Angst

Scared_GirlLiest man relativierende Kommentare zum Aufstieg der Rechtspopulisten und dem öffentlichen Auftritt der sogenannten „besorgten Bürger“, so zieht sich eine Argumentationslinie durch viele Texte und Interviews: „Man müsse Verständnis haben für die Ängste der Bürger, die in diesen Entwicklungen ihr Ventil fänden. Ängste seien schließlich irrational und könnten nicht gesteuert werden. Das Gefühl der Angst sei aber real und nicht wegzudiskutieren. Und es müsse deshalb respektiert werden.“

Auch ich habe schon so in meinen Texten argumentiert, war aber eigentlich nicht wirklich zufrieden damit. Denn ist die Xenophobie – die Fremdenangst – wirklich eine Angst wie die Arachnophobie (die Angst vor Spinnen) oder die Klaustrophobie (die Angst vor engen Plätzen oder Räumen) ?

Wer jemanden kennt, der Angst vor Spinnen hat, wird die Irrationalität dieser Angst gesehen haben. Selbst kleine Spinnen führen zu fast panikartigem Verhalten bei diesen Personen, das natürlich – von Spinnen in Australien abgesehen, deren Biss tödlich sein kann – in keinem maßvollen Verhältnis zur realen Gefahr steht. Vergleicht man damit Xenophobie, dann fängt man an zu stutzen: Die selben Menschen, von denen man verständnisvoll behauptet, dass sie Fremdenangst haben, reisen in der Regel ein- bis zweimal im Jahr nach Südeuropa, Asien oder Afrika. Hat man aber schon von Touristen auf Safari gehört, die vor Angst schlotternd in der Fremde waren? Ist das also eine Angsttherapie für sie? Oder ist es in der Fremde gar nicht fremdartig, treffen sie dort keine ihnen fremd erscheinende Menschen, vor denen sie irrational Angst haben müssten?

Da die meisten von uns als Touristen von der Fremdartigkeit der Umgebung, der Gesellschaft und der Menschen fast schon magisch angezogen werden, widerspricht also offenbar die Fremdenangst der klassischen Definition einer Angststörung. Was also ist Fremdenangst?

In der „Zeit“ dieser Woche ist ein lesenswerter Text von Clemens Setz zu diesem Thema erschienen. Setz bezieht sich dabei auf den Literaten Thomas Glavinic, der sehr offen auch in der „Zeit“ Verständnis für die Ängste der Bevölkerung zeigt, die in Österreich heute vermutlich zur Wahl eines FPÖ-Kandidatens zum Bundespräsidenten führen werden.

Setz bezweifelt, dass der ängstliche Mensch ein Anrecht darauf hat, „in seinem irrationalen Angstzustand weiterbestehen und akzeptiert werden zu dürfen.“ Ihm kommt es so vor, „als wäre der neue Zauberspruch „Ich habe halt Angst“ das logische Äquivalent zu „Es ist Gottes Wille“ und ähnlichen Formeln. Denn Angst ist, wie Gott, unwiderlegbar. Sie ist der Endpunkt jeder Diskussion. Man kann einem Menschen ja nicht beweisen, dass er eigentlich gar keine Angst hat. Noch kann man ihm mit Argumenten klarmachen, dass Angst zu haben unnötig ist.

Und so entscheidet er sich, dass es „im wirklichen Leben äußerst unhöflich [wäre], ganz zu schweigen von unmoralisch, auf Ängste mit nichts als Verständnis und einem offenen Ohr zu reagieren. Verständnis ohne gelebten Widerspruch ist herablassend, ja fallweise sogar kolonial, rassistisch, bösartig.

Und weiter schreibt er: „Wenn ich angesichts der irrationalen Angst eines Freundes nicht respektvoll unbewegt bleibe und dadurch Gegendruck und Orientierung spende, bin ich nicht sein Freund. Ein Freund hat auch die Pflicht, vorzuleben, wie wenig ihn die gedanklichen Verirrungen seiner Nächsten mitzureißen vermögen. Ich erwarte von meinen Mitmenschen, dass sie sich überlegen, ironisch, ja sogar „elitär“ und nicht geduldig-pädagogisch gegenüber meinen irrationalen Ängsten verhalten.

Das ist sicherlich richtig und nachdenkenswert, wenn man davon ausgeht, dass die Xenophobie tatsächlich eine Angststörung wäre, die zu irrationalem Verhalten führte. Allerdings wie oben beschrieben bezweifele ich das. Ganz im Gegenteil: Ich halte „Xenophobie“ mittlerweile für die sehr gut gewählte Entschuldigung für hochrationales Verhalten. Sie dient den sozial-brutal agierenden „Aufsteigern“ der Mittelschicht, die sich auf PEGIDA- und AfD-Demos treffen, als Freibrief für Hartherzigkeit, für die Verachtung von Schwächeren, für die Pflege sehr bequemer Vorurteile und ja, auch für Gewalt gegenüber schutzbedürftigen Menschen.

Denn was wäre nicht rationaler als die Verweigerung, mit Unbekannten teilen zu wollen? Und deswegen kann ich in Zukunft niemanden mehr ernst nehmen, der „Verständnis“ für die Ängste dieser Brutalbürger zeigt. Nein. Sie haben keine irrationale Angst vor Fremden. Sie haben schlicht die Sorge, ihren Wohlstand teilen und sich verändern zu müssen. Genau dafür kann ich tatsächlich ein bisschen Verständnis im einfachen Sinne des Verstehens aufbringen, so unsympathisch mir diese Motivation auch ist. Aber sicher kann ich es nicht für die Mittel der Wahl, die unter dem Deckmantel der „Irrationalität“ von ihnen sehr bewusst gewählt werden, um notwendige Veränderungen zu verhindern. Diese sind zutiefst verachtenswert und durch nichts entschuldbar. Und schon gar nicht durch den perfide gewählten aber inhaltlich falschen Begriff der Angst.

Bildquelle: Victor BezrukovPort-42CC BY 2.0

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5 Antworten zu Angst

  1. B. Blibèche schreibt:

    Ich gehe auch nicht davon aus, dass es Angst ist, die der AfD 15% und mehr beschert. Wenn Sie schäbige Ressentiments auf billigste Weise bedienen, dann ensteht nämlich keine Angst, sondern Hass.

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    • Montrose schreibt:

      Ja, ich finde den Angstbegriff mittlerweile inflationär gebraucht. Es ist für mich faszinierend, wie die rechte Bewegung an sich „unschuldige“ Begriffe kapert, umdeutet und für ihren Kampf um die Deutungshoheit einspannt. Sie „entwaffnet“ dadurch die liberale Öffentlichkeit, die sich in Begriffslabyrintehn verliert, statt sich diesem für mich wie gesagt perfiden Spiel mit Worten und Inhalten zu verweigern.

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  2. B. Blibèche schreibt:

    Was ich auch sehr mag ist die ‚Nazikeule‘: ‚Und dann is man gleich’n Nazi!‘ Die schieben das irgendwem in den Mund und stellen sich selbst damit als Opfer von Vorurteilen dar, noch bevor einer was gesagt hat. Und wollen so ihre eigenen Vorurteile tarnen. Hast schon recht, ist perfide. Aber die große Mehrheit hat immer noch Angst vor denen, die aus lauter Angst rechtsaußen wählen, anstatt bspw. vor dem Islam. Deswegen sollte man sich auf keine Fall dem Diskurs verweigern, ganz im Gegenteil.

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    • Montrose schreibt:

      Na ja. Die Ausgangstexte bezogen sich auf Hofer, einen Menschen, von dem es heißt, er trag durchaus gerne die Kornblume am Revers. Die ist aber seit 1879 das Erkennungszeichen der antisemitischen und großdeutschen Bewegung in Österreich und war 33-38 das Symbol der Nazis dort.

      Man kann also durchaus mit gutem Recht Hofer für einen Neonazi halten. Und ich meine, man kann deshalb ebenso seine Wähler für Unterstützer von Neonazis halten – egal, ob es fast 50% der wählenden Bevölkerung waren. Und nein, ich als Privatperson muss nicht in den Diskurs mit solchen Menschen gehen. Das mag für Politiker anders sein, ich wage allerdings die Behauptung, dass wir momentan eher zuviel Diskurs mit den sich ach so geschmäht vorkommenden Neuen Rechten haben als zu wenig.

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      • B. Blibèche schreibt:

        Tja, was ist nun ein Nazi?
        Ein Anhänger der Dritte Reich Ideologie? Weil ’national‘ ist ja an sich nichts Schlimmes. Nur wird schnell Rassismus daraus. Und ’sozial‘ wäre auch ok. Aber davon ist nichts zu merken. Wer bereitete den Nährboden hierfür? Es war die ‚liberale Öffentlichkeit‘, die kein Gespür dafür hat, wie es um sie bestellt ist. Auch weil sich anständige Bürger auf ihr Privates zurückziehen. Da will jemand Kulturkrieg, von der Straße in die Parlamente. Das muss uns bewusst sein.

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