Neobiedermeier

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In den letzten Wochen fallen mir immer häufiger Texte und Beiträge in den Medien auf, die für mich eine bemerkenswerte Rückwärtsgewandtheit beinhalten.

Da rekurriert eine Thea Dorn aktuell im Deutschlandradio romantisch auf ein aus ihrer Sicht untergegangenes Bildungsbürgertum der Operngeher und klassisch Gebildeten, ohne aber dessen von ihr offenbar erhofften positiven Einfluss auf die derzeitige politische und gesellschaftliche Situation wirklich benennen zu können. Sie gibt zu, dass diese Gesellschaftsgruppe sich vor 80 Jahren diskreditiert hat, also nicht per se „gut“ ist. Damit lässt sie aber offen, was genau sie vermisst: Das angepasste? Das konservative? Das zurückgezogen unbeteiligte? Oder doch den größeren Stil beim Nachfolgen hinter den Rattenfängern dieser Welt? Was sie aber auf jeden Fall kritisiert ist die Naivität der Idealisten unter uns, die sie als eigentliche Gefahr ansieht. Sie lässt mich ratlos zurück.

Am selben Tag am selben Ort schwadroniert ein deutsch-türkischer Schriftsteller von Deutschtum und Volksbegriff. Und nein, es ist nicht der bekannte sprachlich und gedanklich primitive Pegidaeinheizer, sondern Zafer Senocak, der hier von Deutschen Volksliedern und Heimat und Traditionen spricht. Er versteht die Provinz als Sehnsuchtsort vor den Unbillen des großstädtischen, komplizierten Lebens. Seine Rückwärtsgewandtheit geht dabei noch viel weiter als bei Thea Dorn: Er träumt von einem Deutschland eines Heinrich Heines, als sei dieser nicht unglücklich im Exil gewesen, weil Deutschland eben Deutschland war. „Denk ich an Deutschland“ soll nun zur Gesundung des Volkes beitragen unter schwarz-rot-gold und ermöglichen, mit denjenigen in Diskussion zu kommen, die den Volksbegriff in „Wir sind das Volk“ missbrauchen.

Das sind aktuelle Beispiele, es gäbe weitere von dezidiert katholischen Großschriftstellern und anderen.
Ich finde es erstaunlich, wie oft ich mittlerweile auch von klugen Köpfen Begriffe wie Deutschtum, Volk, Tradition, Geschichte, Bürgertum höre. Ich fühle aller Orten ein Volk in Not. Und bekomme es nicht mit meiner Lebenswirklichkeit und meinem Geschichtsverständnis in Überdeckung.
Ich finde es verwirrend, wer alles meint, diese Gesellschaft vor ihrem offenbar nahen Untergang retten zu wollen und mit welchen Begriffen. Ich schaue mir dann meine Esszimmermöbel an und verstehe, was gerade passiert: Hier träumt ein Bürgertum vom Rückzug aus der scheinbar zu kompliziert gewordenen Welt. Von einem zweiten Biedermeier mit schönen Kirschholzmöbeln und warmen Öfen, während draußen der Sturm tobt.
Und das ist der Widerspruch zwischen dem Merkelschen „Wir schaffen das!“ und dem, was gefühlt wird: Auf der einen Seite eine pragmatische Naturwissenschaftlerin, die nur das ausspricht, was sein muss, auf der anderen Seite romantisch die Vergangenheit verklärende Bürgerliche, die sich aus der bequemen, warmen, weich eingerichteten Stube gerissen fühlen. Denn wir alle ahnen es: Um es zu schaffen, werden wir alle uns wohl ein wenig bewegen müssen. Ob wir wollen oder nicht.

Bildquelle: Eduard Gaertner aus wikipedia.org – PD-Art

erstveröffentlicht auf jetzt.de am 05.11.2015

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