Sektierer

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Wer über die politischen Diskussionen im persönlichen Umfeld reflektiert, wird meist nicht umhin kommen zu erkennen, dass sich tatsächlich etwas in der deutschen Gesellschaft verändert hat.
Gab es schon immer antiliberale und antidemokratische Kräfte links wie rechts der politischen Mitte, so waren diese in den 80ern und 90ern – meiner Zeit des politischen Erwachens – doch eher durch scharf von der Mitte abgegrenzte Milieus bestimmt.

Jeder kannte die Stereotypen: Den alten Nazi, der den Untergang des dritten Reichs nicht verwunden hat und mit Revisionismus und Fremdenhass hausieren ging. Oder den linken Hausbesetzer, der sich Straßenschlachten mit der Polizei lieferte und verschwurbelt von Anarchie und Kommunismus träumte. Und natürlich den Ostnazi, schön mit Bierflasche, Glatze und Springerstiefeln in einem Landesteil unterwegs, der den Namen „Dunkeldeutschland“ leider aus vielen Gründen zu Recht trug.

Die Berührungspunkte der bürgerlichen Mitte zu diesen Milieus waren gering. Vielleicht ein Besuch eines „alten Freundes“ der Eltern, der kam und krude Thesen diskutieren wollte. Oder die „Glatze“ auf der Nebenstube in der Bundeswehrkaserne, die lautstark fremdenfeindliche Musik hörte. Oder der Leutnant, von dem es hieß, dass er betrunken im Stechschritt und mit „deutschem Gruß“ über Plätze marschierte. Aber auch die linken Antidemokraten traf man nicht einfach so. Man munkelte, dass der eine einen kannte, der in Berlin – „ihr wisst schon …“. Und man hatte Angst vor dem linken Terrorismus der RAF, der in seinen letzten Zügen lag, die aber immer noch fähig erschien, Kasernen zu überfallen, um an Waffen zu gelangen.

Natürlich gab es Parteien wie die DVU und die Republikaner oder die MLPD und die KPD. Regte man sich mit Blick nach rechts auf, dass es rechtsextremen Parteien immer mal wieder gelang, in ein Länderparlament einzurücken, so blieb die linke weitgehend marginalisiert, da auch die SED-Nachfolgepartei PDS eher staatstragend als antidemokratisch agierte.

Selbst die erste große „Asylkrise“ 1991/92, in der zum ersten Mal zahlreiche Asylbewerberheime angegriffen wurden, führte nur kurz zu einem Erstarken der rechten Parteien. Der Ekel der bürgerlichen Mitte vor dem „rechten Pöbel“ und seinem rechtspopulistischen Gedankengut verhinderte weiterhin einen größeren Erfolg von weit rechts stehenden Parteien, fand der konservative Anteil des Bürgertums doch eine stabile Heimat in CDU/CSU.

Wer dagegen heute im Bekanntenkreis diskutiert, ist verwundert, wie tief mittlerweile rechte Ressentiments in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen sind und wie vehement sie dort geäußert werden. Hörte man vor einem Jahr nur von Kollegen aus Ostdeutschland, dass ein Riss durch ihre Familien und ihre Freundeskreise ginge, dass der Bekanntenkreis „sortiert“ würde nach rechts und links, so stellt man heute fest, dass diese Entwicklung jetzt auch im Westen von Deutschland angekommen ist.

So werden einem aus dem nahen Bekanntenkreis unaufgefordert und an allen sozialen Medien vorbei, die bekannt sind für ihre unreflektierte „Aufgeregtheit“ und deshalb von mir gemieden werden, Videos zugeschickt, deren Quelle zweifelhaft und deren Motivation rechter Populismus ist. Und politische Diskussionen erreichen immer öfter einen Punkt der absoluten Unvereinbarkeit der Ansichten, der spätestens dann bei mir erreicht ist, wenn menschenverachtende und die Würde des Einzelnen herabsetzende Aussagen getroffen werden.

Halte ich prinzipiell eine Repolitisierung der deutschen Gesellschaft für wünschenswert, schaudere ich doch vor den momentanen Auswirkungen. Flüchtlinge „stinken“, Männer aus dem arabischen Raum sind notorische „Vergewaltiger“, Flüchtlinge sind „Sozialschmarotzer“: Man wusste, dass diese Überzeugungen existieren, sie in seinem Bekanntenkreis erleben zu müssen, lässt einen verzweifeln. Hinterfragt man den zugehörigen Medienkonsum, dann werden einem neben der allgegenwärtigen Facebook- und whatsapp-bubble immer häufiger „Qualitäts“-Medien genannt: Welt, FAZ und NZZ bilden immer stärker den argumentativen Resonanzraum für plumpe Meinungsmache.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Hier geht eine Saat auf, die tiefer liegt, als PEGIDA und AfD glauben machen, an der lange gearbeitet wurde und die jetzt, gewässert durch Euro-Krise und Integrationsherausforderungen, aufblüht. Und die so schnell nicht wieder verdorren wird.
Wer einmal im eigenen Bekanntenkreis erlebt hat, wie sich das Denken und das Vokabular ursprünglich moderater Leute plötzlich verändert, sobald sie in diese Kreise hineingeraten sind und angefangen haben, die einschlägigen Medien zu lesen, erschaudert.“ schrieben die eher konservativen Publizisten Liane Bednarz und Christian Giesa 2015 in ihrem sehr gut recherchierten Buch „Gefährliche Bürger“. Im Jahre 2016 braucht es keine einschlägigen Medien mehr, es reicht die konservative Presse, deren Macher immer häufiger auf Argumentationslinien der Neuen Rechten zurückgreifen.

Missionierungseifer der „Anhänger“, dahinter stehender politischer Wahrheitsanspruch und Elitedenken („Wir sind das Volk“): Man kann verführt sein, etwas sektiererisches zu erkennen, das jede politische Überzeugung als Gefahr beinhaltet. Wer darüber hinaus die Abwertung des anderen und vor allem des Schwächeren wahrnimmt, der ist erschüttert.

Aber wirklich traurig wird, wer die Schwäche der bürgerlich-konservativen Mitte erlebt, die utilitaristische Motive über Werte stellt und scheinbar nichts anderes den rechten „Sektierern“ entgegenstellen kann als den Wettbewerb der Populismen. Diesen wird sie aber in jedem Fall verlieren, denn mit Populismus wird zwar gut Opposition betrieben aber sicher keine gute Realpolitik gemacht.

BildquelleLoveToTakePhotos  – CC0 Public Domain

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