Normalität

Nach einer Pause, die ich gebraucht habe, da ich aufgrund vieler Entwicklungen auf dieser Welt sehr müde und ja, auch sprachlos wurde, möchte ich heute auf einen Essay aus der NZZ am Sonntag von Felix E. Müller verweisen. Er kritisiert die aus seiner Sicht falsch relativierenden Risikovergleiche in Bezug auf die aktuelle terroristische Gefahr und meint, dass wir uns „an den Terror [..] nie gewöhnen [dürfen]“. Dabei hält er Risikovergleiche für „dümmlich“ und die Aufforderung, sich an die Situation zu gewöhnen für eine „Kapitulation vor Islamisten“.

Wie aber kommt er zu diesem Urteil? Zunächst konstatiert er, dass durch die Anschläge der letzten Tage mittlerweile der Terror nach Mitteleuropa gekommen und die Terrorgefahr damit „konkret“, „vorstellbar“ und „benennbar“ geworden sei. Nun frage ich mich, was die Terroranschläge in Bayern tatsächlich geändert haben? Was ist konkreter – oder übersetzt „sinnlich erfahrbarer“ – geworden? Was ist jetzt erst vorstellbar geworden, was vorher unvorstellbar war? Welcher neue Name ist gefunden worden durch die Untaten zweier Selbstmörder mit ihren religiös „aufgehübschten“ Massenmordversuchen?

Im weiteren holt der Autor zum Rundumschlag gegenüber den Risikorelativierern aus. Er hält sie – egal ob sie Haushaltsunfälle, Wespenstiche oder Verkehrsrisiken als Vergleichsgrundlage nutzen – für Menschen, die aus der Position einer „moralischen Überlegenheit“ argumentieren würden. Als Begründung führt er den seiner Meinung nach entstehenden Gegensatz zwischen „rational Denkenden“ und scheinbar „dumpf Verängstigten“ an, wobei erstere aus hoher Warte auf die zweiten herabblicken würden. Letztendlich müsse man sich fragen, „ob diese Souveränität auch noch bestehen würde, wenn der junge Jihadist das Messer an der Kehle ansetzt“.

Der Autor hält diese Vergleiche deshalb für „Pseudorationalisierungen“, weil sie auf einem „Grundlagenirrtum“ basieren würden: Dem Unterschied zwischen willentlichem Verbrechen und einem Unfall. Während letzterer als Lebensrisiko keine Furcht verursache – da er ein nicht vom Menschen beeinflussbarer Schicksalsvorgang ist, so ist der terroristische Akt ein in den meisten Gesellschaften geächteter, verbrecherischer Mord. „Wer davon betroffen ist, wem der Terrorist aus nächster Nähe in den Kopf schiesst oder mit dem Messer den Kopf abschneidet, dem ist jede Statistik kein Trost. Er wird sich nicht sagen: «Halb so schlimm, schliesslich erleide ich ein höchst unwahrscheinliches vorzeitiges Ende meines Lebens.»

Diese Argumentation lässt mich zweifelnd zurück. Ich verstehe sie nicht. Betrachte ich den einzelnen Betroffenen, so entdecke ich keinen Unterschied. Ich würde auch im Falle eines unvermeidlichen Unfalls (nebenbei: Welcher Unfall ist denn tatsächlich unvermeidlich?) nicht schulterzuckend meinen Tod in Kauf nehmen, nur weil er „schicksalhaft“ ist. Und ich hielte meine Anwesenheit am Tatort eines terroristischen Aktes für nicht weniger „schicksalhaft“ als die am Ort eines Unfallgeschehens. Wenn ich schließlich getötet wäre, was interessiert mich der Grund des Sterbens? Dieser wäre doch nur für Angehörige und für die Gesellschaft von Interesse, die aber in der Argumentation nicht auftauchen. Und eben diese Gesellschaft unterscheidet ja auch genau deshalb rechtlich zwischen Mordanschlag und tödlichem Unfall, weil sie unterschiedlich „getroffen“ ist und eben nicht das Opfer, das gleichermaßen tot ist.

Obzwar das Argument sehr merkwürdig ist, nutzt der Autor es, um die Angst der Bevölkerung vor islamistischen Attentaten für nachvollziehbar zu halten und Kritiker des zunehmend aufwändigen „Kriegs gegen den Terror“ zu diskreditieren. Eben weil die Angst aus seiner Sicht berechtigt sei, ist fast jeder Aufwand gegen die terroristische Gefahr berechtigt. „Kosten-Nutzen-Denken“ sei falsch, da doch „Polizeiarbeit ein Gefühl der Sicherheit vermittelt, ein Gefühl des Geschütztseins, was das Fundament einer zivilisierten Gesellschaft darstellt.

Und weil „dieses Fundament [durch nichts] stärker infrage gestellt [wird] als durch den Mord“ und „der heutige Terrorismus nun wirklich jeden treffen“ könne, hält der Autor offenbar kritische Stimmen für verfehlt, die „von einer «ineffizienten Ausnutzung der Ressourcen» in der Sicherheitspolitik“ sprechen.

Niemand dürfe sich mit dem Terrorismus abfinden. Sätze wie „«Wir müssen lernen, mit dem Terrorismus zu leben.»“ von Manuel Valls würden die „Kapitulation vor den gewalttätigen Islamisten“ eingestehen. „Gerade deshalb ist es richtig, den enormen Aufwand für den Sicherheitsapparat zu leisten, der weitere Attentate verhindern soll. Gerade darum ist die scheinbar so überlegene Haltung der Risikoexperten fundamental falsch, die rechnerisch den Terrorismus relativieren.

Der Essay hinterlässt bei mir ein eigenartiges Gefühl von Verwirrtheit. Ich erkenne nicht, worauf der Autor wirklich hinaus will – ist es eine Kritik am Relativieren des Terrors, ist es eine Aufforderung zum bald schon maßlosen „Krieg gegen den Terror“? Warum überhaupt der Begriff „Krieg“ in diesem Zusammenhang? Waren die jungen Männer in Ansbach und Würzburg wirklich Kombattanten oder nicht eher auf furchtbare Art und Weise verlorene Seelen in ihrem so sinnlosen Verbrechen? Gegen wen soll denn hier Krieg geführt werden?

Für mich als Einzelnen ist der Terror tatsächlich weiterhin abstrakt, da ich es im Sinne der Relativierer für höchst unwahrscheinlich halte, dass ich jemals von ihm betroffen sein werde. Und etwas so unwahrscheinliches macht mir keine Angst – egal ob es ein Blitzschlag, ein Unfall oder ein Mord an mir ist. Die moralische Überhöhung des Mordes im Sinne des gesellschaftlichen Tabus interessiert mich als einzelner ebenfalls nicht. Tot bin ich in jedem Fall, wenn es mich trifft.

Auf gesellschaftlicher Ebene kann ich verstehen, dass wir das Gefühl haben, dass ein terroristischer Tötungsakt einer anderen Wertung bedarf als ein vielleicht fahrlässig verursachter Autounfall. Unser Rechtssystem bildet diesen Unterschied aber aus meiner Sicht ausreichend ab, so dass hier nicht viel diskutiert werden muss. Dass ein Massenmord höhere gesellschaftliche „Aufmerksamkeit“ erhält: Ja, das ist selbstverständlich so. Ob die Möglichkeit einer massenhaften Ermordung jedes staatliche Handeln argumentationsfähig macht – dabei geht es mir weniger um den getriebenen Aufwand als um die gesetzliche Aushebelung von Grundrechten – ist für mich zweifelhaft. Und ob es der richtige Weg ist, Ängste in der Bevölkerung eher zu verstärken als zu dämpfen, indem man übermäßig Verständnis zeigt und auf eine Relativierung verzichtet, erscheint mir zwar politisch modern aber grundfalsch.

Letztendlich folgt der Autor der uns derzeit im amerikanischen Wahlkampf von den Republikanern vorgelebten Argumentation: Was das Volk fühlt ist Fakt. Wer also zielgerichtet Gefühle erzeugen und verstärken kann, bekommt dadurch Macht. Und spart sich zugleich den Aufwand der inhaltlich-sachlichen Argumentation. Aus meiner Sicht ein sehr gefährlicher Pfad, dem wir in Mitteleuropa nicht folgen sollten, vor allem deshalb nicht, weil es auch der Pfad der Terroristen ist, die mit unseren Ängsten zu spielen versuchen.

Ja, der Terror wird uns weiter begleiten. Ich weigere mich gerade deswegen, dem Terror mehr Platz zu geben, als er tatsächlich in meinem Leben einnimmt, weil ich im Gegensatz zum Autor dies als „Kapitulation“ vor dem Terror empfände. Münkler sprach in anderem Krisen-Kontext von „mürrischer Gelassenheit“. Ja, genau das ist es, was ich habe. Und was ich behalten werde, egal wie oft ich Angst haben soll vor etwas, das statistisch tatsächlich als persönliches Risiko kaum vorhanden ist.

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