Abkürzungen

BUGA_2005Wie ich in meinem vorigen Text bereits andeutete, hatten mich die letzten Wochen in meinem Kampf für mehr Liberalität und Rationalität ermüdet. Rechte Populisten erscheinen nur noch durch ihr eigenes Versagen gesellschaftlich einhegbar. Junge Männer tragen die Gewalt in unsere Mitte, ihre destruktiven Beweggründe tarnen sie recht willkürlich und nach eher zufälligem Gusto als rechts, islamistisch oder links. Gesamtgesellschaftliche Diskussionen erleben wir als immer anstrengender, hört doch kaum jemand mehr dem anderen zu, werden Gefühle und Befindlichkeiten in ihrer Subjektivität „heilig“ gesprochen und gelten Fakten immer weniger. Vor allem letzteres ist besonders überraschend in einer Zeit, in der jedem mehr Fakten und Informationen zur freien Verfügung stehen, als jemals zuvor in der Weltgeschichte.

Um Ruhe und Besonnenheit bemüht, blieb ich sprachlos zurück und fragte mich, wo eigentlich der Zusammenhang dieser Entwicklungen ist. Warum treten weltweit Populisten ihren Siegeszug an? Warum ist Subjektivität so wichtig geworden? Was verbindet den verblendeten islamistischen Selbstmordattentäter mit dem Dörfler, der Asylbewerberheime anzündet? Wieso gelten derzeit Führungspersönlichkeiten soviel mehr als Inhalte? Warum gibt es für viele nur noch eine akzeptable Wahrheit, für die es offenbar lohnt, bis zur physischen Selbstaufgabe zu kämpfen? Und warum erscheint es so, als giere die Menschheit in fast jedem Winkel der Welt nach Aufruhr und wünsche sich geradezu eine Katastrophe herbei?

Mir scheint es, bei all dem sichtbaren eine Konstante zu geben: Die Sehnsucht nach der schnellst möglichen Abkürzung, der quasi leistungslosen Zielerreichung.
Zunächst will man als Kleinkrimineller ohne eigene Schaffenskraft zu Reichtum kommen und dann soll, weil es offenbar nicht klappt im hier und jetzt, ein Massen- mit inbegriffenem Selbstmord zu Ruhm im Jetzt und zu einem paradiesischen Leben für alle Zukunft führen.
Wenn durch eigene Leistung keine Selbsterhöhung gelingen mag, eine einfache Möglichkeit der zumindest relativen Aufwertung gibt es immer: Die Erniedrigung des anderen, des schwächeren. Und wer die Suche nach dem anderen nicht verkomplizieren will, der wählt schwer abänderliche Äußerlichkeiten wie Phänotypen, das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung, um seine Opferschubladen zu bilden.

Wer Wählerstimmen gewinnen will, den verwirrt nur die Komplexität unserer Welt. Zusammenhänge verstehen, Lösungen entwickeln und diese dann in all ihrer Begrenztheit dem Wähler vermitteln – dies erscheint unsinnig, wenn populistische Behauptungen ohne Faktengrundlage zu mehr medialer Aufmerksamkeit führen und einfache Lösungen die Sehnsucht nach dem starken Führer im Wahlvolk bedienen. Die dadurch angesprochenen Wähler wandeln dabei auf der selben Abkürzung, wollen sie doch nicht hören, dass die heutige Welt einfache Lösungen selten möglich macht, jedes Handeln wie Nichthandeln Konsequenzen nach sich zieht und nicht jeder immer gewinnen kann.

Der gemeinsame Rückzugsraum, auf den man sich links wie rechts einigen kann, ist die Nation. Alle eint eine trügerische Sehnsucht nach der guten alten Zeit, als das Wirtschaftswunder noch ein Wunder für alle war und die Rolle der Staaten durch die Blockbildung vorgegeben wurde. Die Erkenntnis, dass Freiheit Risiken in sich birgt, führt zunehmend zum Wunsch nach Aufgabe von Freiheiten. Sicherheit in einer als zunehmend unsicher empfundenen Welt ist das Ziel. Die Abkürzung dorthin scheint der starke, selbstbestimmte, ethnisch reine und damit unkomplizierte Nationalstaat, der doch irgendwie beunruhigend schwachbrüstig erscheint, wenn man sich mit ihm beschäftigt – egal von welcher scheingroßen und präpotenten Führungspersönlichkeit er geleitet würde.

Wollte man recht kurz springen, könnte man auf die Idee kommen, die neue, große Veränderungsmaschine Internet für die Entwicklungen der letzten Jahre verantwortlich zu machen. Der Siegeszug der sozialen Medien, die große Teile der Weltbevölkerung scheinbar miteinander verbinden, ist dabei sicher nicht ganz unschuldig am Zustand der Gesellschaften. Soziale Resonanzräume – genannt „filter bubbles“ – unterstützen die Radikalisierung einzelner, indem sie homogenisierte „Orte“ selbst für Nischenmeinungen schaffen, in denen früher kaum mögliche Selbstverstärkungsprozesse stattfinden. Wer vor 1990 eine radikale Einzelmeinung vertrat, musste lange nach Mitstreitern suchen. Heute reichen ein oder zwei geschickt gewählte Suchbegriffe aus, um Anschluss an ähnlich abstrus Denkende zu erhalten. Und ist der Anschluss geschafft, kann die „Gegenwelt“ fast vollständig und selbstgenügsam ausgeblendet und jede Störung der eigenen Meinungswelt durch Fakten vermieden werden.

Zugleich erleben wir auf bisher nicht gekannte Art und Weise eine Beschleunigung ungefilterter Informationsweitergabe. Videos zeigen uns bereits Minuten nach einer Handlung die scheinbaren Geschehnisse. Eine Einordnung des Gesehenen erfolgt nicht, die Bilderflut gaukelt uns Wahrheit vor und stellt doch nur einen kleinen Ausschnitt davon dar, der zum richtigen Verständnis der Situation erst interpretiert werden müsste. Diese Bilder sprechen unsere Gefühle und Instinkte an, sie erregen uns, es ist schwer, ihnen auszukommen. Bilder werden deshalb von vielen Seiten instrumentalisiert, viele von uns haben nicht gelernt, Distanz zu wahren und das Gesehene zu hinterfragen. Und schon kochen die Emotionen hoch und erzeugen neue Bilder.

Warum aber glaube ich, dass diese einfache Begründungslinie für die momentane Gesamtentwicklung zu kurz gesprungen ist?

Ich bin der Überzeugung, dass die aktuelle Nutzung des Internets eher eine Auswirkung der derzeitigen Misere ist als ein Grund dafür. Für mich beginnt der Weg in die Misere bereits deutlich vor der weitreichenden Nutzung des „Internets für jedermann“. Das heutige Internet ist im Prinzip nur ein gestaltbares Werkzeug, dessen Nutzung viele Möglichkeiten hat. Und wir alle haben uns entschlossen, es genau so zu nutzen, wie wir es heute erleben. Und das hat seine Gründe.

Meines Erachtens begaben wir uns in den 80ern auf den Pfad, auf dem wir uns aktuell bewegen. In einem anderen Text schrieb ich davon, dass wir heute in der Unternehmenskultur das Problem haben, dass aktuell die in den 80ern „asozialisierten“ Manager – die heute Anfang/Mitte 40 sind – das Ruder übernommen haben. Was prägte die 80er? Vordergründigkeit, schneller, oft leistungsfreier Erfolg, die Befreiung von gesellschaftlichen Normen und Werten, eine Orientierung am rein wirtschaftlich gemessenen Ergebnis. Mehr Schein als Sein, ein zunehmend enthemmter Raubtierkapitalismus, eine Feier des Individualismus und des Egoismus.

Es war die Zeit der großen „Investoren“, die Firmen aufkauften und zerschlugen. Es war die Zeit der Spekulation. Margaret Thatcher zerschlug die Gewerkschaften und „befreite“ die Banken. Romane wie „The Bonfire of the Vanities“, die die neuen „Helden“ der Zeit – die Broker – zum Thema hatten, feierten Erfolge. Nicht mehr harte Arbeit, sondern Deals, Beziehungen und die Anwesenheit zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort waren Erfolgsgaranten. Leistung wurde unwichtig. Gier erschien gut. Rücksichtslosigkeit war akzeptiert.

Es war die Zeit der Supermodels, die allein durch Schönheit zu Reichtum und Ruhm kamen. Helmut Kohl „schuf“ die Privatsender mit ihrem unsäglichen Verdummungsprogramm, die seitdem jedes Jahr neue D-Promis für Nichtigkeiten berühmt machen und die die Gefühligkeit in die Medienlandschaft einführten. Rupert Murdoch legte mit Fox und British Sky die Grundlagen seines Welterfolgs als inhaltlich recht zweifelhafter Medienunternehmer. Selbst in der Musik war das Beherrschen eines Instruments keine Voraussetzung mehr für Erfolg. Die passende Musikrichtung dazu wurde der Punk.

Das alles sind willkürliche Beispiele für ein spannendes und im Rückblick recht enthemmt wirkendes Jahrzehnt, dessen Auswirkungen wir aus meiner Sicht heute spüren. Leistungsloser Erfolg war nicht nur akzeptiert, sondern wurde das Ziel für viele. Werteorientierung wurde zunehmend zum Erfolgshindernis. Lärmende Vordergründigkeit und dreistes Verkaufstalent waren wichtiger als echte Produkte.

Ich befürchte, dass wir mittlerweile in größer werdenden Teilen der Gesellschaft die Einstellung vorfinden, dass Geduld und harte Arbeit nicht notwendig für Erfolg sind. Berufswünsche wie „Model“, „Rapper“ oder „Youtubestar“ bei gleichzeitiger Ablehnung akademisch schwierig erscheinender Fächer wie Mathematik und Naturwissenschaften weisen den Weg – unabhängig vom wahren Einsatz von erfolgreichen Stars dieser Berufsrichtungen, deren Attraktivität doch viel vom Ruf der „Leistungslosigkeit“ lebt. Nicht umsonst boomten in den letzten Jahren weltweit Fernseh-Formate wie „Germanys next topmodel“ oder „Deutschland sucht den Superstar“.

MetropolisposterJa, genau. Je nach Milieu sucht die Welt den Superanführer, den Topattentäter, den Hyperheilsbringer oder den Überstartupunternehmer. Einzelne Persönlichkeiten werden dabei immer wichtiger, gilt doch quasireligiös eine Person als durch „Gott gesegnet“, wenn sie den medialen Kriterien für diese Auswahl entspricht. Geschicktes Selbstmarketing verwischt dabei die plumpe Selbstermächtigung dieser Menschen. Und nur zu gern glauben wir an die Auserwähltheit, macht sie doch eine kritische, inhaltliche Auseinandersetzung überflüssig und nimmt sie uns jegliche Entscheidung ab. Es gibt nur noch richtig oder falsch. Und das richtige wird durch den Auserwählten repräsentiert, dessen Kritiker also Feinde sein müssen.

Nun ist das aber natürlich nichts einzigartig neues, was wir hier erleben – was meine These zum nicht bestimmenden Einfluss des Internets stützt. Gerade Deutschland hat in Bezug auf radikalen Populismus mit der anschließenden Wahl sehr „einfacher“ Lösungen einige historische Erfahrung. Deutschland erscheint deswegen im europäischen Vergleich als ein Hort der demokratischen Stabilität, sind doch unsere Populisten kaum satisfaktionsfähige Rechtsausleger wie Höcke, Gauland oder Petry – Seehofer einmal nicht mitbetrachtet – und werden wir von einer außerordentlich langweilig erscheinenden, gänzlich uncharismatisch auftretenden Machtpolitikerin geführt.

Und doch erscheint es bemerkenswert, dass auch bei uns die zwanzig Prozent bisher schweigenden Undemokraten immer lauter ihre Stimme erheben und zunehmend Resonanz in den großen Parteien finden – links wie rechts im politischen Spektrum. Und gerade weil wir Erfahrung mit Krisen und ihren Auswirkungen haben, sollten wir alle wachsam sein, denn viel besser als derzeit wird die wirtschaftliche Entwicklung in den nächsten Jahren nicht werden. Und die sogenannte „Neue Rechte“ wartet nur auf eine Eintrübung der ökonomischen Randbedingungen, die Blaupausen ihrer Handlungen liegen bereit.

Die schleichende Entwertung für die Gewaltenteilung wichtiger Elemente ist bereits im Gange. Warum sich mit journalistischen Inhalten auseinandersetzen, wenn man sie doch einfach summarisch als „Lügenpresse“ diskreditieren kann? Warum sich mit der politischen Debatte beschäftigen, wenn man sie als von dunklen Eliten gesteuert ignorieren kann? Warum wissenschaftlich sauber argumentieren, wenn doch eine geschickt formulierte Verschwörungstheorie mit bestenfalls vorgegaukeltem Faktenbezug viel besser klingt? Warum sich mit Kritik auseinandersetzen, wenn man sich zum Opfer der medialen „political correctness“ stilisieren kann? Ist erst einmal die Entwertung von Medien, Politik und Verfassungsgerichtsbarkeit vollzogen, dann ist der Weg für eine Auflösung oder Gleichschaltung bereitet. Man braucht nur über die Grenze nach Osten zu schauen, um Beispiele dieses Wegs in solche – in erschreckendem Euphemismus „illiberale Demokratie“ genannten – Systeme zu finden.

Ich kann die Sehnsucht nach Einfachheit in einer komplizierten Welt verstehen. Ich kann nicht verstehen, dass man dafür bereit ist, sich zum Spielball von neuen Eliten zu machen, deren mentale Verwurzelung in einem furchtbar egoistischen und rücksichtslosen Jahrzehnt mit erschreckend lächerlicher Mode liegt und deren Träume und Visionen für die Welt bald hundert Jahre zurückreichen, in eine Zeit also, als Europa kurz vor der Katastrophe der beinahen Selbstvernichtung stand.

Denn es soll keiner der Verehrer der heutigen „Zauberlehrlinge“ später sagen: Ich habe nicht geahnt, was ich durch meine Wahl und meine Handlungen verursache. Wir ahnen es alle. Und es graust uns.

Bildquellen
Bild1: Rainer Schmidt Landscape Architecture – CC BY 2.0 de
Bild 2: Filmposter Metropolis

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