Pazifismuswunder und Russlandliebe

Die Weltlage der letzten Jahre ermüdet und belastet mich. Sie belastet mich so sehr, dass ich wieder einmal eine weitgehende Pause vom Nachrichtenkonsum, von sozialen Medien etc. mache. Dies nicht so sehr, um in uninformierter Naivität mein Dasein zu verbringen, sondern um mich von den vielen sich bestenfalls inkrementell ändernden negativen Nachrichten zu schützen, die im grunde niemandem helfen. Ob die Inzidenz um 100 nach oben oder unten schwankt: Was solls, es ändert nichts. Ob auf Kiew bomben fallen: Es hilft nichts, es ist weiter Krieg. Diese ständig aufgeregte Eilmeldungs- und Tickerberichterstattung raubt doch nur die Energie dafür, sich mit den dahinterliegenden politischen Szenarien zu beschäftigen. Ich will meine Empathie und meine Sorgen nicht ständig auf emotionalisierende Art und Weise „getriggert“ sehen – ein Grund z.B. dafür, sehr vorsichtig und distanziert mit Medien wie Twitter umzugehen.

Dabei gibt es aus meiner Sicht abseits der großen Medien phantastische Analysen zu lesen, zu sehen und zu hören. Unaufgeregt, emotional distanziert und fundiert ist für mich z.B. der Kanal eines Youtubers namens Perun. Ich würde mir mehr davon (und weniger rücksichtsloses Bespielen der Aufmerksamkeitsökonomie) wünschen.

Nun also zur Lage in der Ukraine. Oder eher nicht, denn ich habe da keine fundierte Meinung dazu, da ich auch „nur“ Analysen anderer konsumiere. Ich will explizit nicht den millionsten Militärstrategen ohne jede Ahnung, jeden Kontakt in die Ukraine oder nach Russland, aber mit umso mehr Meinungsstärke spielen, davon haben wir derzeit genug. Was mich eher als Kommentator interessiert, sind die politischen Diskurse in Deutschland darüber.

Zwei davon finde ich bemerkenswert: Zum einen den eher rückwärtsgewandten Diskurs über die ganz offensichtlich gescheiterte Anbindungsstrategie mit Russland, die zu ebenso offensichtlich vorhandener Abhängigkeit und Erpressbarkeit geführt hat. Zum anderen der zunehmende Druck vor allem von mittelinker politischer Seite, die Situation in der Ukraine weiter zu militarisieren. Beide Diskussionen überraschen mich in der Art, wie sie geführt werden.

Fangen wir mit dem ersten Thema an, dem Scheitern der deutschen Russlandstrategie. Ja, ich denke, bis auf ein paar ewig gestrige meist aus dem weit linken oder rechten politischen Spektrum oder gekaufte Russland-“Freunde“ sind wir uns einig, dass diese fürchterlich daneben ging. Das zu konstatieren ist keine Kunst, dieses Urteil zu bestreiten, wäre mehr als töricht. Aber: Ich behaupte – ohne selbst wirklich Anhänger davon gewesen zu sein – dass sie eine valide Strategie war, die ein ehrliches Ziel verfolgte, das damit auch prinzipiell erreichbar gewesen ist: Den Frieden in Europa zu erhalten, indem man Russland – auch bei erkennbar zunehmender politischer Distanz – wirtschaftlich so an Europa anband, dass für einen rational entscheidenden, an wirtschaftlicher Prosperität interessierten Führer ein Krieg in Europa zu kostspielig erscheint.

Es gab selbstverständlich gute Gründe auch in der Vergangenheit dafür, diese Strategie für falsch zu halten. Die eigene Abhängigkeit von zunehmend faschistisch agierenden Führern ist nie „gut“ oder „zielführend“. Die Abhängigkeit über Öl und Gas herzustellen, statt konsequent am ökologischen Umbau der eigenen Wirtschaft zu arbeiten, politisch desaströs. Aber wir müssen uns klar machen: Die Aussage, dass nur „mit“ Russland Frieden in Europa erhalten werden kann, ist im Rückblick alles andere als lächerlich, sondern bittere Realität. Wir haben Russland – trotz unserer Bemühungen – verloren und einen Krieg in Europa bekommen. Mehr Recht konnten die jetzt so der Lächerlichkeit preisgegebenen „Russlandfreunde“ nicht bekommen.

Und wer sich jetzt einredet, unsere Strategie hätte es Putin „erleichtert“, seine schauderhaft falsche Entscheidung von März zu fällen, muss sich doch wirklich überlegen, was ein anderes Szenario gewesen wäre: Wir hätten schon vor Jahren kaum mehr Handel mit Russland betrieben (unser Haupthandel ist nun mal Öl und Gas) und Russland hätte statt Northstream 2 mittlerweile funktionierende Pipelines im großen Stile nach China. Russland wäre dann ebenso „reich“, würde aber durch einen Krieg in der Ukraine nichts, aber auch gar nichts mehr riskieren. Glaubt denn wirklich irgendwer, wir würden aktuell in einem solchen Szenario „besser“ dastehen?

Nein. Nicht unsere Strategie war per se falsch. Falsch ist der Realitätsverlust von Putin, der tatsächlich davon ausging, in weniger als einer Woche als Befreier von Kiew in die Geschichte einzugehen. Und der deswegen dabei ist – ohne es wirklich gewollt oder nur bedacht zu haben siehe Realitätsverlust – Russland wirtschaftlich zu ruinieren, eben weil es kurz- bis mittelfristig von Europa abhängig ist.

Die andere deutsche Seltsamkeit sind die vielen eher linken Stimmen, die offenbar gern alle vorhandenen deutschen Waffensysteme sofort in die Ukraine liefern würden und am liebsten die deutsche Waffenindustrie nur noch für die Ukraine produzieren lassen wollen. Die selben Menschen, die noch vor wenigen Monaten die Bundeswehr bestenfalls ignorierten, die Soldaten verachteten und jeglichen Waffenhandel und die Waffenindustrie unter Generalverdacht stellten, betätigen sich jetzt als Meinungsmultiplikatoren für eine ungebremste Rüstung der Ukraine.

Ich will nicht falsch verstanden werden: Ich bin absolut kein Pazifist, ich war es nie. In einer bewussten Entscheidung leistete ich meinen Grundwehrdienst ab, ich bin an der Waffe ausgebildet und ja: Ich würde meinen Beitrag freiwillig leisten, würde das Deutschland von heute angegriffen. Für einen der größten Fehler der vergangenen Jahrzehnte halte ich die Aufgabe der Wehrpflicht und schon lange habe ich Sorge bzgl. der Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr – personell und von der Ausstattung her. In einer Welt der Putins und der Trumps, der Jinpings, der Orbans und Le Pens fände ich es beruhigend, mich auf meine Armee verlassen zu können, denn Klassenhofbullies lassen sich nun mal nicht rein diskursiv überzeugen.

Gerade wegen diesem Hintergrund frage ich mich wirklich, was über die vielen linken Rüstungsfans gekommen ist, dass sie ohne jeden Sinn und Verstand plötzlich Dinge verlangen, die aus meiner Sicht gut überlegt sein müssen, bevor man sie in die Wege leitet. Waffensysteme müssen vorhanden und technisch einsatzfähig sein, sie müssen von Ukrainern bedient werden können, ihre Abgabe darf die – eh schon mangelhafte – Wehrfähigkeit Deutschlands nicht schwächen. Ihre Lieferung muss abgestimmt sein mit unseren Partnern, denn die Reaktion Russlands muss zumindest bedacht werden. Ja, dieser Krieg darf ruhig – wenn es die Ukraine will – lang und für Russland schmerzhaft werden. Ich gehe darüber hinaus: Dieser Krieg muss für Russland schmerzhaft werden, denn ansonsten wird keiner mehr in Europa vor Putins Russland sicher sein.

Aber ich würde mir tatsächlich wünschen, wir würden uns hier nicht von emotionalen Erpressungen irgendwelcher Botschafter oder von der Wirkung von fragwürdigen Bildern und Informationen leiten lassen, sondern von unseren realpolitischen Interessen und unseren Randbedingungen. Und das in aller Kühle und in der situativ notwendigen aber auch für eine sachgemäße Entscheidung sinnvollen Geschwindigkeit. Dieser Krieg ist uns nahe – sicher. Er ist in seiner Wirkung schrecklich, und ja, Putin ist ein Kriegsverbrecher allein dadurch, dass er ihn anfing. Dieser Krieg ist aber nicht anders, als der Krieg in Syrien, der Krieg im Jemen, der Krieg im Irak oder in Afghanistan. Bei dem einen distanziert daneben zu stehen und seinen Schreibtischpazifismus zu „feiern“, beim andern emotional der Kopf zu verlieren und am liebsten gleich Soldaten vor Ort schicken zu wollen, die man bisher eigentlich eher verachtet hat: Man möchte wirklich nicht die Beweggründe mancher für solches Handeln hinterfragen.

Kleiner Nachtrag nach Veröffentlichung: Ich habe den Text ohne Kenntnis des aktuell veröffentlichten „offenen Briefs“ in der Emma formuliert. Ich mache mich nicht gemein mit aus meiner Sicht zögerlich-feigen Appeasementforderungen und dem Wunsch nach größerer „Neutralität“. Wie ich schrieb: Russland muss den Krieg bis ins innerste „spüren“. Und die Ukraine kämpft einen gerechten Kampf, den wir aus Deutschland unterstützen sollten, solange die Ukraine bereit ist, ihn – auch für uns und unsere Freiheit – zu kämpfen.

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Mein Herz blutet

Kyiv 1996 – es war eine so zukunftsoffene Zeit damals.

Ich hoffe, es geht allen Menschen auf diesen Bildern gut. Meine Gedanken sind bei ihnen.

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Kollektive Paranoia

Schon länger erschien nichts mehr auf diesem Blog. Der Grund dafür ist recht einfach: Es passiert einfach derzeit nichts neues, das diskussionswürdig wäre. Die Rechten machen, was die Rechten so machen. Die Pandemie macht, was die Pandemie so macht. Die weltweiten Diktatoren machen, was Diktatoren so machen. Die Politik macht, was die Politik so macht (im Zweifel gar nichts). Es ändern sich vielleicht die Namen, die Umstände, die regierenden Parteien – allein das Grundsätzliche bleibt gleich. Was will man also dokumentieren oder kritisieren, wenn man das Gefühl hat, alles bereits gesehen und alles bereits kritisiert zu haben?

Es spricht natürlich ein gerütteltes Maß an Frustration aus diesem ersten Absatz. Eine Frustration, die letztes Jahr z.B. sogar dazu geführt hat, dass ich das erste Mal in meinem Leben, wissend um die damit verschenkte Stimme, keine im Bundestag vertretene Partei gewählt habe, da ich von diesen Parteien und ihren Vertretern nichts mehr erwarte. (Natürlich habe ich eine links-liberale Kleinpartei gewählt und nicht die Vertreter des „üblichen“ Wutbürgerprotests. Ich bin schließlich frustriert, will aber natürlich nicht das System deswegen brennen sehen.)

Was also bleibt im Jahr 2022, kurz vor Beginn des dritten Jahres der Pandemie? Es bleibt das Gefühl, dass unsere Gesellschaft dabei ist, in Gänze paranoid zu sein – denn von werden kann man nicht mehr reden. Und dass wir alle momentan nicht wirklich wissen, wie wir da jemals wieder rauskommen, und wer unser Therapist sein könnte, wenn es uns selber nicht gelingt.

Wie komme ich zu dieser Feststellung? Ganz einfach: Ich beobachte es an mir selber, ich lese es in den Medien, ich erlebe es in persönlichen Gesprächen. Nur wirklich naive Menschen können diese kollektive Gefühlslage meines Erachtens irgendwie „aussitzen“, durchzieht sie doch die Diskurse aller politischen Richtungen.

Die autoritären und rechten, die libertären glauben daran, dass wir weit fortgeschritten auf dem Weg in eine Diktatur sind und alle unsere Freiheiten verlieren werden. Die ökologischen glauben daran, dass wir auf dem Weg in den Untergang sind. Die solidarischen und linken sehen Deutschland gescheitert, weil nicht alle solidarisch bei der Kontaktreduzierung und Impfung mitmachen. Die hypochondrischen sehen jeden Kontakt als tödliche Bedrohung – egal wie der Impfstatus ist. Jeder davon versorgt sich auf seinen Kanälen täglich mit einer neuen Dosis „doomsday“, dabei Wort für Wort auf die Waagschale legend und im Zweifel bedrohlich missverstehend.

Wie geschrieben: Ich finde mich da auch in der einen oder anderen Beschreibung wieder. Das ist unter krisenhaften und potentiell tödlichen Randbedingungen mit all ihren notwendigen Eindämmungsmaßnahmen offensichtlich „normal“ – gesund ist es aber nicht, vor allem, wenn es mittlerweile ins dritte Jahr dabei geht. Mittlerweile kämpfe ich dagegen an. Ich will nicht bei jeder Begegnung darüber nachdenken müssen, ob mein Gegenüber mich bedroht. Ich will nicht, dass massenhaft Menschen durch meine Stadt marschieren, die Antisemiten und rechtsradikale Zündler verehren und ganz objektiv keinerlei Zugang zu aufgeklärtem Denken und Handeln besitzen.

Ganz allgemein: Ich möchte wieder zurück zu meinem naiven Glauben daran, dass wir – bei allem Verbesserungsbedarf – in der besten aller Gesellschaftsformen leben und dass wir gemeinsam, solidarisch mit den Schwachen und rational in den Methoden, durch auch schwierigere gesellschaftliche Situationen kommen werden. Ich möchte wieder verdrängen können, dass ich morgen an einer tödlichen Krankheit erkranken könnte. Ich würde gerne wieder wichtigere Dinge als schlecht gemessene, falsch verstandene und unsinnige KPIs diskutieren. Ja, ich würde gerne wieder vergessen, wieviele – auch formal sehr gebildete – Menschen töricht sind, töricht im Sinne von Kants Worten von der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“.

All das nimmt mir nämlich das optimistische Vertrauen in die Zukunft, es macht mich paranoid. Ich will nicht mit Menschen zusammenleben, die einem erklären, es gäbe keine Viren – obwohl gerade ein naher Verwandter von ihnen an Covid stirbt. Ich will nicht zusammenleben mit Libertären, die mir erklären, „jeder könne sich ja selbst schützen“ in so einer Situation – wenn es gleichzeitig viele gibt, die immununterdrückt sind oder die einfach aus intellektuellen Gründen keine Verantwortung für sich selber übernehmen können. Ich will nicht mit Menschen zusammenleben, die glauben, dass unter Kanzlerin Merkel oder Kanzler Scholz eine Diktatur errichtet würde und die deshalb zur Gegenwehr Waffen sammeln. Ich will nicht alle zwei Monate darüber nachdenken müssen, wo ich schon wieder den nächsten „Shot“ herbekomme. Ich will mich nicht unter Druck gesetzt fühlen, weil andere ihren „Shot“ irgendwie bereits organisiert haben – gerne an allen Regeln vorbei.

Ich will das alles nicht mehr. Manches kann ich selber über meine eigenen Einstellungen ändern, manches werde ich nur verdrängen können. Aber wie geht diese Verdrängung? Kann man jemals wieder verdrängen, wie viele radikal werden und unsolidarisch agieren, wenn es hart auf hart kommt? Kann man jemals wieder verdrängen, wie bedroht man sich vom Nächsten fühlen kann? Kann man verdrängen, dass die eigene politische Elite sichtlich überfordert ist, rechtzeitig die notwendigen Maßnahmen zu treffen und durchzusetzen – obwohl es nicht nur um die „Rettung von Banken“ sondern um Menschenleben geht? Kann man Menschen verzeihen lernen, die sich unsolidarisch oder töricht bis ins Mark zeigen?

„Wir werden uns viel verzeihen müssen.“ Hmh. Nein, das ist nicht die größte Herausforderung. Die viel größere Herausforderung wird sein, dass wir viel vergessen werden müssen. Nicht, um mit den „anderen“ weiter zusammenleben zu können, nein, um mit uns selber wieder Frieden zu finden.

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Romantik

Ein irgendwie etwas altmodisch wirkender Begriff, der trotzdem seltsame Aktualität ausstrahlt. Museen werden zur Zeit über sie und in ihrem Namen eröffnet, man fragt sich, warum gerade jetzt. Was sagt uns heute die Romantik? Kann sie uns noch etwas erzählen?

Nun bin ich persönlich ebenfalls vom aktuellen Romantikhype betroffen. Ich bin Vorstand eines altehrwürdigen Kunstvereins, der 2023 sein 200-jähriges Bestehen zu feiern hat. Und natürlich beschäftigen wir uns derzeit im Rahmen der ersten Grobplanung mit unseren Anfängen, die – oh Wunder – mit einem der großen deutschen Romantiker lose verknüpft sind. ETA Hoffmann war einer derjenigen Bürger von Bamberg, die vor über 200 Jahren begannen sich zu treffen, um sich aus bürgerlicher Eigeninitiative mit Kunst und Kultur auseinanderzusetzen. Das späte Ergebnis dieser Treffen in kleinem Rahmen war unser Kunstverein.

Somit scheint das Thema meines Vereins für das Jubiläum gesetzt: Was sagt uns heute noch die Romantik, leben wir noch immer in romantischen Zeiten oder bereits in einer zweiten Romantik? Oder ist uns der Begriff fremd geworden?

Nun ist dies ja ein politischer Blog, der sicher nicht die Innensicht eines kleinen bürgerlichen Vereins widerspiegeln soll. Doch stolperte ich bei der Beschäftigung mit diesem Thema über manch überraschende Nähe zu aktuellen Großdiskursen, die zu erläutern mir interessant erscheint. Ich hatte mich nie – abgesehen von meiner Liebe zur romantischen Lyrik von Eichendorff und Heine – wirklich für diese Kulturepoche interessiert: Die klassische Musik ist generell nicht meines, die Romane schienen mir etwas gefühlsdusselig dröge, die Malerei aus heutiger Sicht eher altbacken und langweilig. Nichts davon ändert sich für mich daran. Was mich inhaltlich fing, waren die Erklärungen, was die Romantiker wollten und wofür die Romantik steht.

Wikipedia hat in seinem Abschnitt „Anliegen“ zum Lemma der Deutschen Romantik einen guten Einstieg in das Thema:

Romantik entstand als Reaktion auf das Monopol der vernunftgerichteten Philosophie der Aufklärung, die in Deutschland vor allem durch Immanuel Kant geprägt war, und auf die Strenge des durch die Antike inspirierten Klassizismus. Im Vordergrund stehen Empfindungen wie Sehnsucht, Mysterium und Geheimnis. Dem in die Zukunft gerichteten Rationalismus und Optimismus der Aufklärung wird ein Rückgriff auf das Individuelle und Numinose gegenübergestellt. Diese Charakteristika sind bezeichnend für die romantische Kunst und für die entsprechende Lebenseinstellung.

Der Romantiker ortet einen Bruch, der die Welt gespalten habe in die Welt der Vernunft, der „Zahlen und Figuren“ (Novalis), und die Welt des Gefühls und des Wunderbaren. Treibende Kraft der deutschen Romantik ist eine ins Unendliche gerichtete Sehnsucht nach Heilung der Welt, nach der Zusammenführung von Gegensätzen zu einem harmonischen Ganzen.

Die Romantik war also die große Gegenbewegung zur Weltbetrachtung der Aufklärung, die nur an Zahlen, Daten und Fakten interessiert war. Die die Natur und den Menschen entmystifiziert hat, für die alles nur noch eine große Maschine aus vielen Rädern ohne Geist und Willen war. Ursache und Wirkung erklären die Zeitläufte, nicht Wollen und Handeln, nicht Emotionen und Affekte. Das zu ändern, die Rückbesinnung also auf frühere „natürlichere“ Zeiten war das Ziel der Romantik.

Das scheint verblüffend nah an aktuellen Diskursen zu Klimawandel oder Covid. Nah auch zur rechten „Romantik“ des „germanischen Volkskörpers“ mit seinen thymotischen Anwandlungen (ich muss zugeben, dieser Begriff erheitert mich noch immer) genauso wie zur gefühligen linken Identitätspolitik, für die jede persönliche Emotion und Betroffenheit wichtiger ist als eine Analyse der tatsächlichen Fakten, in der deshalb jede Massenstudie wertlos erscheint, wenn es eine empirische Ausnahme im Bekanntenkreis gibt.

Hat die Romantik also bis heute überlebt? Oder leben wir in einer „zweiten“ Romantik? Ich vermute irgendwie beides. Zahlen, Daten und Fakten sind auch in unserer ach so rational erscheinenden Gesellschaft nur für wenige Menschen wirklich zugänglich. Die wenigsten interessieren sich für Naturwissenschaften (oder Mathematik als Grundlage zu ihrem Verständnis), ganz im Gegenteil, es gibt wortmächtige Kreise, die sich immer wieder zu meinem Schaudern damit profilieren, sie wären bereits in der Schule unfähig gewesen, Mathematik oder Naturwissenschaften zu verstehen (man stelle sich vor, jemand wie ich würde mit der gleichen Begeisterung davon erzählen, wie schlecht er in lebendigen Sprachen war. Und wieviel tragischer wäre es, wenn ich auch heute noch schlecht in Fremdsprachen wäre, statt an diesem Defizit eifrig zu arbeiten. Diese Peinlichkeit über die weiterbestehende Ignoranz in Bezug auf Mathematik oder Naturwissenschaften scheint den genannten völlig abzugehen, so als sei es eine Leistung, selbst einfachste mathematische Grundlagen nicht zu verstehen.)

Ich denke nicht, dass sich das über die Zeitläufte seit der Aufklärung irgendwie verändert hat: Ein Drittel kann es, einem Drittel sind Zahlen, Daten, Fakten egal und ein Drittel findet keinen Zugang dazu. Was sich in der Romantik für mich verändert hat, war das Auftreten von einflussreichen Promotoren der letzten zwei Drittel. Es war plötzlich ok, die Aufklärung und ihre Rationalität ignorieren zu wollen, weil es starke Stimmen gab, die das unterstützt haben. Man konnte es sich jetzt in seiner „eigenen“ Realität des Bauchgefühls einrichten ohne sich fragen zu müssen, ob diese Realität noch Bezug zur echten Realität hat. Man war nicht ungebildet oder doof, sondern hipp, wenn man Zahlen, Daten und Fakten ignorierte.

Und hier scheint mir die Parallele zu heute zu liegen: Die sozialen Medien, die jeden zum Senden befähigen und die selbst die unsinnigsten Aussagen pushen, solange sie massenhaft Werbeeinblendungen ermöglichen, ja, sie haben dafür gesorgt, dass jede spontane authentisch wirkende Gefühlsregung gesellschaftlich relevant erscheint. Zumindest relevanter als zwanzig Studien aus dem Elfenbeinturm mit all ihren Zweifeln und Grenzen, die die wissenschaftliche Arbeit bedingen. Und Menschen, die ihre Identität vor allem aus Emotionen und Gefühlen ziehen, fühlen sich magisch angezogen von diesen „neuen“ Möglichkeiten.

Es ist also für mich nicht eine zweite Romantik, weil die Gesellschaft plötzlich anders wäre. Es ist eine zweite Romantik, weil „romantische“ Menschen die Möglichkeit haben, wirkmächtig zu werden. Rechts wie links, bei jedem Thema. Jeder Mensch ist ein Künstler, jedes Gefühl ist es wert berichtet zu werden. Jeder Statistik ist zu misstrauen. Es ist also kein Wunder, dass alles aktuell von Romantik spricht. Ja, Romantik ist fürchterlich modern, nur dass ich leider den Eindruck habe, daraus erwächst diesmal kein Eichendorffscher Satz der ruhigen Selbstbesinnung: „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus. Flog durch die stillen Lande als flöge sie nach Haus.“

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Afghanistan

Die Taliban haben ihr Ziel erreicht. Sie haben die halbwegs demokratisch gewählte Regierung in Afghanistan „beseitigt“, Kabul ist gefallen, und allen westlich oder zumindest demokratisch gesinnten Bürgern vor Ort droht schlimmes. Das archaisch anmutende Stammesrecht der Paschtunen gewinnt wieder die Oberhand. 20 Jahre Besatzung und Aufbauhilfe für die Katz. Tausende junge Männer und Frauen aus den westlichen Ländern, die dafür durch die Hölle gegangen oder gestorben sind – umsonst. Man weiß nicht, ob man wüten oder weinen soll. Man weiß nicht, über wen oder was man zornig sein müßte. Es ist eine Melange an Wut, Trauer, Enttäuschung, Mitleiden, die einen bewegt. Aber es ist auch eine Menge Fatalismus dabei. Ja, es war wohl wirklich nicht das unwahrscheinlichste Ergebnis der Entwicklungen der letzten 20 Jahre – und genauso wenig das vorstellbar schlimmste nach einem Abzug des „Westens“.

Und weil das so ist, ärgere ich mich aktuell über viele Kommentare zur Lage dort. Zwei Erzählungen scheinen sich momentan durchzusetzen, die ich für sehr zweifelhaft halte. Die erste behauptet, der „Westen“ sei von der Machtübernahme der Taliban „überrascht“ worden. Dabei ist seit Monaten der nahezu ungehinderte Vormarsch der Taliban zu beobachten gewesen. Die Taliban hatten bereits Anfang des Jahres größere Teile von Afghanistan in ihrem „Besitz“. Niemand ist von der Machtübernahme selber überrascht worden. Überrascht wurden wir alle (natürlich auch ich) von der Geschwindigkeit und Problemlosigkeit der selben. Jedem war klar, dass das Paschtunische Stammesgebiet (die Paschtunen sind ja die größte Volksgruppe, weswegen das natürlich große Teile des Landes umfasst) ohne großen Widerstand an die Taliban fallen würde, die ja hauptsächlich Paschtunen sind. Dass aber die nicht schlecht gerüstete Armee keinerlei Anstalten machen würde, auch nur nennenswert Widerstand zu leisten, als die Taliban auf die Metropole vorrückten, war auch mir nicht vorstellbar. Das allein erklärt die Hektik aktuell, nicht die Eroberung der Taliban selber.

Die zweite ist das oft behauptete „Versagen des Westens“. Worin soll es bestehen? Der „Westen“ ist zurecht müde, eine vom Großteil der Bevölkerung offensichtlich nicht gewollte Entwicklung des Landes als Besatzer zu erzwingen. 20 Jahre vor Ort, 100te Mrd. $ Kosten, tausende Tote als zusätzlicher Blutzoll – niemand kann doch wohl ernsthaft behaupten, der Westen sei leichtfertig mit Afghanistan umgegangen oder wäre seiner Verantwortung nach der Eroberung und der Ausschaltung von Al-Kaida nicht gerecht geworden. Viele Soldaten des Westens aktuell vor Ort waren zu Beginn des Krieges kaum geboren. Es ist in meinem Augen tatsächlich ein gutes Recht des „Westens“, sich jetzt zurückzuziehen. Und die Perfomanz der Armee zeigt ja, wie notwendig dies tatsächlich war, wie hohl der Staatenbau geblieben ist. Keine weiteren 20 Jahre Besatzung und keine weiteren 100 Mrd. $ würden daran etwas ändern.

Man stelle sich vor, es wäre jetzt 1965 und wir wären in Deutschland. 120.000 deutsch-österreichische Nazis kämen aus den österreichischen Bergen mit Weltkrieg 2-Waffen auf Motorrädern und in Geländewägen, eroberten in einem Streich Bayern und Baden-Württemberg und marschierten auf Bonn zu. Die Aliierten geben entnervt auf. Und die Bundeswehr – immerhin 450.000 Mann stark mit modernen Waffen – übergibt kampflos die Kasernen und Waffen im ganzen Land (oder schließt sich gar den Nazis an). Was würde man von einem solchen Land halten? Wer hätte hier versagt? Doch wohl vor allem wir Deutschen.

Und genau so sollten wir auch die Afghanen messen. Sie sind nicht unsere „armen Hascherl“, die von uns gestreichelt und geschützt gehören, weil sie ansonsten unfähig zum Überleben sind. Nein, sie sind ein stolzes 38 Mio. Volk, das selbst entscheidet und das seine inneren Kämpfe auch selber ausfechten muss. Entscheidet es sich falsch und kämpft es nicht, wenn es um seine Freiheit geht, dann hat es seine Freiheit tatsächlich wohl nicht verdient.

Wir in Deutschland sind aktuell nur für eines verantwortlich: Sicherzustellen, dass alle, die uns vertraut haben, die uns geholfen haben und die jetzt bedroht sind, schnell in Sicherheit kommen. Das wird unser Versagen tatsächlich messbar machen, wenn wir daran scheitern. Danach ist Afghanistan wieder das, was es schon lange und sicher mit viel externer „Unterstützung“ von Briten über Russen, dem Westen und in Zukunft vielleicht von China ist: Ein aus europäischer Sicht ‚failed state‘ mit Bodenschätzen und Drogen, Korruption und archaisch anmutendem Recht des Stärkeren. Nicht der einzige und vermutlich nicht der schlimmste gescheiterte Staat auf der Welt. Aber eine ewig nachwirkende Enttäuschung des Westens. Nur eben keinen deutschen Toten mehr wert.

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Corona-Wunder der Statistik

Eines liebe ich ja an den Randbedingungen der letzten 1,5 Jahre während des Umgangs mit Covid: Die vielen Statistiken, die mit großem Aufwand und einiger nerdiger Liebe täglich aufbereitet und veröffentlicht werden. Bin ich doch ein Kennzahlenfetischist vor dem Herrn, schaue ich täglich auf diverse Statistikseiten, deren selbstgewählte Zusammenstellung sich – je nach aktueller Interessenlage – regelmäßig fokusmäßig für mich verändert.

Mal sind es die deutschen Ansteckungszahlen, mal die weltweiten Testzahlen, mal die amerikanische Detailstatistik, mal der europaweite Vergleich, mal die Übersterblichkeit: Für fast jede Fragestellung gibt es aktuell gut recherchierbare Quellen mit Zahlen, Daten und Fakten. Und jeder Blick erklärt im besten Falle die eine oder andere Entwicklung, meist hinterlässt er aber mehr Fragen als Antworten, da die Standardsichten inhaltlich schnell an ihre Grenzen kommen, da ihnen dann doch die eine oder andere Zusatzinformation fehlt.

Alles in allem ist es aber ein wunderbares Feld, um Kausalitätsthesen zu entwickeln und zu testen – und um so schockierter bin ich immer wieder, wenn in der Medienöffentlichkeit erkennbar falsche Ideen um sich greifen, zeigt dies doch zum einen eine gewisse Recherchefaulheit, zum anderen aber oft auch eklatante methodische Defizite oder, schlimmer noch, Denkfaulheit auf.

Nichtsdestotrotz ist mir aber klar, dass jede einzelne Statistik alleine selten wirklich eine Frage klären kann. Ein aktuelles, rätselhaftes Beispiel – das geradezu wunderbar den notwendigen methodischen Umgang mit Statistiken aufzeigt – sind die Coronazahlen aus dem UK.

UK hat als Hintergrund folgende Voraussetzung in den letzten Woche gehabt: Eine vergleichsweise hohe Impfquote unter Erwachsenen, die Aufhebung der sozialen Beschränkungen zur Krisenbewältigung, stark steigende Ansteckungsraten aufgrund der um sich greifenden, hoch infektiösen Deltavariante und daraus resultierend ansteigende Zahlen der Hospitalisierungen und Toten aufgrund einer Covid-Erkrankung.

Bloß: Zu aller Überraschung kippt dieses sehr negative Bild seit Mitte Juli, die Ansteckungen sind massiv zurückgegangen. Und viele fragen sich, wie es bei den geschilderten Voraussetzungen dazu kommen konnte.

Will man hier Antworten finden, sollte man methodisch zunächst einmal hinterfragen, ob das in der Statistik sichtbare überhaupt signifikant ist – also nicht alleine dem in der Statistik enthaltenen Zufall zu verdanken ist. Ein einmaliger, wenige Tage andauernder Einbruch der Zahlen könnte rein zufällig sein. Wir sehen aber hier eine mustergültige Kurve, die ab Juni stark ansteigt, Mitte Juli ein Maximum von ca. 48.000 Fällen pro Tag im Mittel von 7 Tagen erreicht und danach ebenso steil bis Anfang August auf ca. 26.000 Fälle pro Tag im 7 Tages-Mittel abfällt. Ich denke, dass ein Abfall von 46% über 3 Wochen ohne weitere methodische Überprüfung als signifikant bezeichnet werden kann. Es muss also irgendeine Änderung im System gegeben haben, die zu dieser Kurve führte.

Da die Fallstatistik hier ganz offensichtlich nicht selbsterklärend ist, müssen wir also weitere Größen hinzuziehen. Ziel ist es, Kausalitäten zu finden, also Beziehungen der Regel: Weil A sich verändert, verändert sich auch B.

Hat man nur ein unvollständiges Modell der Wirkungsbeziehungen im betrachteten System, kann man nicht sofort die „richtigen“ Wirkungsketten an den Ursprung zurückverfolgen. Es kann zwar sein, dass man einzelne Kettenglieder sofort ausschließen kann. Z.B. weiß man, dass die Hospitalisierungsrate der Ansteckungsrate nachfolgt. Eine steigende Ansteckungsrate führt i.d.R. mit etwas zeitlicher Verzögerung zu einer steigenden Hospitalisierungsrate. Eine steigende Hospitalisierung wegen Covid führt aber nicht zu einer steigenden Ansteckungsrate (es sei denn, man machte etwas grundlegend falsch im Krankenhausbetrieb, was aber im UK auszuschließen ist). Damit sind natürlich alle Krankenstatistiken aus UK (und natürlich auch die der Todesfälle, die ja zwangsläufig der Krankenstatistik folgt) für unsere Suche nach Kausalität zunächst ignorierbar.

Aber: Schaut man im UK-Dashboard nun auf die restlichen Statistiken, fällt einem eine Statistik ins Auge, die sich lohnt zu untersuchen: Die der Anzahl durchgeführter Tests.

Was sieht man? Im selben Zeitraum steigen von Juni bis Mitte Juli die Testzahlen an, um danach bis August wieder abzufallen (23% Reduzierung). Die Reduzierung ist zwar deutlich niedriger als die der Ansteckungsfälle, sie ist aber von der Größe her sicher signifikant. Es ist deshalb eine deutliche Korrelation zwischen beiden betrachteten Statistiken zu erkennen. Haben wir also den Auslöser gefunden? Das kann man leider so einfach nicht sagen. Eine erste Bewertung der möglichen Wirkabhängigkeiten weißt darauf hin, dass es wohl Wirkverbindungen zwischen beiden Kennzahlen gibt. Testet man nicht, hat man keine offiziellen Ansteckungsfälle. Testet man perfekt, hat man das statistisch mögliche Maximum der Ansteckung gefunden (was der realen Ansteckungslage entspricht). Das ist trivial. Trotzdem kann nicht einfach behauptet werden, dass man im UK einfach weniger testet und deswegen weniger findet.

Denn prinzipiell gibt es bei zwei korrelierenden Größen vier Kausalitätsmöglichkeiten.

1. Es gilt: Weil A sich verändert, verändert sich B.

2. Es gilt: Weil B sich verändert, verändert sich A.

3. Es gibt eine gemeinsame Ursache für die Veränderung bei A und B, ohne dass sich A und B gegenseitig beeinflussen.

4. Die Korrelation ist komplett zufällig. Die Größen A und B haben also jeweils eine eigene, unabhängige Größe X bzw. Y, die Hintergrund der jeweiligen Statistikentwicklung ist. Ein Beispiel hierfür wäre die oft in diesem Zusammenhang beschriebene Korrelation zwischen einer steigenden Anzahl Babys und einer steigenden Anzahl von Störchen, bei der man i.d.R. eine Kausalität ausschließen kann.

Was also gibt das für die Situation in UK her? A sei die Anzahl der Ansteckungsfälle, B die Anzahl der Tests.

Zu 1). Kann es sein, dass die Anzahl der Tests steigt oder fällt, weil die Ansteckungszahlen steigen oder fallen? Jederzeit. Je weniger Menschen sich krank fühlen, desto weniger Menschen gehen zum Arzt, desto weniger Tests werden die Ärzte beauftragen, desto weniger Tests werden gemacht. Das scheint eine eindeutige Wirkungskette zu sein, wir können also weitere Untersuchungen einstellen. UK hat alles im Griff. Oder?

Zu 2). Kann es sein, dass die Anzahl der in der Statistik abgebildeten Ansteckungszahlen steigen oder fallen, weil die Anzahl der Tests steigt und fällt. Jederzeit. Gibt es z.B. eine kapazitive Grenze bei den Laborkapazitäten, werden nicht alle möglichen Ansteckungen entdeckt, die Dunkelziffer steigt. Beste Beispiele hierfür sind ja Länder wie Russland, die ihre Ansteckungs-Statistiken bewusst niedrighalten, wobei ihre Übersterblichkeitsstatistiken mittlerweile ein gänzlich anderes Bild zeichnen. Ist das aber im UK der Fall? Ich traue Rechtspopulisten wie Johnson sehr viel zu, glaube aber nicht, dass das tatsächlich die richtige Hypothese ist. Aber: Geprüft werden müsste es, ist es doch tatsächlich nicht 100% auszuschließen.

Zu 3.) Hier wird es interessant: Ist eine dritte Größe vorstellbar, die die beiden anderen Größen gemeinsam beeinflussen könnte? Jederzeit. Ein einfaches Beispiel könnte z.B. die Auswirkungen der Urlaubssaison sein. Stellte man sich z.B. vor, dass 30% der UK-Bewohner gleichzeitig in Sommerurlaub ins Ausland fahren, könnten faktisch allein deshalb 30% weniger Erkrankungen im UK auftreten. Sollten die urlaubenden UK-Bewohner während des Urlaubs krank werden, würde ein Großteil davon im Ausland getestet und in Quarantäne gehen. Sie würden also aus der Statistik des UK bei beiden Größen herausfallen. Beide Größen würden demnach sinken – ohne dass weniger UK-Bewohner faktisch krank geworden wären.

Zu 4.) Auch das scheint interessant: Kann es zufällig sein, dass beide Größen gleichermaßen steigen und sinken. Ja, auch das ist möglich. Man könnte z.B. eine eher sinnlose Reihentestung einstellen und gleichzeitig könnten auch die Ansteckungszahlen in Wirklichkeit sinken. Beides wäre unabhängig von einander. Ob solche Mechanismen wahrscheinlich sind, mag man bezweifeln. 100% auszuschließen ist es aber nicht.

Was ist jetzt aber der echte Wirkmechanismus? Keine Ahnung. Ich würde vermuten, eine Kombination von 1 und 2, wobei ich tatsächlich einen hohen Einfluss der Sommerurlaubssaison vermute. Schulen und Büros sind geschlossen und damit Ansteckungsherde reduziert, Touristen sind im Ausland, wobei gleichzeitig aufgrund von Reisebeschränkungen kaum Touristen aus dem Ausland ins Inland kommen. Zur weiteren Beurteilung der Situation fehlen aber wichtige Statistiken im Dashboard. So wäre z.B. die Positivrate der Test von großer Bedeutung. Würde diese bei sinkenden Testzahlen deutlich ansteigen, wäre es ein Hinweis auf ein geändertes Testregime in UK und eine überoptimistische Sicht auf die Ansteckungen. Auch wäre jede Reisestatistik und sonstige urlaubsrelevanten Statistiken für eine tiefere Analyse interessant, was aber zeigt, dass man über die reinen covidrelevanten Statistiken hinausblicken müsste, um das Geschehen zu begreifen.

Fakt ist aber, dass im UK auch die Hospitalisierungen mittlerweile stagnieren, es also eine Reduzierung der Ansteckungen im UK tatsächlich gibt. Ob und wie nachhaltig dies aber ist, werden wir meinem Gefühl nach erst nach Ende der Urlaubssaison wissen.

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Identität

Im zeitgenössischen politischen Diskurs gibt es ein Thema, um das man direkt oder auf der Metaebene kaum herumkommt: Die Identität des Menschen. Nun habe ich hier auf diesem Blog schon mehrfach meine Probleme mit Identitätspolitik beschrieben. Mir leuchtet schlicht nicht ein, welchen Sinn ein „othering“ über so willkürliche menschliche Parameter wie Nationalität, Geschlecht, sexuelle Vorlieben oder Hautfarbe haben sollte. Ich kann jemanden als meinen politischen Freund oder Gegner wegen seiner persönlichen politischen Einstellung, seinen Zielstellungen oder seiner Meinung zum Weg zur Zielerreichung ansehen. Aber doch nicht nur deshalb, weil er nichtdeutsch, Mann oder heterosexuell ist (oder das Gegenteil davon natürlich).

Dabei bin ich – wie bereits auch beschrieben – sicher der letzte, der beispielsweise von sich behaupten würde, „ich sehe keine Hautfarben“. Ich erwische mich immer wieder dabei, stereotypische Abkürzungen in der Bewertung anderer Menschen zu nehmen, was manchmal zu unrealistisch positiven, oft aber auch zu unfairen negativen Urteilen führt. Bemerke ich dies, dann ärgere ich mich über mein intellektuelles Versagen, denn Vorurteile sind für mich vor allem der Bequemlichkeit geschuldet, sich nicht mit dem Gegenüber wirklich beschäftigen zu wollen. Deshalb erscheint es mir logisch, solche Kurzschlüsse auch im politischen Diskurs ablehnen zu müssen, vor allem da sie meist dazu führen, Maßnahmen auf Basis einer vielleicht tatsächlich sichtbaren Korrelation zu beschließen, ohne die wirkliche Kausalität dahinter verstehen zu wollen und zu können.

Das alles sei aber heute nicht das Thema des Textes. Nein, heute möchte ich ein viel fundamentaleres Problem meinerseits beschreiben, das vielleicht den Kern meines Zweifels bezüglich einer Identitätspolitik bildet: Ich verstehe im intellektuellen aber auch persönlichen Sinne Identität per se nicht. Dieses Unverständnis begleitet mich schon länger, ich rätsele darüber schon eine Weile. Dass ich dieses Thema jetzt hier aufgreife, ist der Tatsache geschuldet, dass der youtube-Algorithmus mir einen Kanal in die timeline gespült hat, der mich genau an diesem Punkt „gepackt“ hat.

Ich schaue mir u.a. auf youtube gerne politische und philosophische Erklärvideos an. So bekam ich – ohne weiter danach gesucht zu haben – ein Video eines britischen Kanals namens „Philosophy Tube“ zur „Ignorance and Censorschip“ angeboten. Eine attraktive, charismatische, sehr intelligente Frau – sicher politisch eher links stehend – stellte mit hoher Eloquenz und großer schauspielerischer Begabung viele nachdenkenswerte Fragen, ohne wirklich Antworten zu geben. Sprich: Das Video war wunderbar unterhaltsam und im besten sokratischen Sinne anregend. Ich war begeistert und ja, ich hatte einen kleinen sapiosexuellen crush dabei. Natürlich wollte ich weiteres davon sehen, ich klickte ein zweites zufälliges Video dieses Kanals an und war überrascht, einen nicht unattraktiven Mann, etwas weniger charismatisch auf mich wirkend, aber mit genau der gleichen Vortragsart und der gleichen bereichernden Wirkung vorzufinden.

Natürlich war mir nach kurzer, verwunderter Recherche schnell klar, was ich dort sah: Ich erlebte das Coming out einer Transfrau. Der Kanal war vor ca. 8 Jahren von einer Person namens Thomas Thorn gestartet worden und wurde ab Anfang des Jahres von Abigail Thorn weitergeführt. Warum ich Abigail Thorn soviel charismatischer wahrgenommen hatte, beschreibt das extrem sehenswerte Video zum Übergang (und zum Thema dieses Textes) von vier Monaten sehr gut. Das Glück nach dem Mut zum Schritt dahin und die neugewonnene Authentizität von A. Thorn zu sehen, macht einen irgendwie selber glücklich. Ja, diese Frau ist jetzt sichtlich bei sich – viel mehr, als sie vorher in ihrer „schauspielerischen“ Rolle als Mann war.

Was mich aber zu meinem Dilemma bringt. Ich sehe das Glück dieses Menschen darüber, ich fühle es intensiv mit. Ich kann aber den Hintergrund, der zu diesem Schritt und den Gefühlen darüber führt, nicht verstehen – nicht im Sinne einer Be- und noch viel weniger im Sinne einer Abwertung, sondern schlicht intellektuell nicht. Ein Stück weit fühle ich mich wie ein Fisch, der sich zu erklären versucht, wie sich das atmen mit Lungen anfühlt. Und das führt natürlich zu einer großen Kuriosität bei mir, denn es sagt ja zunächst einmal viel mehr über mich und meine Weltsicht aus als über die tatsächliche Realität.

Da ich die Sicht von A. Thorn nicht begreifen kann, bleibt mir nur übrig, meine eigene Sicht auf Identität zu erarbeiten. Beginnen will ich mit meiner Überzeugung, dass ich keine monoinhaltliche Identität besitze. Ich besitze nicht einmal eine Hauptidentität, die ich als bestimmend für mich definieren könnte. Ich bin vieles. Ich bin vor allem situativ vieles. Ich bin Deutscher, ich bin autochthon und weiß. Ich bin biologisch ein Mann, ich bin sexuell ein Mann, ich bin heterosexuell. Ich bin Akademiker. Ich bin Vorstand eines Kunstvereins. Ich bin Sohn. Ich bin Bruder. Ich bin Mieter. Ich bin Vermieter. Ich bin Freund. Ich bin alleinstehend. Ich bin kinderlos. Ich bin politisch liberal. Ich bin politisch links.

So könnte ich noch eine Ewigkeit weiter meine Identität beschreiben und würde doch kaum mich selbst beschreiben. Das wenigste davon macht mich wirklich aus. Es beschreibt nicht meine Gefühle, mein Inneres, meine Ziele oder den Sinn meines Lebens. Es beschreibt Äußerlichkeiten, von denen viele zufällig und kaum änderbar sind. Interessanterweise beschreibt A. Thorn in ihrem Video über Identität am Anfang etwas ähnliches. Anhand eines mehr oder weniger biografischen Buches einer US-amerikanischen Autorin namens Audre Lorde erläutert sie, dass man nicht nur „ein Ding ist“ (ab 11:56). A. Lorde ist in Selbstbeschreibung eine schwarze, dicke, kommunistische und lesbische Frau. Ihre Identität ist ein „Mosaik“ aus diesen vielen Teilidentitäten, kleinen Stückchen, die sich manchmal ergänzen, manchmal aber in Konflikt zueinander stehen. „Nur wenn man einen Schritt zurücktritt und alle Teile gleichzeitig betrachtet, sieht man das ganze Bild“ von ihr.

Damit kann ich natürlich mitgehen. Unverständlich ist für mich etwas fundamentaleres. Beispielhaft will ich das an einem der genannten Teilaspekte hinterfragen: Was wird eigentlich tatsächlich beschrieben, wenn man zu sich oder anderen „Frau“ sagt? Die biologische Funktion, ungefähr die Hälfte des durchschnittlichen Lebens Kinder gebären zu können? Die Doppel-X-Chromosomen? Irgendein spezifisches Verhalten? Wie verhält man sich als Frau? Was wird von ihr erwartet?

Auf den ersten Blick ist Frausein mir naturgemäß fremd und Mannsein nicht. Was ist man aber als „Mann“? Was leitet sich daraus ab? Leitet sich daraus überhaupt etwas ab? Ich selber bin in allen biologischen Funktionen eindeutig Mann. Gesellschaftlich werde ich ebenso eindeutig als Mann gelesen. Aber: Von meinen Einstellungen her bin ich kein maskuliner Mann. Vor vielen Jahren bereits gab es einen mehr oder weniger wissenschaftlichen Test über Maskulinität oder Femininität: Ich schnitt dort eher unmaskulin ab, es gab Frauen in meinem Bekanntenkreis, die in diesem Test ähnliche Werte wie ich hatten.

Das ganze ist nicht weiter verwunderlich. Bei diversen interkulturellen Trainings lernte ich: Menschliches Verhalten ist i.d.R. normalverteilt. Betrachtet man bestimmte Verhaltensunterschiede und findet man zwei Gruppen von Menschen, bei denen es eine Korrelation zwischen Gruppenzugehörigkeit und diesen Verhaltensmustern gibt, wird man zwar beim Verhalten eine Abweichung im Median zwischen den beiden Gruppen finden, aber gleichzeitig eine Breite Überschneidung der beiden Gruppen, meist weit über den Median der jeweils anderen Gruppe hinaus. Was aber sagen dann diese Verhaltensunterschiede über die Gruppen aus? Und vor allem: Was über einen Einzelnen aus einer dieser Gruppen?

Wenn ich als biologischer und sozialer Mann also in dem oben genannten Test weit weg vom Median der Männer und näher am Median der Frauen liege: Bin ich dann nicht eher eine Frau, weil es mehr Frauen gibt, die mir ähneln als Männer? Und wenn ich damit kein Problem habe, warum sollte ich mir wünschen, „mehr“ Mann oder „mehr“ Frau werden zu wollen – was immer das auch bedeutet? Was also ist es, das A. Thorn zu der sicher sehr schwierigen, aber sichtlich befreienden Maßnahme geführt hat, das Geschlecht in der kompletten Außenwirkung zu ändern? Was waren die Zwänge davor? Warum musste sie ihre Identität sprengen und wieder neu und für sie passender zusammensetzen, wie sie es beschreibt?

Für mich scheint Geschlecht etwas fluides, non-binäres zu sein, wobei ich selber nicht fluid bin, sondern feste männliche und weibliche Anteile in mir trage – wie jeder andere Mensch auch, der eine mehr, der andere weniger. Es hat biologische Komponenten, es hat sexuelle Komponenten, es hat Verhaltenskomponenten, es bringt aber vor allem große Unterschiede in den Erwartungen von außen mit – denen man sich unterwerfen kann, aber nicht zwangsläufig muss, hier im Deutschland des Jahres 2021. Ich will gar nicht leugnen, dass es natürlich für einen weißen, heterosexuellen, akademischen und nicht prekären „Mann“ leichter getan ist, eher feminine Verhaltensmuster an den Tag zu legen, als es für eine homosexuelle, migrantische, prekär beschäftigte „Frau“ ist, wenn sie die gesellschaftlichen Stereotype so sichtlich verletzt. Das ist allerdings ein wichtiges politisches Thema, das zu diskutieren hier nicht der Inhalt sein soll (und das auch an A. Thorn vorbeigeht, die ja anfangs eher mir glich als einer solchen Frau).

Man kann für mich Mann sein und Schmuck und Kleider lieben. Man kann Frau sein und karrierebewusst ein Alphatier. Man kann Mann sein und ständig an sich zweifeln. Man kann Frau sein und radikal von sich selbst überzeugt. Man kann als Mann völlige Priorität auf seine Familie und Kinder legen. Man kann als Frau Kinder ablehnen. Man kann als Frau an Autos rumschrauben und als Mann stricken. Das alles ist „normal“ wie das jeweilige Gegenteil und alles dazwischen. Nichts davon definiert für mich das Geschlecht eines Menschen. (Und auch nichts sein Gender – ein Begriff, der mir natürlich bekannt ist.)

Und weil das für mich so ist, verstehe ich intellektuell A. Thorn nicht wirklich, der es ein starker innerer Antrieb war, Außenwirkung und „inneres“ Geschlecht in eine irgendwie stereotypische, binäre gesellschaftliche Norm zu bringen (und die damit im grunde die „Norm“ viel mehr herausfordert, als es ein paradiesvogeliger T. Thorn jemals hätte können). Die also nicht weiter einen crossdressenden Mann spielen wollte, der seine femininen Seiten ungehemmt auslebt, sondern die eine Frau auch körperlich sein will und muss und hoffentlich in Zukunft ihre männlichen Anteile ähnlich crossdressend weiter zur unserer Unterhaltung ausleben wird.

Ja, ich bin hier ganz offensichtlich der Fisch, der versucht, das atmen zu verstehen. Wenn ich aber dieses atmen nicht verstehe, dieses binär-sein wollen und müssen: Wie kann ich dann verstehen, was als Identität sich aus einem für mich so merkwürdig fluiden Label wie „Geschlecht“ ableitet? Und wenn ich diesen Bezug zur Identität nicht verstehe, wie kann ich dann irgendein politisches Handeln auf Basis eines solchen Begriffs befürworten?

Das alles beschäftigt mich, nicht nur im Bezug auf den Geschlechtsbegriff, aber auch in Bezug auf „race“, Sexualität etc., also auf all die woken linken Begrifflichkeiten, die mir sämtlich viel fluider erscheinen, als sie im Diskurs oft behandelt werden. Und natürlich arbeitet es genauso in mir, wenn ich Nation und Volk lese, also die fürchterlich unwoken Begrifflichkeiten rechter Identitätspolitik, die ebenso fluide in unserer globalisierten Welt sind, wie die linken Inhalte. Mir scheint, es gibt in unserer sichtlich unordentlichen Welt links wie rechts einen übergroßen Wunsch nach Vereinfachung, nach dem schwarz-weiß. Dabei ist Farbe doch viel spannender und schöner.

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Solide Einbahnstraße

Wir scheinen langsam auf der „Zielgeraden“ der Pandemiebewältigung anzukommen. Gruppen 1 und 2 sind weitgehend geimpft, die Gruppe 3 und mutige Astranehmer ergänzen die illustre Runde der wenigsten einmal geimpften, man hofft, Ende Mai in Richtung 50% zu kommen. Wir sind Millionär – wenigsten manchmal in der Anzahl der täglich geimpften Personen.

Gleichzeitig sinken endlich die Inzidenzwerte – in nahezu ganz Deutschland. Einerseits überraschend – das Wetter ist dermaßen deprimierend derzeit, dass offenbar selbst der Coronavirus keine Lust mehr hat. Andererseits ist dies aber sicher auch langsam eine erste Auswirkung der Impfkampagne in Verbindung mit den vor allem den Kulturbereich treffenden Maßnahmen: Wer keinen Spass hat und intellektuell bei Netflix verblödet, wird offenbar auch nicht krank.

Man merkt an meinem Sarkasmus, dass ich bei aller berechtigten Freude darüber, dass wir tatsächlich endlich auf dem Weg der Gesamtverbesserung der Lage sind, irgendwie verärgert bin. Es mag daran liegen, dass ich mich immer wieder wundere, warum ich als ehrenamtlicher Kulturfunktionär eine Ausstellung nicht eröffnen darf, obwohl sie in einer riesigen Villa mit Zugangsbeschränkung und Einwegregelung stattfinden könnte, während gleichzeitig der benachbarte Steuerberater jeden Tag offenbar seine komplette Belegschaft im Büro hat, als sei Steuerberatung nicht im Homeoffice möglich. Es mag aber auch daran liegen, dass wir aktuell fürchterliche Diskussionen führen, deren Wortwahl und Richtung mich ein wenig erschüttern.

„Neiddebatte“, „Privilegien“ – schon die Begriffe, über die diskutiert wird, sind eklig. Man kennt sie. Der erste Begriff wurde bisher immer von Reichen gewählt, um durchaus berechtigte Umverteilungsforderungen moralisch zu disqualifizieren. Der zweite ist ein Begriff der Identitätspolitik, wenn man bestimmten Gruppen von Menschen willkürliche Vorrechte zuschreibt. Beide Begriffe triggern Teile der Gesellschaft – und ermöglichen anderen Teilen, weitgehend inhaltsfrei argumentieren zu können. Und beide Begriffe taugen deshalb wenig, um notwendige Kompromisse zu verhandeln, sind sie doch verletzend – persönlich, aber auch intellektuell über ihre unlautere argumentative Verkürzung. Wer sie nutzt, will genau das erreichen. Interessant ist deshalb, wer sie aktuell nutzt (und wem sie nutzen).

„Neiddebatte“ ist dabei recht schnell analysiert. Dieser Begriff wird von Menschen in den Diskurs eingeworfen, die aus welchen Gründen auch immer bereits geimpft wurden und deshalb mit der Verwunderung oder Verärgerung anderer konfrontiert sind. Dabei ist gar nicht so sehr die Tatsache der Impfung selber Neid erzeugend als vielmehr der Diskurs über den zweiten Begriff der „Privilegierung“. Letztendlich wäre es bei allgemein sinkender Inzidenz fast egal, ob und wann wer geimpft wird, wenn es danach keine Ungleichbehandlung gäbe. Erst durch die momentan diskutierte und zum Teil bereits beschlossenen Ungleichbehandlung Geimpfter mit Ungeimpften wird die Verärgerung mancher spürbar.

Wieso aber diese Ungleichbehandlung? Und warum vor allem gerade jetzt? Und warum wurde diese Ungleichbehandlung mit dem Begriff der „Privilegierung“ ‚geframet‘? Hintergrund ist ja die sich als berechtigt abzeichnende Annahme, dass fertig geimpfte Menschen nicht nur selber geschützt sind, sondern auch idR keine Überträger der Krankheit sind. Sie können also eigentlich wieder ihr ganz normales Leben leben – Leute treffen, ausgehen, arbeiten. Was toll ist, zeigt es doch die Wirksamkeit der Impfung und damit auch die Möglichkeit, dass in bälde wieder gesellschaftliche „Normalität“ eintreten wird. Der Diskurs darüber, die mehr oder weniger strengen Grundrechtseinschränkungen für Geimpfte aufzuheben, ist deshalb natürlich mehr als berechtigt.

Die Frage ist auch gar nicht „ob“, die Frage ist alleine „wann“. Und es ist auch müßig sich zu fragen, ob das Framing „Privilegierung“ richtig ist, wenn es eigentlich um die Rückgabe von Grundrechten geht. Es ändert sich gesellschaftlich nichts, wenn die einen „privilegiert“ werden gegenüber anderen oder wenn die anderen „benachteiligt“ werden gegenüber den einen. Es bleibt das Ergebnis, dass ein Teil der Gesellschaft aus mehr oder weniger willkürlichen – und aktuell weiterhin kaum selber beeinflussbaren – Gründen weniger Rechte als ein anderer Teil zugestanden bekommt.

Nun bleibt es in den nächsten Monaten ein Fakt, dass nicht alle, die wollen, auch zeitnah eine Impfung bekommen werden. Bis weit in den Sommer hinein wird es zu wenig Impfstoff geben. Momentan wird über eine mehr oder weniger gut funktionierende Priorisierung der Impfstoff verteilt, ab Juni zeichnet sich wie beim Klopapier letztes Frühjahr ein „hauen und stechen“ bzw. Vetternwirtschaft als Verteilungsprinzip ab. Die einen nerven die örtlichen Arztpraxen und schreiben sich auf 100te Wartelisten, die anderen kennen den einen oder anderen Arzt sehr gut oder haben das Glück, als Belegschaft geimpft zu werden. Dumm bleibt, wer weder das eine will noch das andere kann, sollen doch die halbwegs durchorganisierten Impfzentren in bälde geschlossen werden. Dass das besser zu lösen wäre, geschenkt: Deutschland hat seine Inkompetenz in der Pandemiebewältigung bereits ausreichend bewiesen, um hier auch nur ansatzweise hoffnungsvoll zu sein.

Bleibt also bei solchen Randbedingungen die Frage des „wanns“ was Lockerungen der Regeln für Teile der Gesellschaft angeht. Solidarisch wäre, so lange zu warten, bis alle die wollen tatsächlich eine realistische Chance auf eine zeitnahe Impfung haben. Allerdings wäre dies wirtschaftlich eher selbstschädigend, da dies mögliche Öffnungen länger als wirklich notwendig verzögert. Und da Solidarität in Deutschland auch eine wie Impfstoff eher begrenzte Ressource ist, würde das weder rechtlich noch politisch haltbar sein. Man wird also – wie ja auch bereits beschlossen – schnell einzelne Lockerungen beschließen, andere dagegen zeitlich zu verzögern versuchen, da sie gravierende Auswirkungen auf das Leben Benachteiligter haben könnten.

Es wird nämlich tatsächlich zunehmend schwer werden, den Freiheitsdrang einzelner, die fast schon kriminelle Energie von Covidioten und Impfskeptikern und den Schutz von ungewollt Ungeimpften in Einklang zu bringen. Wenn die einen wieder das Gruppenkuscheln anfangen, die zweiten – komplett ungeschützt und kaum nachverfolgbar – mitmachen, dann bleiben die dritten mehr als notwendig und ggf. wirklich tödlich auf der Strecke.

Warum die Politik den Begriff der „Privilegien“ für diesen Diskurs eingeführt hat, erschließt sich mir nicht. Wollten sie die Geimpften ein wenig in die Reserve bringen und an ihre „Solidarität“ appellieren? Ja, vielleicht, funktioniert hat es erkennbar nicht. Man lehnt den Vorwurf der eigenen Privilegierung entrüstet ab ohne die unfaire Benachteiligung der anderen anzuerkennen. Das schützt vielleicht vor schlechtem Gewissen, verletzt aber die tatsächlich unverschuldet benachteiligten – wie bei jedem Privilegierungs- oder Benachteiligungsdiskurs.

Was mich wieder zur „Neiddebatte“ bringt. Der Begriff ist nicht unberechtigt, weil wir nicht solidarisch sind bzw. Solidarität von Geimpften als Einbahnstraße verstanden wird. Neid ist dabei nichts per se verwerfliches. Ja, ich gebe es zu, als einer, der aus jedem Raster fällt, bin ich tatsächlich neidisch. Gar nicht so sehr auf die tatsächliche Impfung – ich bin alt und reflektiert genug, um zu begreifen, dass ich bei zunehmend sinkendem Ansteckungsrisiko nur zwei oder drei Monate warten werden muss – als vielmehr wegen des ekligen Hauens und Stechens, das mir blüht, will auch ich meine Freiheit zurück. Ja, ich würde gerne auch einen festen Termin und Ort genannt bekommen und eingeladen werden anstatt irgendwann ab Juni wie wild Wartelisten besetzen zu müssen, um als letztes Fähnlein im September (meine Schätzung) geimpft zu werden. Diese kaum änderbare Perspektive nervt wirklich.

Und es nervt mich noch viel mehr, dass dies von den jetzt Geimpften abgetan wird. Es nervt mich, dass selbst bei identitätspolitisch bewegten und sich bei jeder anderen Privilegiendiskussion so verständig zeigenden und ach so solidarischen Linken – kaum sind sie selber geimpft – die anderen nicht so „neidisch“ sein sollen. Dieses in meinen Augen bewusste Unverständnis zeigt genau meine oben bereits geschriebene These: Solidarität ist in Deutschland Mangelware, sie wird gerne genommen, aber nur gegeben, wenn sie persönlich nichts kostet. Wehe dem also, der Solidarität wirklich braucht.

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Lechts

Aktuell erreicht mich nur wenig tagesaktuelles in meiner Coronamüdigkeit – ich habe schlicht aufgehört, aktiv Medien- (und vor allem Presse-)Konsum zu betreiben, ich ertrage momentan das Weltgeschehen nicht. Die versammelte Unfähigkeit im Umgang mit einer Pandemie und die sich daraus ergebende Monothematik macht mich ratlos, sprachlos und wütend. Während ratlos und sprachlos nur zu Frustration führt, will ich nicht wütend sein, deshalb betreibe ich also Weltflucht.

Da das natürlich nicht perfekt funktioniert – ich bin schließlich ein politischer Mensch und habe viel mit ebensolchen Menschen zu tun –, dringt in meine kleine Hyggewelt immer wieder etwas tagesaktuelles ein, das sich nicht vollständig verdrängen lässt. So ist natürlich das kleine mediale Desaster der gut 50 mehr oder weniger bekannten Schauspieler nicht unbemerkt an mir vorübergegangen. Inhaltlich (und von den Personen her, von denen ich viele überhaupt nicht kenne, da ich seit langem nicht mehr fernsehe) eher uninteressant ist die Genese des „Projektes“ viel spannender – und die Personen dahinter.

Brandstifter und ihre Biedermänner dahinter sind bemerkenswert. Und natürlich war das Projekt ein gesellschaftliches Zündeln in einer kritische Phase der Pandemiebeherrschung. Nun ist in Summe die Kritik an der Politik zur Überwindung der Pandemie und ihrer Folgen vielfältig. Es gibt meiner Beobachtung nach dabei drei Hauptargumentationslinien: Zu wenige Maßnahmen, zu viele Maßnahmen und die falschen Maßnahmen. „Zero Covid“ halte ich für das Extrembeispiel des „zu wenig“, die eher wissenschaftliche Auseinandersetzung eines Lauterbachs für eines des „falsch“ und die „Querdenker“-Bewegung für das des „zu viel“.

Ordnet man das erwähnte „Projekt“ der Schauspieler ein, stellt man fest, dass es eigentlich keine wirkliche Kritik an einzelnen Maßnahmen enthielt, vorgab, viel mehr zu fordern und deshalb natürlich ein Projekt des „zu viels“ war. Die große Resonanz in Querdenkerkreisen und am rechten Rand unterstützt diese Beurteilung.

Initiator scheint ein renommierter Regisseur im Tatortumfeld zu sein. In Zusammenarbeit mit einem Digitalunternehmer und einem in Deutschland bekannten Schauspieler haben sie es offenbar geschafft, die notwendigen Mittel und die Überzeugungsleistung aufzubringen, 50 Menschen zu einer professionell anmutenden öffentlichen Positionierung zu bewegen, die tatsächlich aufsehenerregend war. Vielen Beteiligten scheint nicht wirklich klar gewesen zu sein, auf was sie sich einlassen, ob hier zu große Naivität, zu großes Vertrauen oder tatsächlich Falschinformationen über Sinn und Zweck dazu führte, werden wir niemals wirklich erfahren. Letztendlich war das Projekt von vorn herein eskalierend geplant – die Namen der Beteiligten und die inhaltliche Stoßrichtung mussten quasi zwangsläufig zu diesem medialen Ergebnis führen.

Nun fragt man sich als Liberaler: War das der neueste Dreh der Neuen Rechten, die natürlich große Überschneidung mit den „Querdenkern“ mit ihrer „Diktatur“-Kritik haben? Oder hat hier ein eher linkes Künstlermilieu seine thematische Überschneidung mit den Rechten entdeckt und – gewollt oder ungewollt – am rechten Diskurs angedockt? War also der Boden bereits bestellt und der Samen musste nur noch sichtbar austreiben oder wird hier ein gemeinsames Feld bestellt von unterschiedlichen Akteuren, aber mit ähnlicher Stoßrichtung, macht also wirtschaftliche Not Freunde?

Um das zu verstehen, sollte man sich meines Erachtens der Person dieses Regisseurs annähern. Dietrich Brüggemann scheint ein merkwürdig radikaler Mensch, was bei Künstlerfiguren nicht ungewöhnlich ist. Er nennt z.B. ein Bandprojekt „Theodor Shitstorm“ weil: „Immerhin vereint es zwei meiner Lieblingsthemen: klassische Bildung und auf die Fresse.“ Da scheint eine eskalatorische Neigung vorprogrammiert zu sein. In den aktuellen Stellungnahmen zu seinem „Projekt“ gibt es momentan für ihn nur Vorwärtsverteidigung. „Lynchmob“, Medienschelte, AfD-Verteidigung, „Satire darf alles“ – man würde sich etwas mehr Reflexion über den eigenen Beitrag wünschen. Da ist ein Mann mit Sendungsbewusstsein auf einer Mission, und er will uns alle zwingen, seine Sicht der Dinge zu übernehmen.

Was mich zu meinem eigentlichen Thema bringt: Ist dieser Mann rechts? Ein Mann, der momentan Werbung für eine in Querdenkerkreisen aktiven Gruppierung namens „Freie Linke“ treibt. Ist die „Freie Linke“ ein rechtes Projekt, das sich links tarnt? Oder ist es ein linkes Projekt, das nach rechts andockt? Und wie ginge dies überhaupt?

Bringe ich die Person Brüggemann mit einem linken Projekt, das nach rechts andockt, zusammen, dann entsteht bei mir eine These, die ich hier – so unausgegoren sie ist – schildern will.

Rechts und links sind Antipoden des politischen Spektrums. Elitarismus und radikale Solidarität schließen sich meines Erachtens aus – man kann inhaltlich nicht für beides sein. Wie kann man aber trotzdem zusammenfinden? Ich befürchte, dass das über die Methodenebene funktionieren kann.

Ich bin ja bekanntermaßen Anhänger der Theorie eines zweidimensionalen politischen Spektrums. Es gibt für mich nicht nur „rechts“ oder „links“ sondern eben auch „autoritär“ und „liberal“ (s. Politischer Kompass). Nun ist es möglich, dass rechte Libertäre mit rechten Autoritären gut zusammenarbeiten, solange sie sich beide für elitär halten und Politik für die eigene Klasse machen (s. Amerika, wo ein Thiel wunderbar mit einem Trump konnte). Genauso glaube ich, dass autoritäre Kommunisten sehr gut mit eher liberalen Sozialisten zusammenarbeiten können, solange sie sich über Politik für Unterprivilegierte und Benachteiligte verständigen. (Was zum Beispiel für mich auch erklärt, was ein Autoritärer wie Kretschmann bei den Grünen macht – autoritär, wegen seiner K-Gruppenvergangenheit. Welcher liberale würde es auch nur 2 Minuten in einer K-Gruppe aushalten?)

Können aber autoritäre Kommunisten mit autoritären Rechten zusammenkommen? Oder anarchistische Linke mit libertären Rechten? Interessanterweise glaube ich tatsächlich, dass es bei bestimmten Themenausrichtungen funktionieren könnte. Folgende Voraussetzungen müssten gegeben sein:

1. ein gemeinsamer Gegner

2. ein Thema, das weder Solidarität noch Elitarität berührt oder das Solidarität mit einer elitär empfindbaren Gruppe fordert.

Schauen wir nun in das tagesaktuelle Geschehen in der Pandemie hinein, stellen wir fest:

Der gemeinsame Gegner von randständig links und rechts ist in der Pandemie die politische herrschende Klasse und ihre Entscheidungen. Und es geht um Freiheitsrechte vor allem für weiße, nicht eben unterprivilegierte Menschen – sprich für den hart arbeitenden weißen Kleinunternehmer oder Künstler, der gerade besonders wirtschaftlich leidet. Es ist weder ein Projekt, das elitäre Rechte für wirtschaftlich starke Minderheiten fordert, noch ist es ein soziales Projekt, das die Emanzipation unterprivilegierter Minderheiten fördert.

Sehe ich also Brüggemann, sehe ich einen autoritären Linken, der für dezidiert weiße Künstler – und mit ihnen – sein Wort ergreift und sich deshalb solidarisch fühlt. Und der in seinem Sendungsbewusstsein wohl wirklich überrascht ist, dass Rechte ihm wegen seines Elitarismus nun zujubeln und Linke über seinen Elitarismus „zusammenzucken“. Und als Liberaler stehe ich nun da und stelle einmal mehr fest, dass ich nicht weiß, wen ich gefährlicher finden muss: Rechte in ihrer Bösartigkeit oder Linke in ihrem unreflektierten Sendungsbewusstsein. Über Leichen gehen sie derzeit beide – zumindest über die derjenigen, die wegen ihres „Geschwurbels“ sinnlos auf einer Intensivstation ersticken.

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Föderale Frustration

Es ist schwierig im Jahr zwei der Pandemie. Die meisten sind mittlerweile sichtlich genervt. Ich bin genervt. Die Situation verschlechtert sich wieder – zum dritten Mal. Und unsere Entscheider blamieren sich in ihrer Lernverweigerung auf einem Niveau, das für mich bisher kaum vorstellbar war. Coronaleugner ziehen – jede vernünftige Regel des Eigen- und Fremdschutzes verweigernd – unbehelligt zu tausenden gruppenkuschelnd durch die Städte. Mallorca lockt. Die Impfkampagne stockt. Und Menschen sterben weiterhin – komplett sinnlos und unnötig.

Die Politik eiert zwischen dem sicher verständlichen populistischen Wunsch nach Normalität und dem Krisenmodus hin und her. Und fällt dabei zielsicher jede Entscheidung, die in einer Pandemie maximalen Schaden erwarten lässt. Regelverschärfungen kommen zu spät, Regellockerungen zu früh – und es sterben daraufhin viel mehr Menschen als notwendig und die wirtschaftlichen Schäden sind immens, da die Lockdownregeln viel länger in Kraft bleiben müssen als notwendig. Alles davon ist bekannt und tausendmal von der Wissenschaft erläutert, aber es hilft nichts. Ich gebe zu, dass ich es kaum mehr aushalte. Aktuell kann ich keine Presse mehr lesen, ich will die geballte Inkompetenz nicht mehr „live“ erleben.

(Und bevor man mich der Besserwisserei und des Nachtarockens schimpft: Die Situation um Weihnachten z.B. wurde von mir bereits Anfang November nach langer frustrierter Beobachtung beschrieben. Nein, es ist nicht schwierig, die Wirkung exponentieller Entwicklungen bei objektiv falschen Entscheidungen zu prognostizieren, dazu muss man kein ausgebildeter Virologe sein.)

Nun stellt sich die Frage: Wie kann die gesammelte Führung Deutschlands so konsequent inkompetent handeln? Sind die alle doof dort „oben“? Oder unfähig? Da ich das (in Bezug auf „alle“ zumindest) nicht glaube, muss es gerade einen Entscheidungsmechanismus geben, der dazu führt, dass ein Team aus vermutlich einigermaßen kompetenten Menschen Entscheidungen fällt, die von Inkompetenz strotzen.

Was also könnte das sein:

  1. Es wohl tatsächlich so, dass die Mehrheit der Menschen mit Exponentialität überfordert ist. Für jemanden, dem es leichtfällt zu verstehen, dass eine Zahlenreihe, die mit „1 – 2 – 4 – 8“ beginnt nach sieben weiteren Zyklen bei „1024“ stehen wird, ist das kaum nachvollziehbar, scheint aber Realität zu sein. Und wer weiß, dass kaum naturwissenschaftlich ausgebildete Menschen in politischer Führungsposition sind, ahnt, warum z.B. die Entscheidung letzten Oktober so ausgefallen ist wie sie ist. Das heißt: Viele der Ministerpräsidenten und der Minister verstehen eine exponentielle Ursache-Wirkungsbeziehung nicht. Sie verstehen auch weiterhin nicht, dass z.B. die Anzahl der Toten ca. vier Wochen (ebenso exponentiell) der Zahl der Infektionen „nachläuft“ – d.h. dass ein sofortiges Einbremsen erst nach 4 weiteren Wochen mit ungedrosselter Exponentialität reduzierend auf die Zahl der neuen Toten wirkt.
  1. Punkt 1 wäre nicht schlimm, wenn die Entscheider Berater hätten, die die Lage verstehen, die einer Meinung sind und denen sie vertrauen. Nun ist man i.d.R. nicht in politische Führung gekommen, weil man sich und sein situatives Verständnis ständig in Frage stellt. Wer das tut, entscheidet nichts. Und Entschlossenheit – auch fürs Nichtstun – ist das Elixier politischer Macht. Wer jetzt also persönlich solcher Art strukturiert ist, in einem Umfeld agiert, das von wissenschaftlichem Streit gekennzeichnet ist, wird irgendwann vor allem sich selbst (und bestenfalls den, die eigene Meinung bestätigenden Experten) trauen.
  1. Jeder Entscheider bringt sein eigenes Wertegerüst und seine eigenen Abhängigkeiten mit. Die Situation einer Pandemie erfordert auch moralische Abwägungen. Nicht jeder kann geschützt werden – weder gesundheitlich noch wirtschaftlich. Eine moralische Absolutheit bringt zwar in sozialen Medien (dis-)likes, ist aber unrealistisch. Es muss also ein Weg gefunden werden, der soziale Interessen mit gesundheitlichen und wirtschaftlichen Interessen bestmöglich austariert. Das ist klassisch eine Zielfunktion, deren Parameter vom eigenen Wertesystem mitbestimmt werden. Wer z.B. wie Deutschland wirtschaftliche Interessen recht hoch wertet und soziale Interaktion für unwichtig hält, wird v.a. Entscheidungen fällen, die soziale Einschränkungen mitbringen und a priori in Kauf nehmen, dass mehr Menschen sterben als unbedingt notwendig. Wer eher Menschen retten will, wird größere wirtschaftliche Schäden als unbedingt notwendig riskieren.
  1. Demokratie versucht immer, den bestmöglichen Kompromiss zwischen allen akzeptablen Positionen zu finden. Mit diesem ist zwar keiner wirklich zufrieden – Progressive halten ihn immer für zu mutlos, Konservative immer für zu gefährlich – aber dieser Kompromiss ist das Ziel der Demokratie, um Veränderung für alle akzeptabel zu gestalten.
  1. Treffen nun entscheidungsstarke Menschen in einem demokratischen Gremium aufeinander, die sich in den ersten drei Punkten deutlich von einander unterscheiden, wird ein harter Kampf um Deutungshoheit entstehen. Wird in einem solchen Gremium Einstimmigkeit angestrebt, wird der Kompromiss sehr schwierig. Sind im Raum nicht drei solch „unterschiedliche“ Menschen sondern 20, wird der Kompromiss extrem schwierig. Das heißt: Der Kompromiss wird windelweich werden. Oder er wird durch Macht erzwungen werden und kaum verbindlich bleiben.
  1. Föderalität erschwert in national übergreifenden Situation die Entscheidungsfindung, da die Bundesländer eigenständig entscheiden wollen aber nicht unabhängig von einander handeln können. Aus diesem Grund ist jede Föderalität bei übergreifenden Themen ein Hindernis und sollte vermieden werden.
  1. Eine Krise wie die Pandemie erfordert entschlossenes, schnelles Handeln. Die Mittel der föderalen Demokratie erschweren naturgemäß entschlossenes, schnelles Handeln (s. Punkt 5 und 6). Ihre Stärke kann also zu ihrer Schwäche werden (und ich bitte zu verstehen, dass ich hier keinen echten Vorteil von zentralistischen Autokratien sehe, die weltweit betrachtet in der Pandemie ein mindestens ebenso schlechtes Bild abgeben wie die Demokratien). Demokratische Entscheider in Krisensituationen müssen sich also bewusst sein, dass sie diese strukturellen Herausforderung haben, um die Situation zu meistern. Es gäbe einige optimierende Möglichkeiten: Die Verkleinerung der entscheidenden Runde bei echter, verbindlicher Delegation. Konsequente Mehrheitsentscheidungen, denen sich alle unterwerfen (ggf. inkl. eigenem Rücktritt, aber nicht anzweifeln der Entscheidung) etc.

Wir haben es also mit einer Situation zu tun, die weitgehend übergreifend ist, aber föderal bewältigt werden soll. Die Entscheider sind Menschen, die zwar die Tragweite ihrer Entscheidungen trotz weitgehender Transparenz nicht verstehen, aber entschlossen und mit wenig Selbstkritik entscheidungsstark sind (und natürlich trotz dieser sichtlichen und mittlerweile nachweislichen Inkompetenz qua Amt unbedingt mitentscheiden wollen). Die deshalb in viel zu großen Runden zusammenkommen, sich über die grundsätzlichen Prioritäten/Werte kaum einig sind und sich deshalb selbst lähmen. Und deren „Kompromisse“ deshalb immer so schwach und unverbindlich sind, dass man als betroffener und prinzipiell gutwilliger Beobachter von außen schreien will vor Wut, muss man doch die vorhersagbaren Schäden daraus bewältigen.

Das alles ist leider menschlich normal und in der Politik, in der freien Wirtschaft, in Vereinen und jeder anderen Organisation, in der Entscheidungen gefällt werden müssen, tausendmal erlebt. Der Unterschied ist nur: Diesmal sterben deutlich mehr Menschen als notwendig und es werden dramatisch höhere wirtschaftliche Schäden verursacht als notwendig. Und keiner will’s gewesen sein, weil keiner seinen Anteil daran versteht – Unverständnis kann schützen, auch vor geschätzt aktuell 40.000 unnötigen Toten. Leider.

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