Die Sehnsucht nach dem edlen Wilden

Caspar_David_Friedrich_-_Mann_und_Frau_in_Betrachtung_des_Mondes_-_Alte_Nationalgalerie_Berlin

Wir Deutschen lieben die Romantik. Tiefe, dunkle Wälder, einfaches, bäuerliches Leben. Unberührte Natur. Der Blick schweift in die Ferne. Idealistische Verklärung vernebelt unseren Verstand. Es ist einfach nur schön dort, in der heilen und heiligen Welt.

In dieser Welt ist der Mensch gut. Er ist dankbar für das ihm gegebene, er bringt sich positiv ein in das dörfliche Gemeinschaftsleben. Und er verdient mit seiner Hände Arbeit sein Auskommen.

Dass die Realität leider häufig weit weg von dieser Idealvorstellung ist, scheint uns Deutsche immer wieder zu überraschen.

Flüchtlinge werden offenbar konkret verdächtigt, dem Mob angehört zu haben, der am Kölner Hauptbahnhof Frauen ausraubte, bedrohte und sexuell belästigte. Auch wenn die im verlinkten Artikel genannte Quelle – die DPolG – sicherlich auch in diesem Zusammenhang zumindest zweifelhaft ist, da sie in der Vergangenheit vor allem durch Haltungen wie der Leugnung und Verharmlosung von bereits justiziabel gewordenem „racial profiling“, der Forderung nach Verschärfung des Strafrechts auch für Minderjährige und durch andere rechte Hardlinerforderungen aufgefallen ist: Warum trifft uns dieser Verdacht bis in Mark?

Wissen wir doch eigentlich, dass Flüchtlinge Menschen sind. Nette Menschen und unfreundliche Menschen, kluge und dumme, geistig stabile und psychisch kranke. Reife Menschen mit gefestigter Moral und unreife, kindlich-handelnde Menschen. Dankbare und undankbare, tatkräftige und faule. Und ja: Rechtstreue Menschen und kriminelle Menschen.

Flüchtlinge sind Menschen und leider oder zum Glück nur Menschen. Sie sind keine edlen Wilden, an denen wir unsere Großherzigkeit beweisen können und die uns – als Gegenleistung – mit reinster Dankbarkeit überschütten. Ja, sie sind zum Teil unbequem, sie stellen aus unserer Sicht auch unberechtigte Ansprüche und Forderungen und sie benehmen sich – oft interkulturell unsensibel – daneben. Und einige wenige sind oder werden kriminell und straffällig.

Daran gibt es nichts zu beschönigen. So ist der Mensch. So sind auch wir Deutschen. Auch ich würde mir manchmal wünschen, in einer Welt ohne Kriminelle, Psychopathen, unter Alkohol und Drogen Stehende und andere ärgerliche Menschen leben zu können. In einer heilen, romantischen Welt, die ständig sicher, immer überschaubar und völlig risikofrei wäre. Aber ich weiß und akzeptiere, dass das nicht die reale Welt ist. Und ich bin ehrlich zu mir: Vermutlich wäre mir diese ideale Welt auch schnell zu langweilig, auch wenn ich weiß, dass ich im Realen ständig Risiken ausgesetzt bin.

Und so verwundert es mich nicht, wenn ich höre, dass auch Flüchtlinge kriminell werden hier in Deutschland. Dass sie unangenehm sind. Dass sie kulturelle Eigenheiten mit sich bringen, die mich abstoßen. Das ändert natürlich nichts daran, dass wir einen Rechtsstaat haben, der über seine Gesetzgebung einen Minimalkonsens über rechtsgemäßes Handeln definiert und an den sich alle – auch Flüchtlinge – mit allen Konsequenzen des Strafrechts zu halten haben. Und dass wir diesen Konsens gegen jeden in diesem Land konsequent durchsetzen müssen.

Aber es ändert eben auch nichts daran, dass Flüchtlinge in Deutschland Schutz suchen dürfen und Schutz bekommen müssen. Selbst wenn sie keine edlen Wilden sind sondern nur ganz normale Menschen.

Bildquelle: Caspar David Friedrich – Mann und Frau beim Betrachten des Mondes, 1835Gemeinfrei

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Gleichheit abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s