Realitäten

muenchen_loewenbraeu-festhalle_oktoberfest_2012Es gibt in der Presselandschaft des Netzes eine gut gehegte Einrichtung: Den blogartigen Kommentator aka Hofnarren. Er oder sie darf mehr oder weniger qualifiziert auf eine meist sehr einseitige Art und Weise „vom Leder“ ziehen und soll dabei offensichtlich zwei Ziele erreichen – den Resonanzraum für eher extreme Meinungen in der Leserschaft bilden und Klicks aufgrund der Aufregung des Restes der Leserschaft über die inhaltliche Einseitigkeit erzeugen.

Fast schon natürlich nutzen sich diese Autoren referentiell für ihre Texte, bilden sie doch häufig konträre Positionen ab, die wunderbar als Ausgangspunkt eines weiteren Beitrags nutzbar sind. Das macht es für moderatere Diskutanten schwierig, sich einzumischen, gelangt man doch schnell in den Ruche, Unterstützer der Positionen der Gegenseite zu sein, was allerdings meist fern jeglicher Realität ist.

Trotz dieser Rahmenbedingungen möchte ich heute den Versuch wagen, auf einem derartig verminten Gebiet Widerspruch zu leisten. Ausgangspunkt ist ein Text des von seinen claquerenden Kommentatoren als „konsequent und eloquent gegen den Zeitgeist [bügelnden]“ Autorenalias „Don Alphonso“ auf faz.net. Er arbeitet sich in einer Serie von Texten – u.a. auch unter seiner tatsächlichen Identität R. Mayer – an der Reaktion feministischer Kreise auf die Ereignisse von Köln letztes Silvester ab, die zur Einordnung der Geschehnisse auf der Kölner Domplatte Vergleiche mit der Situation auf dem Oktoberfest zogen.

Zurecht kritisiert er zum Einstieg einen Text aus der taz, der von im Schnitt zehn offiziell angezeigten Vergewaltigungen und einer Dunkelziffer von 200 nicht angezeigten während des Oktoberfests ausgeht – eine Behauptung, die tatsächlich inhaltlich nicht nachvollziehbar ist, auch wenn sich medial leider oft auf sie bezogen wird.

Allerdings nutzt Don Alphonso diese tatsächliche taz-„Ente“, um zum großen Rundumschlag gegenüber den feministisch-linken Kommentatorinnen auszuholen. „Abgesprochene Massenübergriffe durch junge, nichtweisse [sic] Migranten passten da nicht ins Weltbild, und deshalb musste das Oktoberfest als Vergleichsmaterial herhalten.“ Als eines von mehreren Beispielen führt er – ohne ihn zu verlinken – einen Text von M. Stokowski auf Spiegel online an. Wer sich die Mühe macht, diesen Text zu suchen, findet zwar dort tatsächlich die Verlinkung auf den oben genannten schwachen Text der taz.

Inhaltlich schreibt sie aber mit einer weiteren Verlinkung auf sz.de: „Es hätte eine Debatte über sexualisierte Gewalt nach jedem verdammten Oktoberfest, nach jedem Karneval und jeder WM-Fanmeile geben können. Gab es aber nicht. Weil kaum jemand sich freiwillig mit so hässlichen Dingen beschäftigt und zugeben will, wie weitverbreitet Übergriffe dieser Art sind. In einer EU-weiten Studie gaben 55 Prozent der Frauen an, sexuelle Belästigung erlebt zu haben.

Sie sah in der Diskussion Anfang des Jahres eine eher ausländerfeindlich motivierte Instrumentalisierung und eine medienseitige Skandalisierung der Geschehnisse in Köln und mahnte: „Was es bräuchte, wäre ein radikaler Wandel im Umgang mit sexualisierter Gewalt. Sie zu verharmlosen und zu billigen, ist eben auch ein deutsches Kulturgut. Um das zu ändern, wäre vieles notwendig: Schließung der Lücken im Sexualstrafrecht, sodass alle Fälle, in denen sexuelle Handlungen gegen den Willen einer Person geschehen, strafrechtlich verfolgt werden können – das ist im Moment nicht der Fall in Deutschland.

Von all dem ist bei Don Alphonso nichts zu lesen. Stokowski als Beispiel wird bei ihm eine „Aktivistin“, die offenbar bewusst oder dummdreist falsche Statistiken nutzt, um Straftaten von Ausländern zu relativieren. Und der vorzuwerfen ist – und da wird der Text selbstentlarvend – sie würde einer „deutschen Rape Culture“ das Wort reden.

Das ganze wird in fast epischer Breite von Don Alphonso argumentativ mit Statistiken über das letzte Oktoberfest untermauert, die tatsächlich zeigen, dass es heuer kaum deutsche Straftäter auf dem Oktoberfest gab, im Gegensatz aber dazu auch hier statistische Häufungen bei angezeigten Taten von Flüchtlingen auftraten.

Etwas schmierig wird seine Argumentation in folgendem Abschnitt: „Manche Frauen gehen sogar dort hin, um mit Männern in Kontakt zu kommen, sie singen dort leicht mit hässlichen Fetzendirndln bekleidet Lieder unzüchtigen Inhalts, und schwenken Bierkrüge und Oberweiten. Es ist dort völlig normal, dass sich Menschen auf eine eher rustikale Art näher kommen. Viele möchten das genau so, auch wenn sich das in Frauenministerium niemand vorstellen kann.

Und genau da wird die argumentative Differenz zwischen den weiblich-feministischen Autoren und diesem Autor sichtbar. Wer sich mit jüngeren Frauen über die Wiesn unterhält, wird von fast jeder Geschichten des Betatschens, des Begrapschens und des im wahrsten Sinne des Wortes übergriffigen Anbaggerns erzählt bekommen. Er wird von „wanderenden“ und niemandem zuortenbaren Händen im Gedränge, er wird vom „Dirndl heben“ hören. Keine dieser sich im „normalen“ Leben sicher im Bereich der Strafbarkeit bewegenden Taten wird jemals angezeigt werden. Keine dieser Taten ist auf bestimmte Männergruppen beschränkt. Trotzdem sind sie Realität auf der Wiesn. Und vor allem darauf haben – meiner Meinung nach zurecht – die feministischen Autorinnen hingewiesen.

Denn leider muss ich nach dem Text von Don Alphonso schreiben: Wer das alles als „rustikale“ Annäherung ansieht und Frauen in „Fetzendirndln“ als willfährige Beute beschreibt, der mag für seine Klientel tatsächlich „konsequent und eloquent gegen den Zeitgeist [bügeln]“. Verstanden, worum es den feministischen Autorinnen bei ihrem Vergleich mit dem Oktoberfest wirklich ging, hat er aber sicher nicht.

Bildquelle: Bayreuth2009Eigenes WerkCC BY 3.0

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7 Antworten zu Realitäten

  1. der Gast schreibt:

    Ich würde Sie gerne auf diesen Link mit etwas präziseren Zahlen hinweisen:
    https://www.frauen-gegen-gewalt.de/gewalt-gegen-frauen-zahlen-und-fakten.html

    Fakt 1: „40% der Frauen in Deutschland haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt.“ Das ist viel, definitiv. Dennoch fraglich, wieso Sie unbedingt die EU-Zahl von 55% verwenden mussten, wo es doch ausschließlich um Deutschland geht.

    Fakt 2: „Gewalt gegen Frauen wird überwiegend durch Partner oder Expartner und im häuslichen Bereich verübt.“
    Und da wird es eigentlich interessant, weil es eben zeigt, daß es sich hier um zwei ganz unterschiedliche Phänomene handelt. Als erstes die verbreitete sexuelle Gewalt in Deutschland, meinetwegen auch in Europa. Diese findet aber primär im häuslichen Bereich statt, und wird von bereits bekannten Menschen verübt.
    Während bei den Kölner Vorfällen, denen ja mittlerweile unzählige andere in ganz Deutschland folgten, ein ganz anderes Handlungsschema zum Tragen kommt. Hier ist eine Gruppe junger Männer, die sich eine gänzlich fremde Frau aussuchen, und sie dann gemeinsam in die Zange nehmen, in eine Ecke drängen und sich an ihr vergehen. Das war bisher in Deutschland nicht üblich, und kann eindeutig als „Taharush Gamea“, einem in Nordafrika bereits seit langem bekannten Phänomen identifiziert werden.

    Und weil sexuelle Gewalt in Deutschland primär im häuslichen Bereich ausgeübt wird, ist eben gerade der Oktoberfestvergleich falsch und nicht zum Aufrechnen geeignet.

    Wahrscheinlich werden Sie jetzt „Sexuelle Gewalt ist immer schlimm, egal ob im häuslichen Bereich oder der Öffentlichkeit“ sagen oder denken. Und das stimmt. Ändert aber nichts daran, daß Oktoberfest und Kölner Silvester nicht vergleichbar sind, um zu demonstrieren, daß es auch in Deutschland sexuelle Gewalt gibt. Eben, da es auf dem Oktoberfest, der ja ein öffentlicher Raum und kein häuslicher Bereich ist, sexuelle Belästigung sehr viel marginaler auftaucht. Es geht hier einfach um einen seriösen und ernsthaft um Analyse bedachten Ansatz. Leider kommt es eben vor, daß Migranten durchaus neue Gepflogenheiten und damit neue Probleme, neue Kriminalität importieren.

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    • Montrose schreibt:

      Sie haben die Intention meines Textes missverstanden. Ich verspüre keinerlei Lust, mich darüber zu streiten, was sexuelle Gewalt ist, in welcher Ausprägung sie in welchen Regionen der Welt auftritt oder welche Ausprägung davon am schlimmsten ist.
      Die von Ihnen kritisierten Zahlen stammen aus Zitaten der zugrundeliegenden Texte, deren Inhalt ich – wie ich ja vorangestellt habe – sicherlich nicht in Gänze teile, da sie alle von den von mir als „Hofnarren“ bezeichneten Autoren stammen (zu denen natürlich auch Stokowski gehört).
      Nichtsdestotrotz ärgert mich die Themaverfehlung von Don Alphonso in der nur scheinbaren Erwiderung auf Stokowski (mal abgesehen von der wirklich schmierigen Passage, die ich insbesondere herausgestellt habe). Er wirft den feminstischen Autorinnen schlicht eine Intention vor, die aus meiner Sicht aus den Texten nicht oder nur in sehr böswilliger Absicht herauslesbar ist. Um mehr gehts mir in diesem Fall nicht.

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      • Metall-Hahn schreibt:

        Das Problem ist glaube ich, dass die von Don Alphonso herausgestellte Relativierung der Silvestervorfälle mittels (in diesem Falle frei erfundener) Fallzahlen einheimischer Täter nicht bloß eine einmalige Verfehlung darstellt, sondern Methode hat. Man konnte es bspw. auch an der 2013er „#Aufschrei“ Debatte, und übrigens ganz aktuell an der ähnlich gelagerten „#notokay“ Debatte in den USA erkennen, nämlich das Phänomen, dass so genannte (zumeist netzafine) „3rd Wave Feminists“ ausschließlich die Skandalisierung sexueller Gewalt durch weiße heterosexuelle Männer betreiben, und die (statistisch häufigeren – jedenfalls bezogen auf den öffentlichen Raum) Vergehen durch Männer anderer Kategorien (v.a. muslimische Migranten) konsequent beschweigen, leugnen und relativieren – davon, dass grundsätzlich auch weibliche Täter existieren, mal ganz zu schweigen.

        Im Zeichen des Antirassismus (gegen die Diskriminierung von Minderheiten) kommt es hier zu einer neuen Form des Rassismus, in Form der Diskriminierung der weißen Mehrheit (indem man sie als einzig relevante Tätergruppe definiert). Diese prinzipielle Logik kennt man auch von den so genannten „Antideutschen“ – aus einem (ursprünglichen) Kampf gegen Faschismus wird ein Rassismus unter umgekehrten Vorzeichen. Falls man man sich doch einmal genötigt sieht darauf einzugehen, dass migrantische Täter existieren, wird sofort jeder Zusammenhang mit dem kulturellen und religiösen Hintergrund geleugnet, und die Täter werden als Opfer einer strukturell rassistischen Mehrheitsgesellschaft konstruiert, was sie dann letzten Endes erst zu den Taten veranlasst habe. Wie man es dreht und wendet, ist am Ende also auf jeden Fall doch wieder der weiße heterosexuelle Mann der eigentliche Schuldige.

        Somit ist es nicht weit her geholt, den von Don Alphonso heraus gegriffenen Feministinnen gewisse Absichten und Strategien zu unterstellen. Übrigens stammt ihr Zitat vom „konsequent und eloquent gegen den Zeitgeist [bügelnden]“ Autorenalias“ aus meiner Feder. Tatsächlich habe ich gestern aber zum ersten mal einen Beitrag des werten Don kommentiert, weshalb ich sicher nicht zu seinen Claqueren zähle, so er welche haben sollte, sondern es handelte sich um den spontanen Ausdruck der Anerkennung für einen freigeistig und dabei gelassen und ohne jeden Geifer Denkverbote und eingefahrene Diskursmuster ignorierenden Schreibstil, wie er – jedenfalls im Mainstream – äußerst rar geworden ist. Wer bereit ist sich so zu exponieren, der verdient ganz gewiss Anerkennung, denn er geht das Risiko ein, vom potentiell existenzvernichtenden Bannstrahl einer auf politische Korrektheit geeichten Medienöffentlichkeit getroffen zu werden.

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      • Montrose schreibt:

        Zum Zeitgeist ein kurzes Wort: Nach den letzten zwei Jahren, die ich hier in Deutschland medial erleben durfte, halte ich die Schreibe von Don Alphonso für sehr zeitgeistig. Zumindest jedenfalls für ebenso zeitgeistig, wie die der Gegenseite unterstellte übertriebene pc. Deshalb habe ich Ihren Kommentar als Beispiel gewählt (auch wenn ich damit vielleicht den falschen „getroffen“ habe).

        Ansonsten bin ich wie geschrieben der letzte, der „freudestrahlend“ jeglichem feministischen Argument folgt. Ich halte vieles aus dieser Ecke für zweifelhaft, oft erscheint mir der heutige Feminismus ein reines Lobbyprojekt für die Machterweiterung von privilegierten Frauen – was diese wie bei jedem Lobbyismus selbstverständlich dürfen, was ich aber nicht unterstützen muss.
        Trotzdem halte ich Don Alphonsos „Abarbeitung“ an dem Thema für verfehlt, denn natürlich war es wunderbar zu beobachten, wie „begeistert“ eine bestimmte Klientel die furchtbaren Vorgänge in Köln aufgenommen hat, um allgemein Stimmung gegen Zuwanderung zu machen. Es war berechtigt zu thematisieren, dass es Teilen der medialen Öffentlichkeit in keinster Weise um die Opfer ging. Und wenn ich ehrlich bin: Ich glaube auch nicht, dass es Don Alphonso in seinen Texten wirklich um die Opfer geht.

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  2. Metall-Hahn schreibt:

    RE: Sie haben wohl insofern recht, als Don Alphonsos Schreibe zeitgeistig im Sinne der öffentlichen, allerdings nicht der veröffentlichten Meinung (des Mainstreams) in Deutschland der letzten Jahre ist. Allerdings bildet er diesen Zeitgeist auf eine recht ansprechende Weise ab, wenn man ihn mit vielen teilweise ziemlich brachial vorgehenden „Anti Establishment“ Schreibern in der sich herausbildenden Gegenöffentlichkeit eines „Anti Mainstreams“ vergleicht.

    Das Problem ist der Graben zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung, und eines öffentlichen und veröffentlichten Zeitgeistes. Da ersterer im medialen Mainstream kaum noch stattfindet (von Ausnahmen wie Don Alphonso, Matussek oder Klonovsky abgesehen, wobei letztere ja tatsächlich bereits aus dem Mainstream exkludiert wurden bzw. sich selbst exkludierten) dringt in dieses Vakuum einer Repräsentationslücke eine wachsende mediale Gegenöffentlichkeit vor. Dieser Vorgang findet synonym zum Vordringen der AfD und Pegida auf dem Feld der politischen Öffentlichkeit bzw. Repräsentation statt.

    Leider geht eine gewisse Radikalisierung mit diesen Vorgängen einher, weshalb ich es vorziehen würde, wenn die (medialen und politischen) Repräsentationslücken von den etablierten Parteien bzw. Medien abgedeckt würden, womit aber wohl nicht mehr zu rechnen ist – die Fronten scheinen bereits allzu verhärtet. Daher mag einem das was ein Don Alphonso schreibt – je nach persönlicher politischer Präferenz – fallweise oder grundsätzlich gefallen oder nicht gefallen. In jedem Fall sollte man anerkennen, dass er die Funktion der medialen Repräsentation eines sukzessive in den Bereich einer sich radikalisierenden Gegenöffentlichkeit abwandernden (und potentiell wachsenden) Bevölkerungsteils abdeckt, und das mit einer vergleichsweise moderaten inhaltlichen Profilierung. Gäbe es mehr Don Alphonsos im Medienmainstream, hätten Verlage und Publikationen der erwähnten erstarkenden Gegenöffentlichkeit – wie z.B. der Kopp Verlag oder das Compact Magazin – ein echtes Problem.

    Dass es Teilen der Bevölkerung im Falle der Silvestervorfälle nicht um die Opfer, sondern die Bestätigung eigener Ressentiments ging und geht, will ich keinesfalls bestreiten. Leider gab es zwischen bedingungsloser Willkommenskulturbefürwortung und bedingungsloser Ablehnung derselben kaum vermittelnde Stimmen in der politischen und medialen Öffentlichkeit, so jedenfalls habe ich das ganz klar empfunden. Auf diese Weise wird ein Zusammenschluss der ressentimentgeladenen und der moderaten, aus sachlichen Gründen besorgten Bevölkerungsteile geradezu provoziert. Ergebnis ist die massive gesellschaftliche Polarisierung, die wir derzeit gerade erleben.

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    • Montrose schreibt:

      Ich habe keinerlei Probleme mit dezidiert konservativen Meinungsäußerungen (genauswenig wie mit sehr linken), die natürlich ihre Berechtigung haben – und sei es nur dafür, gegen sie anzuschreiben. Im Zweifel fällt sowieso die Äußerung auf den Sender zurück. Allerdings empfinde ich unsere Medienlandschaft auch im konservativen Spektrum als reichhaltiger als wie von Ihnen beschrieben. Meines Erachtens hat die Abwanderung zu Plattformen wie dem compact-Magazin (oder indymedia oder was es weit links der Mitte so gibt) eher etwas mit dem bewussten Ausblenden von störenden Gegenmeinungen und einer „wärmenden“, gefühligen Gemeinschaft zu tun als mit dem Defizit an konservativer oder progressiver Diskursmöglichkeit.
      Ich befürchte, dass die Stimmen recht haben, die von einer Sehnsucht nach mehr Emotionalität sprechen. Pragmatismus und Rationalität werden immer weniger wertgeschätzt, ein „flott“ geschriebener Text mit einer „starken“ Meinung ist viel öffentlichkeitswirksamer als abwägender Journalismus (nebenbei: Vom ersteren „lebt“ ja auch mein Blog).
      Leider sind aber viele Themen eben nicht so „einfach“ zu lösen, wie es sich die Trumps dieser Welt vorstellen. Die Sehnsucht der AfD nach den „guten“ 20ern des vorigen Jahrhunderts oder das Liebäugeln mit Putin erscheint mir doch sehr vom Ideal einer „starken“ Führungspersönlichkeit geprägt zu sein, die schnell, einsam und hart entscheidet. Dass diese Persönlichkeiten in der Regel furchtbare Entscheidungen getroffen haben: Geschenkt, wird übersehen.
      Dabei glaube ich, dass diese Grundströmung – die ja weltweit zu beobachten ist – schon länger in der Gesellschaft angelegt ist. Jetzt brauchte es nur noch die richtigen Ereignisse, um das latent bereitstehende Potential zu heben. Und Euro- und Flüchtlingskrise waren da genau der Auslöser, mit dem die Freisetzung möglich wurde. Sie haben aber außer dieser Sichtbarkeit nichts „neues“ bewirkt, was nicht schon dagewesen wäre.

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      • Metall-Hahn schreibt:

        Naja, also was die Reichhaltigkeit des (Mainstream-)Medienspektrums betrifft habe ich eine durchaus andere Wahrnehmung. Nehmen wir die FAZ, traditionell das konservativste, am weitesten rechts stehende Medium im Mainstream. Explizit konservative Standpunkt sind dort in den letzten Jahren immer weniger geworden, der allgemeine (offizielle) linksliberale Konsens hat auch dort zunehmend Einzug gehalten. In der Zeit nach der Grenzöffnung 2015 waren dort die gleichen „Refugees Welcome“ Hymnen zu lesen, wie in Süddeutscher Zeitung, Spiegel, Zeit, Taz und tendenziell sogar den Spingerblättern. Die, von vielen Followern eifrig beklatschte, Sonderstellung eines Don Alphonso rührt ja gerade daher, dass er die berühmte Ausnahme von der Regel ist, oder – in ihren Worten – der blogartige Kommentator aka Hofnarr, der „vom Leder“ ziehen darf. Das haben sie eigentlich ziemlich gut erkannt und formuliert. Tatsächlich zeichnet auch einen Martenstein (Tagesspiegel und ZON) aus, dass er seine Ausbrüche aus dem Meinungskorridor auf eine flappsige, augenzwinckernde Art formuliert. Wer sich die Narrenkappe aufsetzt, darf noch die freie Rede üben, wer Ernst macht (wie Matusek und Klonovsky), wird des Platzes verwiesen. Das gilt übrigens auch für das linke Spektrum, wenn man daran denkt, dass wirklich substanzielle Systemkritik heutzutage vorwiegend von Leuten wie Georg Schramm, Max Uthoff oder Claus von Wagner (allesamt Kabarettisten) formuliert wird. Zwar hat man links (nach meinem Empfinden) noch etwas mehr Luft zum Atmen als rechts, aber vorherrschend ist auch hier jene windelweiche kulturalistische und materielle Systemwidersprüche ausblendende Lesart, die eine wesentliche Ursache für den Zustimmungsverlust der politischen Linken in Deutschland (und Europa) darstellt.

        Zu diesem Komplex noch ein Nachtrag: Tatsächlich konnte man in den letzten Wochen (als regelmäßiger FAZ Leser) eine leichte Verschiebung hin zu einer ein klein wenig regierungs- und flüchtlingspolitikkritischeren Linie erkennen, jedenfalls kam es mir so vor. Ursächlich dafür könnten die generell, aber in 2016 ganz besonders stark fallenden Auflagenzahlen der FAZ sein. Praktisch alle Mainstreamblätter haben damit zu kämpfen, was eben auf die Abwanderung der Leser in die erwähnte Gegenöffentlichkeit alternativer Medien zurück zu führen ist.

        Interessant ist ihre Lesart der gesellschaftlichen Entwicklung als „Sehnsucht nach mehr Emotionalität“. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, aber eines ist auf jeden Fall zutreffend, nämlich dass Politik heute viel stärker emotionalisert wahrgenommen und diskutiert wird als noch vor, sagen wir mal 10 Jahren. Das nehme ich in der Tat auch bei mir selber und in meinem Umfeld wahr. Man ist überhaupt politisierter, aber politisiert auf eine emotionale Art. Das gilt allerdings für die gesamte Gesellschaft, also auch für die Eliten. Eine Art emotionale Überspanntheit prägt heute den Diskurs zwischen Regierung und Regierten, zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, Fraktionen und weltanschaulichen Lagern. Die alte Selbstgewissheit und Betulichkeit der Bonner Republik, sie ist entschwunden.

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