Der Osten

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Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat unterschiedliche Ausgaben in verschiedenen Verkaufsregionen. Lebt und liest man im Osten der Republik, dann erhält man „Die Zeit im Osten“, einen besonderen redaktionellen Teil, der spezifische „Ost“-Themen behandelt.
So zweifelhaft mir das Konzept der „Zeit“ dahinter ist – warum nicht einen „West“-Teil für den Osten und einen „Ost“-Teil für den Westen? Täte das nicht eher die notwendigen „Brücken“ bauen, als ein „Ost“-Teil alleine für den Osten? – enthält der Teil doch immer wieder interessante Artikel über die dortigen Befindlichkeiten, die für mich, so ich des Teiles habhaft werden konnte, meist interessant zu lesen und immer wieder erhellend waren.

Auf ‚Zeit online‘ ist aktuell aus diesem Spezialteil eine Sammlung von subjektiven Meinungen über die Situation in Sachsen veröffentlicht. Unterschiedliche Menschen, zum Teil aus Sachsen, zum Teil aus dem Westen stammend, zum Teil in Sachsen lebend und arbeitend, zum Teil Sachsen von außen beobachtend, beschreiben ihre Sicht auf die sehr unerquicklichen Entwicklungen seit Ende 2014 dort vor Ort und wie damit umgegangen werden sollte.

Einige verwehren sich gegen den Vorwurf, dort etwas spezifisch „sächsisches“ zu erleben. Andere trauern um eine ihnen fremd gewordene (Wahl-)Heimat. Man spürt die Wut und die Verzweiflung in den Texten. Sie betonen die vielen stillen Helfer in der Flüchtlingskrise. Und zuletzt wird zu großen Demonstrationen gegen den Radikalismus aufgefordert.

Die Texte brachten auch mich zum Reflektieren über mein Verhältnis zu diesem offenbar noch immer „wilden“ Landesteil Deutschlands, als was er von einem der Autoren bezeichnet wird.
Nun bin ich sicher keiner der Westdeutschen, die ohne eigene Erfahrung über den Ostteil Deutschlands seine Meinung äußern. Ich kenne durch vielfältige Reisen seit 1990 den Osten der Republik genauso gut wie weite Teile des alten Westens, war mittlerweile in fast jeder nennenswerten Stadt dort zu Besuch, ich habe von 2011 bis 2014 in Thüringen als Führungskraft gearbeitet – ich glaube also, dass ich mir eine Meinung erlauben darf, zumindest jedenfalls mit dem gleichen Recht, mit dem auch im Osten über uns im Westen geurteilt wird.

Denke ich an meine Zeit in Thüringen zurück, dann bin ich zutiefst dankbar, dass ich dort nicht die Flüchtlingskrise erleben durfte. Ich ahne schreckliches, wenn ich an Björn Höcke und seine Bejubler auf dem Erfurter Domplatz denke und ich befürchte, dass diese Meinungsmache auch auf mein Unternehmen dort in der Region Einfluss gehabt hätte, dass auch ich mit Gesprächen konfrontiert gewesen wäre, die ich nicht gerne geführt hätte, dass auch mir dieses Bundesland fremder geworden wäre, als mir als Führungskraft dort vor Ort hätte lieb sein können.

Die Stimmung in Erfurt war auch zu meiner Zeit bereits merkwürdig. So wurden schon 2012 öffentliche Kunstausstellungen gewalttätig überfallen, für mich eine Dreistigkeit, die mir bis dahin in einer Landeshauptstadt unvorstellbar erschienen war. Der eher zögerliche, abwiegelnde Umgang mit solchen Taten von Seiten der thüringischen Öffentlichkeit tat sein übriges, um mich fragen zu lassen, wo ich eigentlich gelandet war.

Oktober 2015 reiste ich auf meinem Weg nach Berlin über Magdeburg und verbrachte dort mehrere Nächte. Montag abends fuhr ich mit der Straßenbahn in der Stadt herum und „kollidierte“ zufällig mit der lokalen „Montagsdemonstration“ der örtlichen Rechten. Ich musste aufgrund der für die Demonstration notwendigen Straßensperren in meiner Bahn warten, die Demonstration führte im weiteren parallel zu meiner Bahnstrecke, ich hatte also Zeit genug, die Demonstration, aber auch die Reaktion der Bahninsassen darauf zu beobachten. War ich in meinem ersten Text u.a. über dieses Erlebnis noch vergleichsweise positiv gestimmt, da die Demonstration der Rechten aus einem eher lächerlichen Haufen von vielleicht 100 Personen bestand und die Mehrheit der Bahninsassen diese Lächerlichkeit genauso empfand, war ich damals bereits verwundert, dass ich keinerlei Gegendemonstranten sah. Leider muss ich aus heutiger Sicht sagen: Ja, es mag genau daran liegen, dass wenige Wochen später ein Mob aus 30 Rechtsradikalen in Magdeburg Jagd auf Ausländer machte. Wer die Straße den Rechten überlässt, darf sich über Rechte auf der Straße nicht wundern.

Und das bringt mich zur Situation in Sachsen.
Nein, ich werfe den Sachsen sicher nicht vor, dass sie Rechtsradikale unter sich haben. Das haben wir in Bayern zu genüge auch (s. a. meinen Text über Bamberg), das ist leider menschlich und deswegen normal. Ich werfe ihnen auch nicht vor, dass sie eine in der momentanen Situation völlig versagende Staatsführung besitzen, die über alle drei Gewalten hinweg auf einer sehr zweifelhaften moralischen Basis agiert – das wäre ausgerechnet als Bayer derzeit mehr als albern.

Was mir Sachsen momentan zutiefst unsympathisch macht, ist die Trägheit und Feigheit der bürgerlichen Öffentlichkeit dort diesem Mob gegenüber. Das Bürgertum hat die Straße diesem Mob überlassen, als hätte es 1992 nicht gegeben. Als hätte es damals nichts gelernt oder schlimmer: als sei es ihm egal, dass wieder einmal Wohnheime brennen und Ausländer und Andersdenkende angegriffen werden.

Es ist schön, wenn ein junger Journalist aus Dresden im Ausgangstext zur Erkenntnis kommt, dass Gegendemonstrationen vielleicht zielführend sein könnten. Aber warum erst jetzt? Worauf hat er denn bisher gewartet? Dass Rechtsradikale im gefühlten Aufwind „plötzlich“ wieder verschwinden, wenn man nur beide Augen fest genug schließt und sich nicht bewegt? Dass andere das mit den Rechten schon für ihn regeln werden? Wie kann es sein, dass in einer Stadt mit über 500.000 Einwohnern 8.000 Rechte reichen, um die Hoheit über die Straße und die Meinungen zu erlangen? Wie kann es sein, dass den PEGIDisten nicht regelmäßig jeden Montag aufs neue gezeigt wird, dass sie nicht Dresden sind? Und schon gar nicht „das Volk“?

Diese bürgerliche Trägheit und Feigheit bestimmt, dass ich mittlerweile zutiefst bezweifele, ob Sachsen wirklich in Deutschland angekommen ist. Sie führt dazu, dass ich mit einer Gesellschaft fremdele, die solche Entwicklungen über Monate hin stoisch duldet. Sie lässt mein Restinteresse an diesem Bundesland erlöschen und meine vielleicht vorhandenen Vorurteile zu Urteilen werden, die ich nicht mehr korrigieren will, weil ich nicht mehr dort hin will, wo so etwas möglich ist.

Mein Herz blutet, wenn ich so etwas schreibe. Aber tatsächlich: Ich will nicht mehr verteidigen, was nicht zu verteidigen ist. Ich will es nicht mehr „verstehen“. Ich will keine Brücken mehr bauen zu Ländern und Gesellschaften, die für mich moralisch am verbrennen sind. Das sollen die machen, die stärker, die pragmatischer oder moralisch rücksichtsloser sind. Ich bin es nicht genug und ich will es nicht mehr sein. Und leider gilt das derzeit auch für Polen, für Ungarn, für Tschechien – alles Länder, die ich in der Vergangenheit mit viel Freude bereist habe und die mich wohl lange Zeit nicht mehr wiedersehen werden. Es wird langsam einsam um mich in Europa.

Bildquelle: NikaterCC BY-SA 3.0

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