Multikulturalismus und Leitkultur

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In der NZZ positioniert sich der deutsche Publizist Matthias Heitmann in seinem Text „Trügerische Toleranz“ recht eindeutig: „Seit der Silvesternacht gilt «Köln» als Synonym für das Ende des politischen Multikulturalismus in Deutschland. Das wird auch Zeit, denn gerade diese Ideologie steht der erfolgreichen Integration von Zuwanderern im Wege.

Wie kommt er zu dieser Aussage? Er konstatiert, dass „‚Kultur‘ in der Migrationsdebatte zum zentralen Kampfbegriff geworden“ ist. Sowohl derjenige, der Multikulturalität fordert, weil er unterschiedliche Kulturen als Bereicherung ansieht, als auch derjenige, der sich durch die kulturelle Unterschiedlichkeit bedroht fühlt, könnte gleichermaßen keinen sinnvollen Beitrag zu einer konstruktiven Lösung der Integrationsdebatte liefern.
Letztere, weil sie sich wohl der notwendigen Integrationsoffenheit verweigern, erstere, weil sie in der Betonung der Gleichwertigkeit der fremden mit der eigenen Kultur es zulassen, dass diese Offenheit vor allem denjenigen nutzen würde, „die mit Toleranz und Offenheit am wenigsten zu tun haben.

Sein Vorschlag ist deshalb einfach: „offen und kontrovers über eine «Leitkultur» zu reden, die ja durchaus aufgeklärte und sinnvolle Leitplanken für eine gelungene Integration definieren könnte.“ Allerdings wirft er den linken „Multikulti-Verfechtern“ vor, dass sie diesen Begriff verteufelten, während er der politischen Rechten „Unfähigkeit [vorhält], Standards zu definieren, ohne dabei in ausgrenzende Reflexe zurückzufallen.

Im Grunde ist der Text also ein wunderbares Beispiel für die sehr merkwürdige Forderung nach einer Leitkultur, also nach einer Definition des „Deutsch seins“, wie ich es in meinem zweiten Teil von „Freiheit und Einwanderung“ beschrieben habe. Der Begriff „Leitkultur“ wird als Heiltum verwendet, wobei der Autor offen lässt, was er darunter versteht. Es ist wohlfeil, den Linken Verweigerung und den Rechten Unfähigkeit zu unterstellen. Die „Unmöglichkeit“ des Begriffes mag aber an der in meinem Text beschrieben Schwierigkeit liegen, den Begriff mit sinnvollen Inhalten zu füllen. Er verfolgt uns letztlich seit Jahrzehnten, bleibt aber wie eine Fatamorgana immer am Horizont auf gleichem Abstand – wohl nicht grundlos.

Auch wenn ich Heitmanns Rückblick in die „1970er und 1980er Jahre[]“ aus eigenem Erleben als furchtbar verklärend empfinde („haben wir die Nachbarskinder automatisch in ihren jeweiligen Nationalitäten wahrgenommen [], was jedoch keine grosse Bedeutung hatte. Noch unwichtiger war die Religionszugehörigkeit.“) und seine offenbare Bewunderung des starken Kulturbegriffs der Franzosen nach den terroristischen Anschlägen aus den schlecht integrierten Zuwandererghettos fast schon als absurd für diese Diskussion ansehe: Auch ich halte den Kulturbegriff in unserer Debatte für eine Sackgasse. Sicher nicht, weil ich glaube, dass uns die Schaffung einer „neuen“ Kultur, der Leitkultur, weiterhelfen würde, wenn wir mit allen anderen Kulturen und ihrem Zusammenleben Schwierigkeiten haben.

Sondern weil ich denke, dass Kultur eben genau das ist, was auch Heitmann beschreibt: Vielfältig, wandelbar und „ständig in Bewegung“. Ich vermute, dass ein kleinstädtischer, muslimisch-gläubiger Handwerker in vielem einem kleinstädtischen, christlich-gläubigen Handwerker kulturell näher ist, als beide mir. Ich erlebe, wie eine große, konservative Partei wie die CDU sich gehäutet hat und in die Mitte gerückt ist, ein kultureller Wandel, der viele soweit entgeisterte, dass sie sich eine Partei rechts der CDU wünschten und die AfD bekamen. Auch halte ich Deutschland für viel weltoffener und lässiger, als es in meiner Jugend in den 80ern jemals war. Denn ja, natürlich, auch das „Deutsch sein“ wandelt sich.

Ich glaube tatsächlich, dass „Kultur“ als Begriff in dieser Diskussion nur verwendet wird, um Unterschiede zu betonen und ein Zusammenleben zu erschweren. Sie dient dazu, Stereotypen und Vorurteile zu pflegen und (Ab-)Wertungen des anderen, des Fremden vornehmen zu können. Wenn wir heute tatsächlich städtisches, deutsches Leben kulturell definieren müssten, dann wären viele Kritiker des „Multikulti“ vermutlich über das Ergebnis überrascht. Denn ich bin überzeugt: Der positive Umgang mit und die Akzeptanz von Unterschiedlichkeit wäre zumindest in westdeutschen Städten mit Sicherheit einer der wichtigsten Werte, die diese Städte so attraktiv und lebenswert machen.

Das entbindet uns nicht von der Verantwortung, unsere Rechtsvorstellungen auch gegen die immer wieder wie im besprochenen Text als Horrorgemälde der Diversität genannte „drohende“ Einführung der Scharia zu verteidigen. Es sollte uns aber entspannt machen, was Aussehen, Kleidervorschriften, Essens- oder Glaubensrituale oder Musikgeschmack angeht, die ja die offensichtlichsten Zeichen der Fremdheit sind. Nein, nicht jeder, der Schweinswürstel und Bier verschmäht, ist ein schlechter Deutscher. Genausowenig wie die kopftuchtragende deutsche Muslima eine schlechtere Deutsche ist als die ebenso kopftuchtragende deutsche Nonne neben ihr in der S-Bahn.

Wir brauchen keine Leitkultur. Das Vertrauen in unsere offene und liberale Gesellschaft, die Verteidigung unserer Rechtsnormen und das fordern und fördern der Verwendung der deutschen Sprache sollten reichen.

Bildquelle: Florian SchottCC BY-SA 3.0

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2 Antworten zu Multikulturalismus und Leitkultur

  1. Matthias Heitmann schreibt:

    Herzlichen Dank für die ernsthafte und ausführliche Auseinandersetzung mit meinem Artikel. Ich finde sehr viele Übereinstimmungen zwischen Ihren Ansichten und meinen – scheinbar sogar mehr als Sie selbst. Und ich möchte Sie beruhigen: Keinesfalls rede ich der „Forderung nach einer Definition des ‚Deutsch seins’“ das Wort. Ich habe keinerlei Interesse daran, Leitkultur in irgendeiner nationalen oder gar deutschtümelnden Hinsicht zu definieren, auch nicht in versteckter Art und Weise. Mir ging es bei der (zugegebenermaßen provokanten) Verwendung des Begriffes „Leitkultur“ darum, ihn genau aus dieser beklemmend engen und rückwärtsgewandten Verortung herauszulösen und einen ersten Anstoß zu geben, ihn in einem aufklärerischen, demokratischen, offenen und toleranten Sinne neu zu besetzen. Denn dies sind die Werte, die es zu verteidigen und mit Leben zu füllen gilt, sie sind globale menschliche Werte, die keinewegs an Grenzen zwischen Staaten oder Völkern ihre Gültigkeit verlieren. Und dies sind auch genau die Werte, die Integration erfolgreich machen – wenn sich die Menschen an diesen orientieren, und ihr individuelles Handeln in Freiheit entlang dieser Grundprinzipien „leiten“ – daher ist der Begriff auch in dieser Hinsicht gerechtfertigt.
    Sie schreiben am Schluss Ihres Arikels: „Das Vertrauen in unsere offene und liberale Gesellschaft, die Verteidigung unserer Rechtsnormen und das fordern und fördern der Verwendung der deutschen Sprache sollten reichen.“ Genau darum geht es, und genau dieses Vertrauen fehlt – sowohl bei hier lebenden (völlig unabhängig von ihrgenwelchen Hintergründen) als auch bei zuwandernden Menschen – ,was dazu führt, dass eben diese Rechtsnormen heute immer stärker untergraben werden (Stichwort Meinungs-, Rede- und Pressefreiheit, Bewegungsfreiheit, Wahlfreiheit, Religionsfreiheit etc.). Dieses Vertrauen gilt es neu zu beleben und die Abwicklung von Freiheit und Humanismus umzukehren – mit positiven Bezügen auf die fortschrittlichen Kerne der europäischen Kultur der Aufklärung.

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    • Montrose schreibt:

      Vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort.
      Ja, es kann tatsächlich sein, dass wir uns inhaltlich näher stehen, als ich vielleicht zunächst meinte. Ich kann Ihren Ansatz durchaus nachvollziehen, den Begriff „Leitkultur“ neu mit Inhalten füllen zu wollen. Alleine befürchte ich, dass dieser Begriff auch weiterhin vor allem „missbraucht“ werden wird, um das Trennende zu betonen. Und ich glaube, dass wir uns genauso schwer mit einer ins positive gerichteten und Brücken bauenden Definition dieses deutschen Kulturverständnisses tun werden, wie es sich Frankreich unter Sarkozy mit dem französischen tat.
      Wer z.B. aus einer Großstadt kommt und mittlerweile in einer Kleinstadt lebt, wer in den 70ern und 80ern aufgewachsen ist und heute um sich schaut, sieht das fluide, sich ständig neu erschaffende an der ihn umgebenden „Kultur“, spürt die Paradigmenwechsel in der Gesellschaft bereits innerhalb ein oder zwei Generationen.
      Ich bin sehr dafür, dass wir selbstbewusst unsere Erwartungshaltung gegenüber uns selber aber auch gegenüber Zuwanderern formulieren. Allerdings meine ich, dass „Kultur“ hierfür ein zu mächtiger Begriff ist, der zu viel impliziert, was niemals erfüllbar sein wird. Und deshalb kann ich wunderbar mit Vertrauen in die Errungenschaften und die Zukunft dieser Gesellschaft, den geltenden Rechtsnormen als Grundlage fürs Zusammenleben und der deutschen Sprache als gesellschaftliches Verständigungswerkzeug als Konsens des minimal Verbindenden leben. Das sind Erwartungen, an denen meiner Meinung nach auch Teile unserer deutschen Mehrheitsgesellschaft arbeiten müssten – ohne dass wir uns in die Haare bekommen, was zur „Kultur“ gehört oder nicht.

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