Bücherkataloge und Einstellungen

640px-Bundesarchiv_Bild_183-R09517,_Deutsch-französischer_Krieg,_Hauptquartier_Versailles

Durch Zufall bekam ich vor ein paar Wochen einen speziellen Katalog in meine Hände: Den „Jahresprospekt 2015/2016“ des JF-Buchdienstes, also des Buchversandes der „Jungen Freiheit“. Ein schmales, 16-seitiges Heftchen mit den Angeboten an Büchern, die der Verlag der „Jungen Freiheit“ offenbar für lesenswert hält.

Nun halte ich die Angebots-„Sammlung“ aus mehreren Gründen für interessant. Zum einen zeigt eine solche Auswahl den Geschmack des Auswählenden, also des Verlags der „Jungen Freiheit“. Zum anderen gibt sie einen Hinweis darauf, welche Inhalte der Auswählende für verkaufsfähig in seinem Kundensegment hält. Und wenn wir davon ausgehen, dass der Versand wirtschaftlich erfolgreich agiert – er existiert ja offenbar schon eine geraume Zeit -, dann können wir auch etwas über die tatsächlichen Interessen und Einstellungen der Käufer lernen.

Blättern wir also ein bisschen durch das Heftchen.
Auf der Frontseite finden wir ein Konglomerat an thematisch unterschiedlichen Büchern, vermutlich aus Sicht des Verlags die Highlights des Programms.

Wir bekommen zum einen eine Übersicht der deutschen Geschichte „für junge Leser“ direkt aus der Hand der „Jungen Freiheit“ angeboten. Geschrieben von Karlheinz Weißmann, einem Autor und Wissenschaftler, der im Ruche „revisionistischer Geschichtsforschung“ und der „Trivialisierung des Holocaustes“ steht. Also genau das „perfekte Geschenk“ für den zukünftigen, aufrechten Deutschen, um ihn für die „Geschichte unserer Nation [zu] begeistern“.

Darunter das Buch von Tania Kambouri, der griechischstämmigen Polizistin, die einen Erfahrungsbericht aus dem Polizistenalltag schrieb, der zum Bestseller wurde. Nicht verwunderlich, dass wir das Buch hier wiederfinden, kann doch eine Frau mit ausländischen Wurzeln und erfolgreicher Berufsbiographie wunderbar ein Feigenblatt für all die „Warner“ gegenüber „ausländischen Milieus“ bilden. Dass ein solches Buch „intelligent“ gelesen werden muss, da Polizisten es naturgemäß vor allem mit einer gesellschaftlichen „Negativ“-Auswahl zu tun haben, kann dabei gerne ignoriert werden.
Daneben dann mein Lieblingsautor Henryk M. Broder und ein recht unbekannter Kabarettist, der meint, feststellen zu müssen, er werde konservativ. Wie passend.

Die Seiten zwei bis fünf stehen dann im Zeichen von „Politik“ und „Gesellschaft“. Alles ist bedroht. Der Nationalstaat wird angegriffen, Deutschland ist am Ende. Der Islam übernimmt uns und ist auch sonst sehr zweifelhaft. Dafür hat Russland ein ganz eigenes Verständnis von Freiheit und sollte von uns anders behandelt werden. Die Presse lügt, die Asylhelferstrukturen sind eine sich bereichernde Industrie, während die Asylkrise ein europäisches Verhängnis ist und bleibt.

Weiter geht’s mit der „Wirtschaft“. Der Euro ist ein Zankapfel, das Bargeld wird 2018 abgeschafft und Gold ist das Maß der Dinge. Der Steuerzahler wird abgezockt, die Welt vom IWF beherrscht, der Freihandel ist gefährlich und Europa muss vor der EU gerettet werden.

Die nächsten zwei Seiten sind wieder der Nachwuchsgewinnung gewidmet. Die „Deutsche Geschichte für junge Leser“ wird umrahmt von Postkarten, Postern, Puzzles und Mal- und Lesebüchern. Man sieht in der Bebilderung viele Schlachten und heroische Männer. Der Eindruck bleibt: Deutsche Geschichte wird auf dem Feld der Ehre gemacht.

Zur Vollständigkeit und Abrundung fehlt nur noch ein „wichtiges“ Thema: Der Genderwahn, das Gendermainstreaming oder die große Verschwulung, je nach intellektueller Präferenz. Das Land ist von Sinnen, Homosexualität gibt es nicht und es ist für die Autoren in seltsamen Einklang jetzt „genug gegendert“. Und ansonsten ist eh alles „Gaga“ oder „irre“ hier in Deutschland.

Auf den letzten Seiten wird dann das Verhältnis zur alten, „geschichtsbewussten“ Rechten gepflegt: Wo Ernst Jünger in mehreren Bändern verherrlicht wird, darf Alain de Benoist nicht fehlen. Auch Ernst Nolte und Otto von Bismarck erhalten hier ihren Platz. Dass Neil MacGregor seinen Band „Deutschland“ an dieser Stelle wiederfindet – eingerahmt zwischen Nolte und Bismarck: Man ist sich nicht sicher, ob er das so wollen würde.

Zurück bleibt bei diesem Sammelsurium ein Bild einer vor allem männlichen Leser- und Käuferschar, die sich ständiger Bedrohung ausgesetzt fühlt. Innerlich irgendwie heroisch gestimmt und idealisierter alter Größe nachtrauernd, wird sie von ausländischen Eliten, Frauen, Ausländern, Homosexuellen, Ungläubigen, Falschgläubigen und allem anderen „verdächtig-neumodischen“ angegriffen. Also vor allem von der als überkomplex wahrgenommenen, liberalen und globalisierten Welt, die als postheroisch, sexuell indifferent, weiblich verweichlicht und im negativen Sinne bunt wahrgenommen wird. Und die sich tatsächlich anmaßt, die alten Privilegien des autochthonen deutschen Mannes in Frage zu stellen.

Mir scheint, die Neue Rechte sammelt in Deutschland die gleichen Menschen um sich, wie die Tea Party in den USA. Weiße, durchaus privilegierte Männer mit sehr einfachem, schwarz-weißem Weltbild im Rückzugsgefecht gegen die Moderne, die sie zu marginalisieren droht. Sicher keine Mehrheit, auch zahlenmäßig im schwinden begriffen ist es doch eine Klientel, die gewohnt ist, laut- und meinungsstark ihre Interessen zu vertreten. Und die deshalb zunehmend Gehör findet in vor allem konservativen Medien. Wie das Beispiel USA zeigt: Wir mögen zwar Euro- und Flüchtlingskrise eindämmen, die Sehnsüchte nach der einfachen, alten, deutschen Welt werden noch lange bei uns wirken.

Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 183-R09517 CC BY-SA 3.0 de

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4 Antworten zu Bücherkataloge und Einstellungen

  1. studio et ira schreibt:

    Was ist denn im Falle Karlheinz Weißmanns an geschichtsrevisionistscher Forschung anrüchig? https://studioetira.wordpress.com/2016/01/20/geschichtsrevisionismus/

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    • Montrose schreibt:

      Ich verweise der Einfachheit halber auf wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Karlheinz_Wei%C3%9Fmann). Unter Rezeption sind weiterführende Quellen. Auch dass er zusammen mit Götz Kubitschek das Institut für Staatspolitik gegründet und betrieben hat, scheint mir „anrüchig“ genug für diese Aussage.

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      • studio et ira schreibt:

        Abermals: Was ist am Vorwurf des Geschichtsrevisionismus anrüchig? Ich zitiere aus obigem Artikel:

        Revisionismus kommt vom lateinischen Wort revidere, also wieder betrachten. Wer in Revision geht, prüft etwas noch einmal genau, um es gegebenenfalls zu ändern. Das ist in der Wissenschaft das normalste der Welt, und schon oft wurden wissenschaftliche Erkenntnisse, die als gesichert galten, verworfen. Deshalb ist Geschichtsrevisionist, wenn man nur die Bedeutung betrachtet, keinesfalls ein Schimpfwort, sondern sollte das normalste der Welt für jeden Historiker sein.

        Die Absurdität des Ganzen wird schnell deutlich, wenn man diesen Vorwurf in anderen Wissenschaften anwendet: War Galilei ein Astronomierevisionist, als er gegen das geozentrische Weltbild argumentierte? War de Lavoisier ein Chemierevisionist, als er zeigte, daß Stahls Phlogistontheorie chemische Reaktion nicht zu erklären vermag? War Werner Heisenberg ein Physikrevisionist, als er die Quantenmechanik einführte und ein jahrhundertealtes Weltbild zertrümmerte?

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      • Montrose schreibt:

        Wir reden hier aber vom „Geschichtsrevisionismus“ und nicht von einer Reformierung oder ähnlichem einer Wissenschaft.
        „Revisionisten“ sind in diesem Zusammenhang auch nach eigener(!) Definition – ich durfte in meinem Leben bereits mit dem einen oder anderen diskutieren, der sich explizit Revisionist nannte – Menschen, die gerne den Holocaust verharmlosen oder gar leugnen, die Rolle der Deutschen im 20 Jhd. kleinreden und für eine andere, die Schuld reduzierende oder relativierende Sicht auf die Verbrechen der Deutschen zwischen 33 und 45 eintreten – warum auch immer. Ich werde deshalb auch weiterhin Menschen wie Kubitschek oder Weißmann und ihre Meinungen, die sie ja durchaus vehement unters Volk bringen, als „anrüchig“ bezeichnen.

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