Links/rechts – parallel

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Vor ein paar Wochen hatte ich einen Text geschrieben über die für mich verwunderliche Parallele des Rechtsrucks der SPD unter Schröder und des Linksrucks der CDU unter Merkel. Beide Parteien setzten Politik um, die normalerweise eher dem politischen Gegner zugeordnet werden würde. Und beide Parteien müssen deshalb mit dem Verlust eines Teils ihrer Stammwähler umgehen lernen – die SPD mit dem Verlust der Linksaußen-Wähler, die CDU mit dem Verlust der konservativen Rechten.

Bemerkenswert darüber hinaus sind zwei in der jeweiligen Phase „abtrünnig“ gewordene Persönlichkeiten der beiden Parteien, die für mich ebenfalls große Ähnlichkeit in ihrem Verhalten gegenüber ihrer angestammten Partei zeigen: Lafontaine für die SPD und Gauland für die CDU.

Oskar Lafontaine war bis zu seinem Bruch mit der SPD ein wirkmächtiges Doppelgestirn mit Schröder gewesen. Er war lange Jahre Ministerpräsident im Saarland und übernahm ’98 nach dem Schröderschen Wahlsieg, den er als Parteichef der SPD mitorganisiert hatte, das Finanzministerium des Bundes.
Zur Überraschung vieler zerstritt er sich aber schnell mit Schröder und trat bereits ’99 von allen seinen Ämtern zurück. Kolportiert wurde eine Entfremdung von Schröder vor allem aufgrund unterschiedlicher wirtschafts- und sozialpolitischer Zielrichtungen, was im Rückblick verständlich wird, wenn man den einleitend erwähnten Rechtsruck der SPD unter Schröder berücksichtigt.

Nach seinem Rücktritt entwickelte sich Lafontaine zu einem der großen innerparteilichen Kritiker des Kurses der SPD unter Schröder, wobei die Entfremdung soweit zunahm, dass Lafontaine 2005 aus der SPD aus- und in die damalige WASG – heute mit der PDS die LINKE – eintrat. Er holte als Vorsitzender der LINKEn ein Direktmandat für den Bundestag und saß dort für sie bis 2010.

Alexander Gauland dagegen war in der CDU sicher nicht so vordergründig prägend wie Lafontaine. Er machte unter Wallmann steil Karriere – Referent des Oberbürgermeisters Wallmann in Frankfurt am Main, Abteilungsleiter unter Umweltminister Wallmann im Bundesministerium, Chef der hessischen Staatskanzlei unter Ministerpräsident Wallmann -, war aber immer gut vernetzt in konservativen Zirkeln der CDU. Er entfremdete sich zunehmend der Politik von Merkel und entwickelte sich von einem innerparteilichen Kritiker zu einem „Abtrünnigen“, da er 2013 aus der CDU austrat und die AfD mitbegründete.

So gesehen haben wir es also mit zwei erfahrenen Herren zu tun, die am Ende ihres Politikerlebens festgestellt haben, dass sich die Partei, der sie über lange Jahre angehört haben, von ihnen entfernt hat. Diese Erkenntnis ist tatsächlich auch richtig, denn Lafontaine und Gauland vertraten den eher dogmatischen „Markenkern“ ihrer jeweiligen Partei, der von den Pragmatikern Schröder und Merkel unter machttaktischen Erwägungen für obsolet erklärt wurde.

Beide kämpften zunächst mit viel Energie, aber wenig Wirkung innerparteilich gegen die schleichende Aushöhlung der Traditionslinie ihrer Partei. Sie erreichten in ihrer Verzweiflung gleichermaßen irgendwann den ‚point of no return‘, der sie zum Austritt aus ihrer alten Partei und zu einer bewussten Hinwendung zu einer deutlich radikaler ausgerichteten Alternative führte.

Genauso wie Lafontaine eine lustvolle Begeisterung an der Demontage der Schröderschen SPD zeigte, ist die Beschädigung der Merkelschen CDU aus meiner Sicht einer der Hauptantriebe von Gauland – handeln doch beide ein wenig pathologisch wie zurückgewiesene Liebhaber, die über jede Gelegenheit erfreut scheinen, ihrer großen Liebe beweisen zu können, dass es ein Fehler war, nicht auf sie gehört zu haben.

Dass sie beide dabei akzeptieren, jetzt Parteien mit zumindest zum Teil zweifelhaftem demokratischem Verständnis anzugehören, lässt die gefühlte „Not“ groß erscheinen. Ob sie tatsächlich komplett hinter der Politik dieser Gruppierungen stehen und nicht eher diese als Mittel zum Zweck der Beschädigung ihrer alten Parteiheimat ansehen, darüber lässt sich nur spekulieren.

Tatsache ist aber offenbar, dass jede Partei, die ihre Position im Parteiengefüge verändert, riskiert, über Abtrünnige wirkmächtige Gegner aufzubauen, die gut verdrahtet im angestammten und geteilten Milieu sind und die eine tiefe Enttäuschung über die eigene Zurückweisung verspüren. Und die deshalb umso härter in den Kampf ziehen, um sich und allen anderen zu beweisen, dass sie Recht haben und behalten – koste es sie selber an Reputation, ihre alte Parteiheimat über die neue Konkurrenz und unsere Gesellschaft über die zunehmende Radikalisierung, was es wolle.

Bildquelle: Friedrich Martin von ReibischKottenkamp/Reibisch: Der Rittersaal. Stuttgart 1842Public Domain

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