Silvester in Köln – ein Trauerspiel

Kölner_Rhein

Die Medienöffentlichkeit ist erregt. Zum ersten Mal dieses Jahr ist ein Thema gefunden, das Sex, Gewalt, Frauenfeindlichkeit und Ausländer in einen Zusammenhang bringt. Mehrere hundert anscheinend nordafrikanisch oder arabisch aussehende Männer sollen Dutzende Frauen bedrängt, sexuell genötigt, ausgeraubt und in Einzelfällen vergewaltigt haben. Mitten in Deutschland, vor dem Hauptbahnhof in Köln, unter den Augen der Polizei.

Soweit die aufgeregte Nachrichtenlage eine Woche danach. Die Wellen schlagen hoch. Haben sich hier Flüchtlinge zusammengerottet, um in Deutschland fröhlich ihre Bürgerkriegserfahrungen wiederaufleben zu lassen? Oder waren es die notorisch kriminellen Ausländerclans, die die Innenstädte mit Angst und Schrecken überziehen? Oder doch die schwarzafrikanischen Kleinkriminellen, die einen gerne „antanzen“, um einen von Handy, Kreditkarten und Bargeld zu erleichtern? Oder nur schlecht integrierte Deutsche mit ausländischen Wurzeln in dritter Generation? Oder doch wer ganz anderes?
Niemand weiß es. Aber die Öffentlichkeit der „Besorgten Bürger“ ist sich sicher: Nur mit hartem Vorgehen gegen diese „Kulturbereicherer“ – am besten sofortiger Abschiebung ins Heimatland – ist die Republik zu retten.

Stimmen der Mäßigung verhallen ungehört oder werden als „Gutmenschlichkeit“ gebrandmarkt. Selbst in der Regel mutige Kommentatoren wie Sascha Lobo agieren plötzlich sehr vorsichtig. In seinem ansonsten sehr klugen Kommentar zum Thema spricht er von einem „Scheidepunkt“, der „schmerzhaft [ist], weil Differenzierung nur eine Armlänge von Verharmlosung entfernt ist.“

Nun frage ich mich, was an einer Differenzierung verharmlosend sein könnte. Verharmlosend könnte doch nur die Leugnung oder die Entschuldigung der offensichtlich geschehenen Straftaten sein. Verharmlosend könnte ebenso sein, den Opfern der Straftaten eine Mitschuld zu geben. Die neue Kölner Bürgermeisterin erscheint mir hier tatsächlich an einem „schmerzhaften Scheidepunkt“ angekommen zu sein, als sie Frauen die „Armeslänge“ als Maßnahme der Erhöhung der Sicherheit vorschlug.

Ansonsten sind sich alle – links wie rechts – einig, dass das Verhalten der Männer kriminell und unentschuldbar war und mit aller notwendigen Härte des Rechtsstaates zu ahnden ist. Soweit, so richtig.
Genauso einig erscheinen mir alle, dass wir vielleicht zu lange in mancher Gegend eine Art laissez-faire haben einziehen lassen. Polizeiliche Sparpolitik, bewusstes Wegschauen und eine generelle Abneigung gegenüber einem Obrigkeitsstaat mögen an der einen oder anderen Stelle der Republik tatsächlich Milieus ermöglicht haben, die in Deutschland „unerwartet“ sind. Dass wir an dieser Stelle aufmerksamer und entscheidungsfreudiger werden müssen, erscheint mir ebenso konsensfähig und richtig.

Spannend fürs politische Klima ist allerdings weniger die Herausforderung von vielleicht hundert massiven Straftaten in wenigen Minuten an einem Ort mitten in Deutschland. Interessant ist die allgegenwärtige und unsägliche Verquickung des Themas mit der angstmachenden Flüchtlingskrise, mit dem zunehmenden Rassismus in Deutschland, mit der Islamfeindschaft und all dem daraus erwachsenden populistischen Potential – mit allem also, was Deutschland im Moment immer schwerer erträglich macht.

So erlebt man, dass Menschen, die vor kurzem die mobartigen Zusammenrottungen vor Flüchtlingsheimen verharmlosten, plötzlich die härteste Verfolgung des Ausländermobs einfordern. Man erlebt, dass no-go-Areas zum Thema werden: Von Ausländern durchgesetzte natürlich, nicht die seit Jahren aktiven „ausländerfreien Zonen“ der Deutschen. Man echauffiert sich über die fehlende Integration der ausländischen Mitbürger ohne die wachsende antidemokratische, aber treudeutsche Szene als Integrationsrisiko zu benennen.

Ja, wir haben ein Problem in Deutschland mit kriminellen, gewaltbereiten und gegen unsere Gesellschaft und unseren Staat agierenden Milieus. Wir haben außerdem ein Problem mit alkoholgesättigten Großveranstaltungen und der Aggressivität der sich dort benebelnden Männer. Wir haben sicherlich organisierte Klein- und Großkriminalität. Aber trotz allem würde ich mir wünschen, dass wir die Kirche im Dorf lassen. Für jeden ausländischen Straftäter haben wir mit Sicherheit mehr als ein deutsches Pendant. Milieus mögen sich kulturell unterscheiden. Bei den Auswirkungen auf unsere Gesellschaft sehe ich zwischen einem besoffenen rechten Schläger, einem besoffenen linken Schläger und einem besoffenen muslimischen Schläger keinen Unterschied.

Natürlich brauchen wir Ideen und Lösungen. Wir brauchen Ideen und Lösungen gegen ausländische „Antänzer“, Taschendiebe und Drogendealer – genauso wie gegen deutsche „Antänzer“, Taschendiebe und Dealer. Wir brauchen Ideen und Lösungen gegen aggressive Mobs gebildet von Ausländern – genauso wie gegen aggressive Mobs gebildet von Deutschen. Wir brauchen Ideen und Lösungen gegen für unsere Gesellschaft verlorene Ausländer – genauso wie gegen für unsere Gesellschaft verlorene Deutsche.
Die Lösungen mögen aufgrund kultureller und regionaler Einflüsse unterschiedlich sein, brauchen werden wir alle. Und keine ist wichtiger als die andere. Denn nur alle werden dafür sorgen, dass wir das Vertrauen in unseren Rechtsstaat behalten.

Was nach den polizeilichen oder geheimdienstlichen Skandalen in Köln, Sachsen, Berlin oder Thüringen leider dringlicher denn je ist.

Bildquelle: Thomas Wolf, www.foto-tw.deCC BY-SA 3.0

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