Machokultur

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Henryk M. Broder hat es wieder einmal geschafft. Selbst der Chefredakteur der „Welt“ fühlt sich genötigt, sich von ihm ganz leise und vorsichtig zu distanzieren. „Und den beiden Frauen vom Tagesspiegel wünsche ich, dass sie vom IS nach Rakka eingeladen werden, um zu erfahren, was Rape Culture bedeutet.schreibt Border in bester neurechter Manier auf der immer weiter ins reaktionäre rückenden Seite „Achse des Guten“. Das „wirktselbst für Stefan Austaus dem Zusammenhang gerissen [..] in der Tat mindestens geschmacklos“.  Allerdings wurde der Kommentar ja nicht von Broder in der „Welt“ geäußert. Glück gehabt, möchte man da dem Chefredakteur der „Welt“ zurufen, das hätte auch anders laufen können.

Was ist der Auslöser der Aufregung? Im Tagesspiegel schrieben zwei Journalistinnen über die Instrumentalisierung von Frauen in der momentanen Debatte zum Silvester in Köln. Über Rassismus und Machokultur in Deutschland, über das auch rechtliche Wegsehen bei sexuellen Übergriffen. Es ist ein langer Text. Es ist ein in weiten Teilen klug und ausgewogen formulierter Text der beiden Journalistinnen, der versucht, über sachliche Argumente zu einer Meinung zu kommen. Der verstehen will, was und wie gerade in Deutschland diskutiert wird. Und der vor allem eines nicht will: Neue Opfer, egal auf welcher Seite.

Ob diesen Text der reaktionäre Vorkämpfer Broder wirklich ganz gelesen hat? Man mag es bezweifeln. Ob er ihn verstanden hat? Vielleicht. Ob er ihn verstehen wollte? Sicher nicht.
Er hängt sich an einem kurzen Absatz der Autorinnen auf:
Womöglich sind aber auch Frauen dabei, die gar nicht Opfer geworden sind, sondern aus politischer Überzeugung der Meinung waren, dass die Täter mit Migrationshintergrund oder die Flüchtlinge, die das Chaos auf der Domplatte für sexuelle Übergriffe ausgenutzt haben, abgeschoben gehören. Das hoffen sie womöglich mit einer Anzeige zu beschleunigen.

Der Absatz beschreibt wohl der Vollständigkeit halber ein Phänomen, das durchaus bekannt ist. Ja, auch Frauen sind nicht immer Opfer, auch sie machen Opfer. Und natürlich darf auch die jeden Tag größer werdende Anzahl von Strafanzeigen in Köln hinterfragt werden, darf gefragt werden, ob da nicht die eine oder andere Trittbrettfahrerin dabei ist. Bei der aufgeheizten Stimmung in Deutschland würde ich behaupten: Die Wahrscheinlichkeit dafür ist sogar recht hoch. Und es muss für solches Handeln nicht einmal politische Überzeugung dahinter stehen, es mag auch die eine oder andere Frau geben, die einfach nur durch eine Anzeige Aufmerksamkeit will.

Das zu schreiben ändert aber nichts daran, dass ich – und vermutlich auch die Autorinnen – der Überzeugung bin, dass es eine Vielzahl von Straftaten gegeben hat. Dass es tatsächlich Männer in Köln gegeben hat, die Frauen zu Opfern gemacht haben. Dass die große Mehrheit der Anzeigen zu recht gestellt wird und dass die Vielzahl schlicht ein Abbild dessen ist, was bisher von den betroffenen Frauen als „ist halt so auf Feiern“ akzeptiert wurde, obwohl es strafrechtlich relevant hätte sein können. Weil der Aufwand für eine Anzeige zu hoch, die Beweislage zu schlecht und man selber beschwipst war.

Broder sieht sich aber offenbar durch diesen – für den Sinn des langen Textes eigentlich überflüssigen – Einschub der Autorinnen in seinen Überzeugungen angegriffen. Nein, seine rechten Kampfgenossinnen gegen Überfremdung und Islamisierung des christlichen Abendlandes können gar nicht zweifelhaft handeln. Denn Frauen können per se keine handelnden Subjekte sein. Sie müssen Opferobjekte sein und bleiben.

Und wenn dann doch eine Journalistin sich erdreistet, einen eigenen kritischen Gedanken zu formulieren, dann ist man als neurechter Macho überrascht. Man will sie zum schweigen bringen. Und wünscht sich diese Frau in die ihr zugedachte Rolle zurück.
Denn eine Frau soll im Moment für einen aufrechten Rechten nur eines sein:

Ein Opfer eines muslimischen Machos.

Bildquelle: Hermann LuykenOwn workCC0

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