Alles Narzissten

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Es scheint tatsächlich ein gut gepflegter Brauch der Redaktionen zu sein, Polemik gut getarnt als „Gastbeitrag“ eines „Wissenschaftlers“ unter das Leservolk zu bringen.

Fiel mir bisher vor allem die NZZ als Plattform für Professoren wie Baberowski aus Berlin und Heinsohn aus Bremen auf, die fern ihrer eigenen Profession und ihres wissenschaftlichen Hintergrunds unter dem „Deckmantel“ der Professorentitels populistische Meinungsmache betreiben, so stolperte ich heute im Cicero über einen Beitrag eines Psychoanalytikers und Buchautors namens Hans-Joachim Maaz.

Auch er beginnt mit den Ereignissen an Silvester in Köln, die aus seiner Sicht eine „Zäsur“ darstellen. „Auch die Grünen, die Linken, selbst die Feministinnen müssen jetzt gegenüber einer unkontrollierten Einwanderung Bedenken akzeptieren.“, behauptet er. Womit er im Gegenzug natürlich unterstellt, dass Grüne, Linke und Feministinnen – eine interessante Kombination von Gruppen, die er hier wählt – vorher keine Bedenken gehabt oder akzeptiert hätten. Wer das meint, muss offenbar Stereotypen lieben.

Was folgt, ist der auf rechten Meinungsseiten gerne kolportierte Vorwurf der „political-correctness-Zensur“. Es gäbe einen „moralisierenden Mainstream“, einen „vorauseilenden Gehorsam“, der „unerwünschte oder belastende Wahrheiten [] vermeide[]“. In welchem Land diese Zensur herrscht, bleibt der Autor als Antwort schuldig. Das Deutschland, in dem ein Autor wie Thilo Sarrazin Millionen mit einem rechtspopulistischen und inhaltlich sehr zweifelhaften Buch verdienen kann, kann es meiner Meinung nach nicht sein. Mir scheint, auch Maaz verwechselt Zensur – also das Verbot – einer Veröffentlichung mit der Kritik an der selben. Welche Vorstellung von Öffentlichkeit da dahinter steckt – man will nicht darüber nachdenken.

Die realen Erfahrungen der letzten Wochen zeigen, dass „Wir schaffen das!“ und „Es gibt keine Obergrenze!“ eine irrtümliche Suggestion und eine praktische Fehleinschätzung sind. [] Und dass etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung nach deutschem Asylrecht auch asylberechtigt wären, führt den Streit um eine Obergrenze ad absurdum.

Dieser Absatz lässt einen kopfschüttelnd zurück. Denn natürlich „schaffen wir das“. Was sollte denn das Gegenteil davon sein? Ich habe bis heute noch nicht verstanden, was die Kritiker dieses sehr einfachen Satzes eigentlich wollen oder erwarten: Wegen ein oder zwei Millionen Zuwanderern den Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung? Mord und Totschlag in Deutschland?
Auch woher der Autor seine Behauptung nimmt, dass etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung hier asylberechtigt wären, bleibt schleierhaft. Bekamen doch 2013 lt. BAMF nur knapp 25% der Asylbewerber einen Schutzstatus hier in Deutschland. Vor den Auswirkungen des Bürgerkriegs in Syrien – Bürgerkriegsflüchtlinge in hohen Zahlen erhöhen naturgemäß die Schutzquote – wurden drei von vier Asylsuchenden von Deutschland mit vollstem Recht als nicht schutzwürdig abgelehnt, eine Statistik, die auch ein Psychologe und ehemaliger Chefarzt im Internet finden könnte – so er tatsächlich wollte.

Wohin die eigentliche „Reise“ des Textes geht, beweist der nächste Absatz:
Im Grunde genommen wissen wir alle, dass die Kanzlerin irrt und die bisherige Politik der Bundesregierung eine Tendenz zur nationalen Krise befördert. Weshalb schauen wir überwiegend nur zu, weshalb gibt es keinen Aufstand, weshalb wird der Rücktritt der Regierung, vor allem der Kanzlerin, nicht mit Nachdruck eingefordert? Ist die Politik „alternativlos“? Das glauben immer weniger!

Ich finde es schön, dass der Autor offenbar weiß, was „wir alle“ zu wissen haben. Und wenn oben meine Frage bzgl. des „Zusammenbruchs der gesellschaftlichen Ordnung“ noch rhetorisch war: Mit der Wortwahl des „Aufstands“ zeigt uns der Autor, worum es ihm wohl tatsächlich geht: Gegen die ihm zu liberal erscheinende Politik der Regierung aufzustehen und die ungeliebte Kanzlerin „mit Nachdruck“ hinwegzufegen.

Wie kritisch der Autor den wertorientierten und liberalen Milieus in Deutschland gegenübersteht, zeigt er im Anschluss. Sie unterlägen einer „Normopathie“: „Das Falsche, der Irrtum, wird nicht mehr erkannt, weil die Mehrheit einer Meinung ist und danach handelt.“ Der Autor scheint sich offenbar so sicher der Richtigkeit seiner eigenen Sicht zu sein, dass er allen anderen, die nicht seiner Meinung sind, beginnenden Schwachsinn unterstellen kann, eine, wie ich finde, mutige These.

Nicht ungewöhnlich bei solchen Texten erfolgt darauf das Hohelied auf den „besorgten Bürger“ mit seinen Ängsten und Nöten, die aus Sicht des Autors verständlich seien und sicher nicht rechtsradikal. Das hinterlässt nach dem bisherigen Ablauf des Textes das Gefühl, dass es dem Autor an dieser Stelle vor allem um seine eigenen, ungeklärten Befindlichkeiten geht. Um seine Ängste vor dem Fremden, seine Sorgen vor der Zukunft und um seine Besorgnis, dass er selber mit seinen Meinungsäußerungen als rechtspopulistisch wahrgenommen werden könnte.

Unterstellte er bisher großen Teilen der Bevölkerung Ignoranz gegenüber dem Wahren, so verstärkt er diese Aussage noch, indem er darüber hinaus „Narzissmus“ konstatiert. „Narzissmus bedeutet Selbstüberschätzung der eigenen Möglichkeiten, Abwertung jeder kritischen Position, Empathielosigkeit gegenüber realen Sorgen und Ängsten und falsche Verheißungen zur Beschwichtigung geahnter eigener Bedenken. Mit einer narzisstischen Problematik werden immer tief verankerte psychosoziale Bedürftigkeiten und Sehnsüchte kompensiert und abgewehrt.

Dies ist eine interessante Position, denn mit dem selben Recht könnte man natürlich auch den vielen Überängstlichen der Gesellschaft eine Angststörung und eine akute Depression unterstellen. Eine Diagnose, die dem Autor vermutlich nicht gefiele, da sie nach meinem Eindruck auf ihn zurückfiele. Wie hilfreich die Unterstellung einer Krankhaftigkeit des politischen Gegners für einen inhaltlichen Diskurs ist: Das möchte man den Autor als Psychotherapeut gerne fragen.

Der Rest des Textes wird dann inhaltlich klarer. Der Autor möchte die Grenzen schließen, er möchte das Asylrecht weiter einschränken, er möchte eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen einsetzen. Und ja, er ist bereit, dafür auch Menschenrechte zu opfern: „Das wird belastende und unangenehme Folgen haben, muss und kann aber ausgehalten werden, wenn man unpopuläre Maßnahmen als unvermeidbar anerkennt.“ ist dabei eine sehr euphemistischen Umschreibung dafür, dass Menschen an den dann geschlossenen Grenzen direkt vor unserer Haustür voraussichtlich sterben werden, wie sie auch heute schon im für uns elegant fernen Mittelmeer zu Tode kommen.

Aus meiner Sicht ein weiterer, entsetzlicher Text auf einem deutschen Medienportal.
Nicht so sehr deswegen, weil ich ihm komplett widersprechen würde. Nein, auch ich glaube, dass wir in Deutschland eine „Pause“ brauchen. Nicht, weil wir tatsächlich überfordert sind, sondern weil sich viele wie auch der Autor massiv überfordert fühlen und in ihren Ängsten zunehmend irrational agieren. Die vielen brennenden Flüchtlingsheime selbst in nahezu ausländerfreien Gegenden, die Aufgeregtheit in der Öffentlichkeit bei Verbrechen, all das zeigt, dass nennenswerte Teile der Bevölkerung sich zunehmend im Ausnahmezustand befinden. Diese Menschen erreicht in ihrer gefühlten Not ein einfaches „Wir schaffen das!“ nicht mehr. Und eben diese Menschen gefährden derzeit unsere Gesellschaftsordnung – sicher aber nicht die ein bis zwei Millionen Zuwanderer.

Dieser Text ist entsetzlich, weil er inhaltlich erbärmlich ist, aber auf pseudowissenschaftliche Art und Weise eine Analyse der Situation „simuliert“, um der Befindlichkeit des Autors und seiner politischen Meinung Raum zu geben. Dabei ist er ein Tabubruch, da er dem politischen Gegner Krankhaftigkeit versucht zu unterstellen, um seine Argumente schlicht ignorieren zu können.

Wie solche Texte zu einer Veröffentlichung auf seriösen Medienportalen kommen: Ich staune immer wieder darüber. Der Debattenkultur in Deutschland sind sie meines Erachtens nicht zuträglich, vertiefen sie doch die Gräben statt Brücken zu bauen. Und das in einer Zeit, in der Brücken zwischen den vielen auseinanderdriftenden Milieus das sind, was wir am nötigsten haben hier im Deutschland des Jahres 2016.

Bildquelle: Narziss (Caravaggio, 1598/99, Galleria Nazionale d’Arte Antica, Rom)Gemeinfrei

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2 Antworten zu Alles Narzissten

  1. kira m. schreibt:

    Ich finde den Text von Herrn sehr differenziert sowie sachlich und kompetent ausgeführt. Sie aber beanspruchen hier die Deutungshoheit hinsichtlich Bewertung und Einschätzung der Flüchtlingskrise. Alle anderen haben unrecht und sind pathologische Neurotiker. Außerdem verdrehen Sie alles. Herzlichen Glückwunsch zu soviel Arroganz und Besserwisserei!
    Ich hatte, als ich mich vom Maaz-Artikel auf diese Seite klickte, eine fachlich und sachlich fundierte Kritik erwartet und bin jetzt verärgert, daß ich mit dem Lesen dieses Artikels meine Zeit verschwendet habe.

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    • Montrose schreibt:

      Sie scheinen den Sinn meiner Kritik nicht vollständig durchdrungen zu haben. Keineswegs maße ich mir an, mit diesem Text die Deutungshoheit über unsere Herausforderungen zu haben. Ich ärgere mich aber tatsächlich sehr, wenn jemand für mich behauptet, ich wisse, „dass sich die Kanzlerin irrt“. Und damit konkludent in den Raum stellt, sollte ich es nicht wissen, dann wäre ich wohl dumm oder verwirrt oder ähnliches. Gegen diesen lächerlichen konservativen Duktus der Selbstgewissheit, den Sie offenbar mögen, solange er Sie wohl in Ihrem Weltbild bestätigt, schreibe ich in der Tat an. Nichts ist gewiss. Ich weiß das. Sie auch?

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