Die angstvolle Vergreisung – alte Männer erklären mir die Welt

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Zuletzt hatte ich von einem Neobiedermeier geschrieben, also dem Rückzugsversuch des konservativen Teils unserer Gesellschaft an den heimischen, warmen Ofen in der bürgerlichen Altbauvilla in den besseren Gegenden unsere Großstädte und ihrer Einzugsgebiete. Und von der offenbaren Angst, dass wilde Horden junger Männer mit dunklen Haaren und Augen, seltsame Sprachen von sich gebend und zu fremden Göttern betend, in dieses traute Refugium geistiger und moralischer Unbeweglichkeit und Unbewegtheit einbrechen könnten.

Die geistigen Öffentlichkeitsarbeiter wählen dabei nicht die Sprache der Straße für die Schilderung ihre Ängste. Sie sprechen nicht davon, dass die jungen, sicher underfuckten Männer sich zusammenrotten und über jede blonde, blauäugige Deutsche herfallen werden, um sie in Verachtung unserer Kultur und unserer Traditionen zu schänden. Nein, wie in der NZZ aktuell wird lieber verfeinert von „Die jungen Männer bringen ihr Machogehabe mit, bringen die Gewalt mit, was für alle schlimm ist, besonders aber für die Frauen.“ gesprochen.
Dabei will man nicht zu den Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes gehören, denn natürlich ist „[n]icht der Islam als Religion [] die Gefahr, sondern die politische Ordnung, die er heutzutage hervorbringt.“

Und wieder haben wir hier ein Beispiel eines Mannes im Rentenalter, der um Deutschland herum am liebsten die Zäune hoch und die zu ergreifenden Maßnahmen robust hätte. Denn auch er hat –  von dem wohlfeilen „Man muss den Flüchtlingen nahe der Region, aus der sie geflohen sind, helfen, und man kann nur bestimmte, vereinbarte Kontingente aufnehmen.“ – keine Idee, wie wir Deutschen jetzt konkret handeln sollten ohne dass uns Deutschland dabei verloren geht.
Dass sein „Dann werden die Proteste in der Bevölkerung rabiater, und wenn die Ausschreitungen zunehmen, wird im allgemeinen Meinungsklima aus dem Deutschland als moralischem Vorbild ganz schnell wieder das Deutschland der faschistischen Gefahr.“ wie eine Drohung klingt und das eigentliche Problem beschreibt, das er mit seinen Ausführungen als intellektueller Biedermann leichtfertig herbeiredet, nimmt er offenbar in Kauf.

Zunehmend frage ich mich, wo eigentlich in der intellektuellen Öffentlichkeit die international ausgebildeten und geprägten Dreißig- und Vierzigjährigen sind. Wo also diejenigen sind, die den jungen, angstvoll-pöbelnden Kleinbürgern und den alten angstvoll-schwadronierenden Großbürgern ihre Verlust- und Veränderungsängste nehmen könnten, indem sie die Chancen dieser Situation für uns alle herausarbeiten und Lösungen abseits der Zäune und Waffen anbieten.
Denn so verständlich es ist, in einer Situation wie dieser bei fehlender Reflexion Ängste zu haben: Angst und Rückzug war immer der schlechteste Ratgeber, vor allem dann, wenn niemand Angst haben müsste.

Bildquelle: Smial aus wikipedia.org – CC BY-SA 2.0 de

erstveröffentlicht auf jetzt.de am 08.11.2015

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