Libertinität und Autoritarismus und das Fehlen des liberalen Gemeinschaftssinns

Erhebt man sich über die allgemeinen Panikreaktionen und die zweifelhafte Zahlenwelt der Coronapandemie, erkennt man in der Gesellschaft zwei allgemeine Argumentationslinien, die miteinander ringen.

Die eine Seite der Gesellschaft ruft nach „starken“ Antworten und hartem Vorgehen und bewundert das konsequente Handeln in Staaten wie Singapur oder China. Sie unterstützt Eingriffe von Staatsseite in persönliche Freiheiten, sie will weitergehende Ausgehverbote und fordert eine stärkere Überwachung des Einzelnen inkl. aus ihrer Sicht notwendiger Maßregelungen bei Fehlverhalten. Ihr zugeneigt dürften diejenigen sein, die sich offenbar momentan aus einer gewissen Blockwartsmentalität berufen fühlen, die Durchsetzung der aktuell geltenden Regeln auch durch Anzeigen und Meldungen bei den Ordnungsbehörden sicherzustellen.

Die andere Seite der Gesellschaft befällt gerade bei der Beobachtung der Maßnahmen in den genannten Staaten ein leichtes bis mittelschweres Gruseln, sie frägt sich, wie weit eigentlich noch die Preisgabe der gesellschaftlichen Freiheiten gehen soll, sie trägt Sorge, dass autoritäre Kräfte die Situation nutzen könnten, um gesellschaftliche Rechte nachhaltig auszuhebeln. Und sie wundert sich, ob die jetzt aufgegebenen Freiheiten jemals wieder zurückgewonnen werden können. Weiterlesen

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Kennzahlen und Statistiken

Für Fans der Welterklärung mit Hilfe von Kennzahlen ist die aktuelle Situation ein (Alp-)Traum. Fast zwangsläufig schaut man täglich morgens, mittags und abends auf die diversen Listen, Diagramme, Zahlenvergleiche und Farbkarten, die die Ausbreitung des Coronaviruses COVID-19 über die Welt oder das eigene Land zeigen. Meine Suchtmittel sind die Statistik des „Centers for Systems Science and Engineering (CSSE)“ der Johns Hopkins University für die weltweite Übersicht und der Tagesspiegel für die regionale Sicht auf die Situation. Und ja, ich mag interaktive Kartendarstellungen, Graphen und Listen. Weiterlesen

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Klopapier – oder die Abwesenheit davon

Nun gibt es für halbwegs resiliente Menschen drei wunderbar zu beobachtende Fakten in diesen interessanten Zeiten. Da ich mich mittlerweile anfange zu langweilen – nicht, dass „social distancing“ für mich ein Problem wäre, mich macht die alles beherrschende Monothematik aktuell intellektuell fertig – möchte ich allen dreien einen Text widmen.

Was sind diese drei Themen:

  1. Der Klopapierengpass, s. Titel
  2. Der Kennzahlenwahnsinn
  3. Die Ursache-Wirkungsbeziehung zwischen libertär und autoritär und die Abwesenheit von Liberalität

Beginnen wir mit der „einfachsten“ Frage: Wieso sind die Regale mit Klopapier seit Wochen leer? Nun bin ich kein Psychologe oder Soziologe, ich möchte das also nicht aus der sozialen „Ecke“ heraus beantworten. Nein, ich habe mich einen Großteil meines Berufslebens mit Lieferkettengestaltung und Logistik beschäftigt, ich habe Engpassmanagment „geatmet“, aus diesem Grund glaube ich, einen Beitrag für eine Antwort leisten zu können. Weiterlesen

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Auf der Suche nach der Mitte

Margarete Stokowski begibt sich diese Woche in ihrer Kolumne auf Spiegel online auf die Suche nach der Mitte. Oder vielmehr erläutert sie, warum die „Mitte“ in der politischen Landschaft aus ihrer Sicht eine Schimäre ist, zu der zwar fast jeder gehören will, die aber nicht wirklich existiert. Sie leitet dies aus der natürlich recht willkürlichen Entstehung der politischen Neigungen „links“ und „rechts“ aus dem ersten französischen Parlament her und hält es für einen naiven Glauben, es gäbe dazwischen einen irgendwie gearteten Graubereich halblinks/halbrechts, der eine Mitte bilden könnte.

Wie es sich für linke gehört, lehnt sie die Hufeisentheorie, also die Theorie des gleichermaßen und auch vergleichbaren Schrecklichen an den extremen Rändern ab. Sie beschreibt weiterhin zurecht, dass die soziologische „Mitte“ keinesfalls vor extremistischem und radikalem Gedankengut gefeit ist. Zuletzt definiert sie die Liberalen über Marcuse als rein wirtschaftsorientiert und am Erhalt von Privateigentum interessiert und erklärt sie damit durchaus als ansteckbar in Bezug auf autoritäre Neigungen. Und ihr Fazit ist, dass die gerade auch wegen der Situation in Thüringen gerne beschworene „Mitte“, die sich aus Konservativen und Liberalen bildet, eben auch das enthält, was aus Sicht einer liberalen Demokratie zu bekämpfen ist: Reaktionäre, autoritäre und extremistische Positionen. Weiterlesen

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Ein konservativer Schwächeanfall

Mein letzter Text, der sich recht ausführlich beschäftigte mit dem sich immer stärker abzeichnenden Rechtsblinken der konservativen und sogenannten „bürgerlichen“ Parteien (zu denen ich natürlich auch die Lindner-FDP zähle, s.a. den Politischen Kompass), wurde von mir Ende Januar allein unter dem Eindruck des rituellen Auschwitzgedenkens begonnen. Ich hatte bei der Veröffentlichung keine Ahnung, dass wenige Stunden später bereits der Inhalt des Textes durch die Geschehnisse in Thüringen eingeholt und auf fürchterliche Art und Weise bestätigt werden würde.

Eine Mehrheit aus CDU, FDP und AfD wählte in Thüringen im dritten Wahlgang einen FDP-Mann zum Ministerpräsidenten, der diese Wahl sofort und ohne Zögern annahm. Und diese Mehrheit verhinderte damit eine rot-rot-grüne Regierung unter der Führung eines erfahrenen und als gemäßigt anerkannten Linken-Politikers, dem es nicht gelungen war, in zwei Wahlgängen davor eine eigene absolute Mehrheit herzustellen. Weiterlesen

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Über Gedenken

Der Ende des Januars ist in Deutschland in der Regel von einem Thema geprägt: Dem Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers in Auschwitz. Scham, Schuld, Verantwortung: Zunehmend ritualisiert versucht die deutsche Gesellschaft mit diesem Denkmal des für nachgeborene kaum vorstellbaren Schrecklichen und Mörderischen deutschen Ursprungs einen möglichen Umgang zu finden – jedes Jahr aufs Neue und oft nicht wirklich gelingend, denn wie könnte so etwas wirklich „gelingen“.

Nun ist die Düsternis und Trübheit des Januars wunderbar geeignet, in Zusammenhang mit einer solchen Thematik aktuell einer gewissen Verzweiflung Raum zu geben. Dem Zweifel nämlich darüber, wie sehr dieses Thema gesellschaftlich noch „trägt“, ob es nicht mittlerweile bereits historisiert ist und damit „harmlos“ wurde. Sprich: Ob es überhaupt noch – über das sichtlich rituelle hinaus – Wirkung auf das heute erlangen kann. Denn wer nach rechts schaut, dessen zweifeln kann mit Fug und Recht zur Verzweiflung werden. Weiterlesen

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Der Mythus des Untergangs

In den letzten Monaten habe ich einen Versuch unternommen, bei dem ich formal betrachtet wohl versagt habe: Ich stellte mir die Aufgabe, zwei Bücher zu lesen, die in der Weimarer Republik (und natürlich auch direkt danach) Millionenauflagen erreichten. Und ich scheiterte bei beiden nach gut einem Drittel des Umfangs, waren die Bücher doch unlesbar bis unerträglich für mich.

Das eine Buch – „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ von Alfred Rosenberg – ist in der heutigen Bewertung eines der einflussreichsten Werke eines NSDAP-Ideologen, obzwar es offenbar nicht wirklich von der Partei Hitlers anerkannt war. Trotz dieser Tatsache – und der Konsequenz daraus, dass es deswegen nicht in fast jeden Haushalt wie Hitlers „Mein Kampf“ über Zwangsbeglückung z.B. zur Hochzeit „hineingedrückt“ wurde, besaßen Millionen Menschen in Deutschland dieses Buch.

Das andere Werk – die zwei Bände des „Untergangs des Abendlandes“ von Oswald Spengler – war bereits kurz nach der Veröffentlichung so bekannt, dass man wohl davon ausgehen muss, dass damals jeder, der bei den angeschnittenen Themen mitdiskutieren wollte, das Buch gelesen haben musste. Weiterlesen

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