Alte Männer, die alte Männer verteidigen

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Harald Martenstein hat einmal mehr „zugeschlagen“. Im aktuellen Zeitmagazin kritisiert er in seiner Kolumne als alter Mann alte Männer, die alte Männer als alte Männer beschimpfen.
Nun ist natürlich ein Kolumnist zu allererst ein „Hofnarr“ und nicht zwangsläufig in jedem seiner Texte ernst zu nehmen. Allerdings habe auch mich der vorgeworfenen Sünde befleißigt, so dass ich eine kurze Erwiderung schreiben möchte – bin ich doch über 40 Jahre alt, zähle deshalb nach Martenstein bereits zu den Alten und habe die in der Kolumne verteidigten Herren Sloterdijk und Safranski ebenfalls als vergreist bezeichnet.

Nun schreibe ich das sicher nicht, um mich darüber zu echauffieren, dass Martenstein mich alt nennt. Mit 40 ist man schlicht nicht mehr jung, das ist eine Tatsache, die sich kaum bestreiten lässt. Und euphemistische Benennungen für das „nicht-mehr-jung-sein“ wie „mittelalt“ oder ähnliches liegen mir nicht. Ich kann damit leben, dass man mich für alt hält. Mich verwundert eher, dass Martenstein meint, alte Männer vor dem Vorwurf, „alte Männer zu sein“ in Schutz nehmen zu müssen – und sich dahingehend „versteigt“, zu behaupten, die Kritik an Sloterdijk und Safranski sei von der Methode her vergleichbar mit Misogynie und Schwulenfeindlichkeit.

Was daran ist aber so grundlegend falsch, dass ich hier tatsächlich diesen Text schreibe?
Zum einen erscheinen mir Männer wie Sloterdijk und Safranski wenig schützenswert. Sie sitzen seit Jahrzehnten auf recht bequemen Sesseln und erfreuen sich einer Aufmerksamkeit, die – wie die letzten Texte von ihnen meines Erachtens bewiesen haben – nicht mehr zwangsläufig der tatsächlichen Leistung entspricht. Und sie sitzen auf diesen Polstern eben weil sie alte Männer sind und wir gerade im professoralen, aber auch in der Medienlandschaft das männliche Senioritätsprinzip haben, also einen „Schutzraum“ für ältere Männer, der ihnen zumindest was Aufmerksamkeit angeht manchmal unangemessene Vorteile verschafft. Das zu kritisieren ist sicher zulässig.

Zum anderen ist die Unterstellung von Martenstein gewagt, dass der Vorwurf, ein „alter Mann zu sein“ ähnliches Kaliber habe wie die Kritik an Frauen eben weil sie Frauen sind oder an Homosexuellen eben weil sie schwul sind. Natürlich ist die Gleichsetzung von „alt“ mit „ängstlich“, „rückwärtsgewandt“, „vergangenheitsverklärend“, „besitzstandswahrend“ und „wenig veränderungsbereit“ stereotypisierend, weswegen Martenstein diesen Vergleich ziehen konnte. Letztendlich bezog sich aber das „alt“ vor allem auf „die beste Zeit hinter sich habend“, ein Vorwurf, der leicht zu entkräften ist, wenn er falsch ist. Wer aber zum Beispiel den letzten Text von Sloterdijk in seinem etwas peinlichen „Austausch“ mit Münkler in der ‚Zeit‘ las, sah leider einen gedanklich „nackten“ Menschen vor sich, der mit viel sprachlichem Bombast alte Schönheit wiederauferstehen lassen wollte. Und der daran kläglich scheiterte.

Und zuletzt frage ich mich, warum es alten Männern untersagt sein sollte, alten Männern vorzuwerfen, alte Männer im Sinne der verlorenen besten Zeit zu sein. Nein, im Grunde ist es hilfreiche Kritik, vom Senioritätsprinzip geschützten Männern rechtzeitig den Hinweis zu geben, dass sie beginnen, sich lächerlich zu machen. Und wer, wenn nicht Männer in ähnlicher Position dürften diesen Hinweis geben? Vor allem, wenn Martenstein auch gerade jungen Frauen den Hinweis untersagen will?

Es sei denn, Martenstein säße im selben „Boot“ der eigentlich notwendigen Erkenntnis, dass wohl die beste Zeit auch für ihn vorbei ist. Dann würde der Text natürlich nachvollziehbar, denn wer hält sich schon selber gerne den Spiegel vor, wenn es doch so viel einfacher ist, anderen Realitätsverweigerung zu unterstellen.

Bildquelle: Cesare Maccari, from a 19th-century fresco in Palazzo Madama, Rome, house of the Italian Senate – Public Domain

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