Bewertungen

640px-Sandro_Botticelli_-_Il_Giudizio_di_Paride

Überzeugungen haben Nebenwirkungen. Eine der Nebenwirkungen kann sein, alle anderen, die nicht der eigenen Überzeugung anhängen, für „Geisterfahrer“ zu halten. Also für Menschen, die entweder benebelten Sinnes oder sogar bösartig motiviert an der Destruktion dessen „arbeiten“, was man selber für erstrebenswert hält. So wird die eigene Weltsicht absolut, während alles andere nur relativ dazu möglich erscheint. Dass auch die eigene Sicht nur relativ ist, wird dann gerne übersehen.

Nach langer Zeit des trögen Einerleis erleben wir das Wiederaufflammen von politischen Überzeugungen in Deutschland. Neu ist dabei, dass die tiefsten Trennlinien auch bei den großen, öffentlichkeitsbestimmenden Themen nicht an den Parteigrenzen verlaufen, sondern mitten durch die Parteien. Man gewinnt den Eindruck, als sei eine Neusortierung der Parteienlandschaft notwendig, als müsse man nur darauf warten, bis es auch die CDU zerreißt, so wie die „Agenda 2010“ die SPD gespalten hat. Der Umgangston innerhalb der Unionsparteien wird rauer, die Taktierer – Klöckner, Schäuble, Seehofer und wie sie alle heißen – fangen an, sich vorsichtig zu positionieren, durchaus auch in zunehmender Distanz zu Merkel. In solchen Zeiten werden Karrieren gemacht oder vernichtet. Loyalität ist nicht mehr das höchste Gut, das es zu bewahren gilt.

Das Unversöhnliche der Positionen nimmt zu. Diejenigen, die wenig Verantwortung tragen oder baldige Wahlen zu bestehen haben, fühlen sich verführt, populistische aber meist unrealistische Forderungen zu stellen. Und was macht Merkel: Sie schweigt, wie sie es schon immer getan hat. Und nimmt die Danaergeschenke der „Vorschläge“ der anderen scheinbar regungslos hin.

Die Zustimmungswerte von Merkel befinden sich im freien Fall – allerdings von einem Niveau, das absurd hoch war für das, was sie in der Vergangenheit wirklich leistete. Genüsslich zitieren Zeitschriften wie der Focus Umfragen von durchaus methodisch und inhaltlich nicht unumstrittenen „Meinungsforschungsinstituten“, in denen 40% der Deutschen Merkels Rücktritt fordern.

Es ist offenbar Kanzlerinnendämmerung.

Und doch zögere ich bei den Situationsbeschreibungen, die ich regelmäßig lese. Vieles davon erscheint mir einseitig. Aus Sicht eines Menschen geschrieben, dessen Wunsch an Veränderung Vater seiner Gedanken und seiner Texte ist. Der nicht die andere Seite sehen kann, weil sie für ihn nicht existiert, weil sie seinen Überzeugungen widerspricht.

Meinte ich in meinem letzten Text, dass die Diagnose von „Narzissmus“ beim politischen Gegner auch die Diagnose einer „Angststörung“ bei einem selber sein kann, so entdeckte ich heute im Feuilleton der „Zeit“ einen Text, der ähnlich hinterfragbar ist.

Leider nicht online veröffentlicht (ich trage den Link nach, sollte dies noch geschehen) beschreibt Peter Kümmel die „Szenen eines Abschieds“ im Essay „Ihr Moment der Wahrheit“.
Was sieht er: Eine aus seiner Sicht zu „Stein werdende“ Merkel, die beschlossen habe, die „Tagesbühne aufzugeben“. Eine Gestalt, die wie eine „Figur von Robert Wilson über jene Bühne [geht], unter der die Wiesel huschen: nämlich im Profil, an uns vorbei statt auf uns zu, unansprechbar, in Automatismen, ohne jeden inneren Überschuss an Selbsterklärung, der sie dazu bringen könnte, „beiseite“, also frei zu „uns“ zu sprechen []. Sie ist gänzlich erfroren im Lichte der Scheinwerfer.

Im Kontrast dazu Seehofer, der „ein Gespräch über die Zukunft Deutschlands als ein Gespräch über eine bereits abwesende Regierungschefin [führt] – unter Alleingelassenen, Nachbarn, besorgten Bürgern“.

Man ist verwundert: Ein irrlichternder CSU-Chef, seine eigenen Interessen populistisch und wenig erfolgreich – siehe auch den Umfragenerfolg der AfD in Bayern – in den Mittelpunkt des Handelns stellend als Lichtgestalt gegenüber einer Kanzlerin, die wenig überraschend so agiert, wie sie immer agiert hat: Ohne Selbsterklärung, pragmatisch eine Agenda abarbeitend, wie selbst der Autor konstatiert. Man ist noch mehr überrascht: Wann hätte sich denn Merkel in den fast 11 Jahren ihrer Regierung anders verhalten als jetzt: Sphinxartig stumm, wenig erklärend und pragmatisch?
Ist die scheinbare Veränderung von Merkel, die hier zum Abgesang genutzt wird, nicht vielleicht einfach der Tatsache geschuldet, dass alle anderen um sie herum in extremster Aufgeregtheit und ohne erkennbares und realistisches Ziel Politik simulieren, so dass die immer ruhige Merkel jetzt im Kontrast dazu wie versteinert aussieht?

Aus solchen Texten spricht eine tiefe Sehnsucht nach dem „elterlichen“ emotionalen An-die-Hand-genommenwerden heraus. Und ja, natürlich kann das Defizit von Merkel an exakt dieser Stelle das Ende ihrer Kanzlerschaft bedeuten. Wer an den emotionalen Erwartungen des Volkes vorbeiregiert – ob inhaltlich richtig oder falsch – wird sich langfristig nicht an der Macht halten können.
Allerdings wage ich beim Blick auf die derzeitigen Alternativen zu Merkel die Prognose: Wir könnten einen raschen Abgang von Merkel – so gern er von vielen gesehen würde – noch zu tiefst bereuen.

Bildquelle: Sandro Botticelli: Das Urteil des Paris, 1485–1488 – Gemeinfrei

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Gleichheit abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s