Denk ich an …

Magdeburg

… Ostdeutschland, dann wird mir anders. Pegida hat die Maske fallen gelassen und erhält in Dresden trotzdem oder gerade deswegen wieder Zulauf. Die AfD vögelt in Erfurt öffentlich mit der NPD und gebirt als Kind Demonstrationen von gut 8000 Menschen. Im Vergleich dazu nennenswerten Widerstand gibt es nicht. Der Begriff „Volksverräter“ ist dabei, „Lügenpresse“ als rechten Kampf-„Slogan“ abzulösen. Wir alle warten auf „Volksschädling“ als Benennung für Andersdenkende. Nur: Was kommt danach? Viel bleibt dann nicht mehr.

Kleine Adolf Nazis, smarte Oberstudienräte, mit sympathischem Photo in wikipedia abgebildet, reden von 2000 Jahren Europa und 1000 Jahren Deutschland. Als hätten wir nicht schon einmal jemanden gehabt, der von etwas tausendjährigem geträumt hat.

Dass ich am Montag in Magdeburg war und nur eine lächerliche Hundertschaft von fahnenschwingenden, irgendetwas von „Heimat“ und „Volk“ vorzeigenden und unverständliches gröhlenden Rechten sah: Es beruhigt nur wenig. Denn auch hier war ihnen die Straße überlassen geblieben.

Natürlich sind die verbalen Brandstifter zu schlau, sich offiziell in die direkte Nachfolge unseres bärtchentragenden Massenmörders zu stellen. Nein, mittlerweile hat selbst der tumbste Rechte begriffen, dass er damit das konservative, bürgerliche Herz nicht gewinnen wird, dass er dafür „über Bande spielen“ muss. Deshalb wird jetzt das Kaiserreich beschworen, als sei nicht genau dieses Kaiserreich die Basis für die Nazis gewesen mit seinem Elitenwahn, seinem Militarismus, mit seinen Aufrüstungsbestrebungen, dem Dolchstoß als Legende seiner Eliten und seiner Demokratieverachtung aus dem innersten heraus.

Es widert mich an.

Es widern mich die Professoren an, die hochgeschwemmt durch ein für mich wenig nachvollziehbares Elitenbildungssystem an der Klitterung unserer Geschichte arbeiten. Die ein weiteres Mal versuchen, Nolte recht zu geben. Und die auf ach so wenig Widerstand stoßen, da die Generation der wissenden Kriegsteilnehmer und Vertriebenen von uns gegangen ist. Oder – noch schlimmer – die den Widerstand für sich zu nutzen wissen, da sie ja jetzt ein Opfer ihrer linksradikalen Studenten seien. Wobei das sogar zum Teil richtig ist, denn es sind nur noch die ganz linken, die das Gespür für das behalten haben, was hier geschieht

Es widern mich die Medien an, die diesen irrlichternden Wegbereitern des neuen Wahnsinns jeden zur Verfügung stehenden Raum überlassen, ohne die Grundthesen kritisch zu hinterfragen.

Es widern mich die Großautoren an, die von einem Volk träumen, das lieber untergeht als sich zu verändern. Weil sie sich selbst nicht verändern wollen. Nicht mehr verändern können. Die offenbar schon wieder oder immer noch von einem Deutschland träumen, das ’68 unterging. Weil es untergehen musste, da es durchsetzt war von brauner Brut und gebaut auf blutigem Boden.

Es widert mich an, dass ich mittlerweile regelmäßig von meiner „Naivität“ lesen muss, weil ich sage: Jeder Mensch hat Würde und diese Würde gehört geschützt und nicht verhaftet, eingesperrt oder gar verbrannt. Nein, im Gegenteil, ich halte diejenigen für höchst naiv, die glauben, dass geschlossene Grenzen mit zehn Meter hohen Mauern irgendetwas an den Tatsachen ändern würden, die wir gerade anfangen zu spüren. Die nicht begreifen, dass eben solche Grenzen uns in einer Art verändern würden, wie es 5 Mio. „Fremde“ niemals könnten.

Und natürlich widern mich die „Führungskräfte“ der Parteien an, die bis auf wenige Ausnahmen offenbar jeglichen Weg mitgehen würden, wenn es ihrem Posten und ihrer Partei nutzen würde. Die das trockene Holz gerade eifrig sammeln, um es den Brandrednern zu reichen und den Brandstiftern zur Verfügung zu stellen.

Ich gebe zu: Ich habe Angst. Nicht vor den Fremden. Auch gar nicht so sehr vor den Ostdeutschen mit ihrer irgendwie grundehrlichen aber brutal tumben Putzigkeit in ihren gott- und jugendverlassenen Dörfern und in ihren Städten, die einem Potemkin ebenbürtig in den letzten 25 Jahren herausgeputzt wurden, damit die Landschaft zumindest aufgrund von Fassadenfarbe blühe.

Wenn ich Angst habe, dann vor den bestimmenden Eliten, den Professoren mit ihrer verbal gut verbrämten rechten Agenda, den smarten Managern, den anpassungsfähigen Politikern, den sogenannten Machern mit ihren Relativierungen, ihren Nutzenberechnungen, ihrer zu allem bereiten Kompromissfähigkeit. Vor den Allesverstehern und Allesakzeptierern. Denn diese Eliten sind es, die letztendlich die wirkliche Gefahr darstellen. Genau, wie vor 85 Jahren.

Bildquelle: eigene Aufnahme, Magdeburg

erstveröffentlicht auf jetzt.de am 08.10.2015

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