Medien und Meinungen

Galileo_facing_the_Roman_Inquisition
Die „Zeit“ dieser Woche beschäftigt sich an mehreren Stellen mit Meinungsfreiheit. Sie greift das Thema am Beispiel rechtskonservativer oder rechtspopulistischer Positionen auf und analysiert den Umgang in der Öffentlichkeit damit.

Beginnen wir mit Josef Joffes „Zeitgeist“-Kolumne, der dort anhand einer Besprechung eines Essays von Armin Nassehi in der „Welt“ kritisiert, dass „‚Alte weiße Männer‘ zur Achse des Blöden [geraten], wenn sie stören“. Nassehi hatte in seinem Text einen sicher recht steilen Vergleich zwischen dem spezifisch maskulinen Verhalten auf der Kölner Domplatte zu Silvester und dem aus seiner Sicht ebenso spezifisch „geronto-maskulinen“ Verhalten bürgerlich-konservativer Intellektueller wie Safranski, Sloterdijk etc. bei Veröffentlichungen in konservativen Leitmedien gezogen. Er sieht in den Intellektuellen ebenso „Abgehängte“ wie man aus seiner Sicht etwas „allzu wohlmeinend“ den Kriminellen in Köln unterstellte. Und konstatiert, dass diese bei ihren kriminellen Machenschaften auf den Versammlungsorten des großstädtischen Nachtlebens ähnliche „Dynamiken der kurzfristigen Nutzung von Chancen“ zeigen wie jene bei ihren Veröffentlichungen.

Joffe stört sich vor allem an der aus seiner Sicht aus dem Text geradezu herausquellenden Bestätigung der eigenen moralischen Überlegenheit, da der Text die „Oldies“ als „Gestrige“ und „X-ophobe“ verunglimpfe statt sich „ad argumentum“ mit ihnen auseinanderzusetzen. Die von den Intellektuellen geäußerten Ansichten würden nach Joffe wohl auch bei „Alten Damen“, „junge[n] weiße[n] Männer[n]“ nicht ernst genommen, da die Meinung selber nicht „genehm wäre“. Und er empfiehlt uns allen, dass es nicht reicht, „dem Feind die Maske vom Gesicht zu reißen“. Man müsse ihn „mit Argumenten, besser noch: mit Fakten besiegen.

Allerdings beschäftige auch ich mich immer wieder mit den Publikationen konservativer Intellektueller, die aufgrund ihrer Stellung als „anerkannte Intellektuelle“ große Reichweite in der konservativen Medienlandschaft erzielen. Ich bin dabei immer wieder aufs neue schockiert, wie argumentativ einfach gestrickt, ressentiment-geladen und wenig faktenbasiert diese „Denker“ schreiben. Aus diesem Grund halte ich die summarische Bewertung dieser Art von Publikationstätigkeit durch Nassehi für einen durchaus interessanten Diskussionseinwurf, der nicht den einzelnen diskreditieren will wie Joffe ihm vorwirft. Sondern der recht präzise eine Ballung von merkwürdigen Meinungsstückchen wahrnimmt und einzuordnen versucht, da die Texte von Autoren stammen, die bisher für eine andere inhaltliche Qualität bekannt waren.

Wer aber argumentativ schwach vorlegt und in seiner Überzeugtheit sichtliches Desinteresse an einer inhaltlichen Auseinandersetzung zeigt, darf sich nicht wundern, wenn ihm argumentativ schwach geantwortet wird. Manche etwas zu einfache geratene Replik mag dabei in der Überraschung und dem Entsetzen begründet liegen, moralisch brutale und intellektuell ernüchternde Einfalt aus großem Munde gehört zu haben.

Einen ähnlichen Hintergrund hat der zweite Text in der „Zeit“, auf den ich verweisen möchte. Er beschreibt den schwierigen Umgang der Universitäten mit rechtspopulistischen Verhalten ihrer Professoren und fragt, ob ein „Professor so was twittern darf“.
Besonders Bezug genommen wird auf einen Professor Rauscher der juristischen Fakultät der Universität Leipzig, der zum Teil mehrmals täglich Tweets absetzt, die ohne Probleme auch auf den facebook-Seiten von AfD und PEGIDA ihren Platz bekämen. Das inhaltliche Spektrum geht vom „Lügenpresse“-Vorwurf (8. Jan) über „Merkel zerstört Deutschland!“ (25. Jan) bis zu „Islam-Kritik“ (1. Jan) und den offensichtlich lobenswerten deutschen Sekundärtugenden wie Sauberkeit (27. Jan). Liest man den Strom der Tweets, erhält man den Eindruck eines getriebenen Menschens. Betrachtet man die Anzahl der Follower (148 am 14. Februar, 14h), frägt man sich, warum man sich über diesen Menschen überhaupt unterhält.

Er beweist doch im Grunde nur folgendes:

  1. Auch formal hoch gebildete Menschen haben manchmal merkwürdige Überzeugungen
  2. Die wenigsten Menschen sind fähig innerhalb von 140 Zeichen geistreich zu sein
  3. Twitter ist eine sehr gefährliche Einrichtung für sendungsbewusste Menschen
  4. Twitter ermöglicht aber deshalb wunderbar, Menschen „kennenzulernen“.
  5. Wegen 1-4 kann man sich sehr schnell um Kopf und Kragen twittern.
  6. Und das auch und gerade als geisteswissenschaftlicher Akademiker, deren Arbeit immer auch vor dem Hintergrund ihrer Überzeugungen reflektiert werden wird.

Ich befürchte, dass man diesem Menschen viel zu viel Aufmerksamkeit schenkt. Weiterhin bin ich der Überzeugung, dass dieser Professor wie jeder andere auch in seinem Privatleben alles äußern darf, was auf Basis unseres Rechtssystems zulässig ist. Und ich halte den Umgang mit Persönlichkeiten wie ihm für einen Lakmustest auch gerade für politisch linksgerichtete Studierende, die hier lernen können, mit Ambiguität und abweichenden Meinungen konstruktiv umzugehen.

Denn lieber habe ich zehn sich in aller Öffentlichkeit rechtspopulistisch gebende Professoren als zwei oder drei, die – nach außen perfekt angepasst – von innen das System still und heimlich unterwandern. Und wenn wir ehrlich sind: Wir wissen, dass wir diese „zwei oder drei“ vermutlich in viel höherer Zahl in unserer Professorenschaft sitzen haben. Der schlagartig möglich gewordene Aufbau einer anfangs sehr „professoralen“ Partei wie der AfD zeigt dies zu genüge.

Bildquelle: Cristiano Banti’s 1857 painting Galileo facing the Roman InquisitionPublic Domain

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