Ich trage eine Burka

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In den letzten Wochen gab es ausführliche Diskussionen über Verschleierung in Europa. Den einen ist das Thema egal, die anderen meinen, der Aufwand eines Verbots lohnt nicht. Dritte verteidigen die Freiheit und sehen es als Recht einer jeden an, sich so zu kleiden, wie sie will. Andere wollen dagegen die Frauen vor sich selber und ihrer patriarchalen Kultur schützen. Islamfeinde sind sowieso gegen alles, was nach Islam „riecht“. Und zuletzt empfinden manche eine Vollverschleierung schlicht als interkulturelle Frechheit in einer auf Mimik ausgerichteten Begegnungskultur.

Ich selber neige ja gefühlsmäßig zum letzteren, mein Verstand sagt mir aber: Eigentlich ist es unwichtig. Ich begegne kaum einer Vollverschleierten, keine wird den Kontakt mit mir suchen, in Deutschland sind sie selber schuld, wenn sie das mitmachen, also vergessen wir das ganze am besten und gehen zu wichtigeren Dingen über.
Allerdings – nach ein wenig Überlegung – kam ich zu der klaren Entscheidung, gegen jeden Verbotsversuch vehement ankämpfen zu wollen.

Dabei sind mir weiterhin vollverschleierte Frauen reichlich egal, für sie würde ich nicht in den politischen Kampf ziehen. Ich sehe eine für mich sehr viel relevantere Zukunftsdystopie auf mich zukommen, die mich selber zum Tragen eines Äquivalents einer Vollverschleierung bringen könnte. Was natürlich schwieriger in der Umsetzung würde, wäre ich jetzt für ein Verbot und würde es durchsetzen.

Was ist meine Dystopie? Wir sind gerade dabei, Bilderkennung soweit zu perfektionieren, dass eine flächendeckende Überwachung von Räumen und Plätzen mit gleichzeitiger automatischer Identifizierung der gefilmten Personen stattfinden kann. Während ich mich zum Beispiel der natürlich schon lange funktionierenden Handyortung und darauf aufbauender persönlicher Identifikation durch Verzicht auf die Mitnahme eines Handys entziehen kann, wird die Bilderkennung mir keinen Ausweg mehr lassen. Es sei denn eben, ich trage Kleidungsstücke, die eine Identifikation unmöglich machen.

Wer glaubt, das sei alles ferne Zukunft, der sei z.B. auf die Artikelliste auf heise.de unter dem Filter Gesichtserkennung verwiesen. Wer glaubt, sich davor schützen zu können, indem er keine Bilder von sich ins Internet stellt: Pech gehabt, ein Freund, der meine Daten in seinen Handykontakten mit einem Bild von mir abgespeichert hat, hat mich bereits „ausgeliefert“. Dass mittlerweile die Personalausweisbilder digital „verarbeitet“ werden, braucht da nicht einmal mehr erwähnt zu werden.

Sprich: Bereits heute ist die Wahrscheinlichkeit gar nicht so niedrig, dass jemand mich in der Innenstadt photographiert, einen Algorithmus anschmeißt und meinen Namen und vieles weitere über mich herausfindet. Für mich irgendwie zunehmend gruselig in seinen Möglichkeiten. Was mich zum Ausgangspunkt bringt: Ich kann mir vorstellen, dass wir irgendwann in Bälde erleben werden, dass Menschen bewusst „maskiert“ auf die Straße gehen, um nicht für jeden, der will, identifizierbar zu sein. Wenn wir jetzt also mit dem Argument der Vermummung die Burka verbieten, dann nehmen wir uns im gleichen Schritt endgültig auch das Recht, in der Öffentlichkeit in Zukunft vor unserem Staat (und jedem anderen auch) anonym zu bleiben.

Bin ich paranoid? Vielleicht. Leider vermute ich aber tatsächlich, dass wir dieser Zukunft sehenden Auges und mit hoher Geschwindigkeit entgegengehen. Was wir dagegen machen können? Wenig, so wie die Weichen derzeit gestellt sind. Nur eines bleibt uns übrig: Für jeden wirklich freien Raum zu kämpfen und nicht leichtfertig auf unser Recht auf Anonymität zu verzichten. Wenn wir erst einmal alle daran glauben, dass sich derjenige verdächtig macht, der auf dieses Recht besteht, dann haben die gewonnen, die Anonymität per se verdächtig finden. Und die dadurch verdächtig sind, auch und besonders, wenn sie „Don’t be evil“ als Motto vor sich hertragen.

Podcast-Tipp

Bildquelle: Al from Edinburgh, ScotlandAnti-Scientology ProtestCC BY-SA 2.0

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