Die großen Vereinfacher

Ja, sie tanzen in unserer Mitte, mit viel Energie, mit großer Lust an Destruktion.
Sie alle predigen vom Paradies, das möglich wäre. In einer Welt, die so nahe am Paradies ist, wie es die Menschheit nur ermöglichen kann. Und sie zeigen doch nur, dass sie dieses reale Paradies verachten, dass sie es zerstören wollen.

Die einen kommen oft aus unseren Vorstädten, unseren Ghettos, den Trabanten der Metropolen. Oder aber auch aus bildungsbürgerlichen Kinderzimmern einer scheinbar heilen Welt. Sie kämpfen um Anerkennung, sie wollen ihren Teil des Paradieses. Sie wollen alles, sie wollen es schnell. Unsere Freiheit verunsichert sie, sie verlieren sich in den vielen Möglichkeiten unserer Gesellschaft. Sie wählen falsche Abzweigungen, sie fühlen sich zurückgesetzt. Wie viel einfacher ist es doch, auserwählt zu sein. Klare Vorgaben zu bekommen, einfache Feindbilder zu haben. Schwarz oder weiß. Gut oder böse. Auch ein Mord kann aus ihrer Sicht gut sein, trifft er den Bösen.
Doch wer sind ihre Bösen in Wirklichkeit? Unschuldige Besucher von Musikveranstaltungen, von Bars und Restaurants. Ähnlich alt, ähnlich aufgewachsen, ähnlich kulturell sozialisiert. Sie haben nur ein paar andere Abzweigungen genommen in ihrem Leben, sie genießen die Freiheit, die sich ihnen bietet, sind erfolgreicher. Und sollen deshalb bestraft werden.

Die anderen kommen aus unseren Zentren, aus den großen Büros, dem Politikbetrieb, den Vorlesungssälen. Auch ihr Weltbild ist schwarz- weiß. Auch sie empfinden unsere Freiheit als Bedrohung und wollen sie deshalb abschaffen. Allein, ihre Methoden sind subtiler, weniger offensichtlich, aber ähnlich wirkmächtig. Es ging sofort los, wir kennen die Stoßrichtung. Macht die Grenzen dicht, lasst niemanden fremdes mehr herein, fahrt die Überwachung nach oben, jeder ist verdächtig. Speichert auf Vorrat, verbietet Verschlüsselung, lasst Polizei und Geheimdienste von der Kette, rastert die Fahndung. Nur so werden wir wieder sicher sein.
Wollt ihr sicher sein oder frei? Vor diese Wahl wollen sie uns stellen, unsere Emotionen ausnutzen, solange sie noch Wellen schlagen. Und ihre lang gehegte Agenda damit nach vorne bringen.
In Wirklichkeit aber stehen sie mit leeren Händen da, haben sie nichts anzubieten. Sie wollen, dass wir das aufgeben, was uns ausmacht – unsere Freiheit – ohne uns das wirklich geben zu können, was sie uns versprechen – unsere Sicherheit.

Es wird keine Sicherheit geben gegen den Terror, der aus unserer Mitte kommt. Der von einfachen Waffen, ein wenig Sprengstoff und viel Entschlossenheit weniger abhängt. Und schon gar nicht werden wir sicherer werden, wenn wir jetzt Unschuldige zu Schuldigen machen, indem wir pauschalisieren und stereotypisieren, wenn wir unsere Vorurteile pflegen und Vorverurteilungen vornehmen. Wenn wir uns unsere Freiheiten nehmen und nur noch der Zwang und die Überwachung regiert.

Ja, natürlich müssen wir reagieren. Aber wir müssen uns dabei selbst treu bleiben. Unser Weg kann nicht sein, so zu werden, wie die Putins, die Orbans, die Xis der Welt es uns vormachen. Unsere Stärke muss sein, für unsere Freiheiten zu kämpfen mit allem was wir haben, mit unserem Herz und unserem Verstand, mit unserem Mut und unserer Intelligenz. Den Illiberalen zu zeigen, dass wir uns nicht unterkriegen lassen, nicht von feigen Mordanschlägen und auch nicht von ihrer politischen Instrumentalisierung. Bitte lasst in der Reaktion Norwegen nach Breivik unser Vorbild sein und nicht Amerika nach 09/11. Ansonsten haben sie gewonnen und wir alle verloren.

Ich bin in Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen.

erstveröffentlicht auf jetzt.de am 15.11.2015

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