Freiheit und Pflicht

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Die beiden Worte „Freiheit“ und „Pflicht“ ergeben eine merkwürdige, auf den ersten Blick widersprüchliche Kombination, engt doch eine Pflicht gefühlsmäßig die Freiheiten des Einzelnen ein. Allerdings gibt es verschiedene Bedeutungen von „Pflicht“, die zu unterschiedlichen Beurteilungen führen.

Zum einen ist es eine „Pflicht“, wenn ein von einer Autorität – also von außen – vorgegebenes Gesetz zu einem bestimmten Handeln oder zur Unterlassung einer Handlung auffordert. Dieses „Müssen“ hat in der Tat freiheitsbegrenzende Wirkung, versucht es doch durch Androhung von Konsequenzen regelkonformes Verhalten zu erzwingen, ohne dass die Regel dahinter unmittelbar hinterfragbar ist. „Freiheit“ wird in einem solchen Falle häufig als die Zurückweisung dieser Pflicht verstanden, also als die bewusste Übertretung der Regel unter freiwilliger Inkaufnahme der erwartbaren Konsequenzen. Hier entsteht also Freiheit erst durch die Negierung von Pflicht, etwas, das für jedes Gesellschaftssystem – so das Handeln keiner weiteren Einschränkung durch Moral oder Vernunft unterliegt – gefährlich werden kann. Beste Beispiele für die zersetzende Wirkung von solch vulgär-anarchischem Verhalten sind die fehlende Steuermoral in Griechenland – diese hinterlässt ein komplett unterfinanziertes und kaum handlungsfähiges Staatswesen – oder die schrecklichen Zustände in Ländern wie Mexiko oder Syrien, wo selbst Morde ungesühnt möglich erscheinen.

Zum anderen aber ist eine „Pflicht“ eine „moralische Notwendigkeit“, die sich aus Vernunft und sittlicher Überzeugung ergibt. Wenn Freiheit also ihre Grenze in der Vernunft findet, diese Grenze aber aus innerem Antrieb und freien Willen heraus angenommen wird, schränkt eine als solches empfundene Pflicht nicht die persönliche Freiheit ein, fehlt ihr doch das zwingende. Vielmehr erscheint die Freiheit des Menschen erst darin zu bestehen, in der vernunftgeleiteten Selbstbeschränkung „Mensch zu sein“.

Zuletzt erscheint mir das Recht auf Freiheit mit verschiedenen Pflichten einherzugehen. Ich sehe drei davon:

  1. Die Pflicht, für Freiheit einzutreten und sie gegen ihre Feinde zu verteidigen. Freiheit ist ein ständig von inneren und äußeren Feinden bedrohtes Recht. Gegner gibt es viele: Die eigene Bequemlichkeit, ein übertriebenes Sicherheitsbedürfnis, aber auch laissez-faire gegenüber Bevormundung und die Akzeptanz von Entmündigung … Jeden Tag aufs neue gilt es, den Kampf dagegen aufzunehmen. Denn Freiheiten sind zwar leicht aufgegeben, aber nur schwer zu erkämpfen.
  2. Die Pflicht, die Freiheit verantwortlich zu nutzen. Nur wer mit den ihm gegebenen Freiheitsrechten verantwortlich umgeht, wird die Freiheit daraus behalten. Die Erfahrung lehrt leider: Jeder Missbrauch von Freiheit führt über kurz oder lang zur Infragestellung der Freiheitsrechte. Die in der Gesellschaft fast schon gewohnheitsmäßige Diskussion der Einschränkung von Freiheitsrechten nach schweren Straftaten spricht hier Bände.
  3. Die Pflicht, die Freiheit anzunehmen und in ihr zu leben, sie aber auch anderen zuzugestehen. Wer frei sein will, muss sich das Recht auf Freiheit bewusst nehmen. Wer dagegen in der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ verharrt, spielt leichtfertig mit seiner Freiheit. Kulturelle Zwänge, tradierte Gesetze und Hierarchien sind deshalb zu hinterfragen. Nicht um sie leichtfertig aufzugeben, sondern um sie bewusst und mit Vernunft zu bestätigen oder als unpassend abzulehnen.

Mir scheint also, dass wahre Freiheit durchaus Pflichten und Grenzen kennt. Wer dies leugnet, hängt einem vulgären Freiheitsbegriff an, der zu jeder Tat befähigen soll und jedes Handeln entschuldigen will. Das allerdings ist sicherlich nicht mein Verständnis von Freiheit.

Bildquelle: J. S. Ringck nach Franz Ludwig CatelHans-Joachim Giersberg: Das Potsdamer Stadtschloss. S. 84Gemeinfrei

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