Fakten und Ängste

Egypt.Esna.Market.01

In der „Zeit“ dieser Woche äußert sich in einem Kommentar der Herausgeber Josef Joffe über Diskursschwierigkeiten und leichtfertige Verfemungen im Deutschland von 2015.
Als aktuellen Aufhänger dafür nimmt er ein umstrittenes Zitat des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, und die Reaktionen darauf.

Das zugrundeliegende Zitat ist in der „Welt“ gefallen. Schuster sagte offenbar: „Viele der Flüchtlinge fliehen vor dem Terror des Islamischen Staates und wollen in Frieden und Freiheit leben, gleichzeitig aber entstammen sie Kulturen, in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil sind. Denken Sie nicht nur an die Juden, denken Sie an die Gleichberechtigung von Frau und Mann oder den Umgang mit Homosexuellen.“

Wir erlebten auch bei jetzt.de Reaktionen auf diese Sätze. Unsere Hausreaktionäre nutzten unmittelbar die Worte, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zum einen fühlten sie sich in ihren Ängsten und Vorurteilen gegenüber Menschen aus arabischen Kulturen bestätigt. Zum anderen konnten sie ihren Antisemitismus pflegen, indem sie Schuster als Juden zu sich in die illiberale Ecke holten. Eine seltsame Melange möchte man meinen, der aber auch in der weiteren Öffentlichkeit die eher linken Meinungsmacher folgten. Als Jude darf man so etwas nicht äußern in Deutschland.

Nun halte ich die Äußerung von Schuster tatsächlich für eher wenig hilfreich und für schlecht beraten. Zwar mögen, wie Joffe in seinem Kommentar schreibt, die einzelnen Aussagen tatsächlich „empirisch tausendfach belegbar sein“. Das ist auch nicht das Problem dieses Zitats.
Die Herausforderung beginnt bei der Analyse des Schlusses, der mit dem Zitat konstruierbar ist – und vermutlich bewusst konstruierbar sein sollte.
Schuster lässt den Schluss zu – ohne ihn aber explizit auszusprechen –, dass wir derzeit große Menschenmengen nach Deutschland lassen, die Juden hassen, Frauen unterdrücken und feindlich gegenüber Homosexuellen sind. Einfach weil sie einer Kultur entstammen, die das halt so gewohnt ist – empirisch betrachtet.

Damit bewegen wir uns aber auf dem Niveau aller „besorgten Bürger“. Da werden – sicherlich nicht unberechtigte – Ängste getarnt als Fakten geäußert. Und es wird ein Interpretationsspielraum gelassen, der dem rechten Pöbel eine Steilvorlage für sein Handeln gibt. Weswegen es dann auf der linken Seite zu überschäumenden Reaktionen kommt, da links zunehmend verzweifelt versucht wird, den Rechtsruck in Richtung Illiberalität zu verhindern oder auch nur abzubremsen.

Der öffentliche Diskurs würde sehr viel fruchtbarer sein, wenn die Meinungsmacher ihre Ängste explizit als Ängste äußern würden und nur Fakten als Fakten. Nur so wäre aus meiner Sicht eine konstruktive Diskussion möglich, da wir dann entweder über vielleicht widerlegbare Fakten oder über unbestreitbare Ängste reden könnten, die es gesellschaftlich zumindest zu verstehen gilt, wenn wir sie nicht lindern können.

Wobei aber derzeit schnell sichtbar würde, dass wir eben kaum Fakten in Bezug auf die Flüchtlingskrise haben, wissen wir doch im Moment nicht einmal die genaue Anzahl der Flüchtlinge.

Bildquelle: Hajor aus wikipedia.org – CC BY-SA 3.0

erstveröffentlicht auf jetzt.de am 06.12.2015

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Brüderlichkeit abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s