – so hoffe ich wenigstens, sicher bin ich mir da nicht nach der einen oder anderen Aussage in den letzten Wochen – kann sich auch ein konservativer Grüner nicht wünschen.

Womit wir beim Thema sind: Dem Kämpfen. Warum meine ich, dass jetzt der Zeitpunkt zum kämpfen gekommen ist? Weil ich glaube, dass wir Progressiven weiterhin viel zu naiv sind im Umgang mit den populistischen Rechten. Es geht ihnen doch nicht um einen „erfolgreichen“ Diskurs mit uns, in liebevollem, gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe. Es geht ihnen auch nicht darum, für sich zusätzliche Freiheiten zu erstreiten, denn die Rechte, die sie sich erstreiten wollen, haben nichts mit Freiheit im liberalen Sinne zu tun.

Nein, es geht ihnen ganz im Gegenteil darum, uns unsere Freiheiten zu nehmen. Während wir sagen: ‚Ihr könnt so leben wie ihr wollt, solange ihr das Leben anderer nicht beeinträchtigt‘, sagen sie: ‚Ihr müsst so leben, wie wir wollen, egal wie das euer Leben beeinträchtigt‘. Dieser Unterschied ist nicht diskussionsfähig, meinen Freiheitsbegriff kann und will ich nicht zur Disposition stellen, nur weil andere damit nicht zurecht kommen. Und sicher werde ich nicht in Sack und Asche gehen und mich mitschuldig am Erstarken der Rechten fühlen, deren Stärke doch nur aus meinem Zurückweichen und meiner Unsicherheit heraus weiterwachsen würde.

Es mag sein, dass jetzt tatsächlich ein Riss durch die Gesellschaft geht, der unüberbrückbar erscheint. Aber dieser Riss ging nicht von mir aus und ich sehe mich weder willens noch in der Lage die Kluft mit Menschen zu schließen, die „Führern“ folgen, die in Deutschland „völkisch“ für einen akzeptablen Begriff halten oder die an einer Neuauflage der Rassenlehre arbeiten. Und die die ihnen zurecht kritisch gegenüber eingestellte mediale Öffentlichkeit als „Lügenpresse“ beschimpfen, obwohl sie selber ihr Wissen aus dubiosen und der Propaganda verpflichteten Informationsquellen schöpfen.

Ich bin jederzeit bereit, mich zu jedem Thema inhaltlich auseinanderzusetzen. Am besten auf Basis von Fakten, gerne auch mit einem klar fundierten Weltbild, das natürlich von meinem abweichen kann. Aber wer den Diskurs verweigert, wer mein Weltbild der Lächerlichkeit preis gibt und mich und meine Welt pauschal abqualifiziert – ja, der ist für mich intellektuell nicht satisfaktionsfähig. Ich werde auch weiterhin alles dransetzen, dass solche Menschen keine Macht über mich erhalten. Nein, ich werde sicher nicht dem Kampf ausweichen.

Ich werde kämpfen.

Bildquelle: Ernst Oppler: Boxkampf im Berliner Sportpalast, 1920Gemeinfrei

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