May you live in interesting times

Nun komme ich gerade von der Biennale in Venedig zurück, die unter diesem doppelbödigen Motto stand, und stelle fest, dass die Zeiten einmal mehr interessanter sind, als ich es eigentlich ertragen kann.

Erdogan bricht einen Angriffskrieg vom Zaun, um explizit eine ethnische Säuberung an den Kurden in Nordsyrien und die anschließende Umsiedlung von syrischen Flüchtlingen in Millionenzahl aus der Türkei in die von ihm von Bevölkerung „befreite“ Zone durchzuführen. Und Europa schweigt aus Angst davor, dass Erdogan ansonsten diese Millionen an Flüchtlingen nach Europa „schiebt“ – eine explizite Drohung von ihm an seine „Bündnispartner und Freunde“, die ihn durch Aufrüstung zu diesem Krieg erst befähigten. Dass dieser Einmarsch vermutlich tausende von IS-Kämpfern befreien wird, die dann wohin auch immer weiterziehen werden, dass es in der Türkei zu einem Aufstand der Kurden kommen könnte – was kümmert es den türkischen Protodiktator, der immer stärker innenpolitisch unter Druck gerät. Ein Krieg also, um innenpolitisch Stimmung zu machen – wie innovativ als Maßnahme in der Menschheitsgeschichte. Weiterlesen

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Meinungen und Freiheit

Zum Feiertag der Deutschen Einheit hat Die Zeit einmal mehr die Unterschiede zwischen Ost und West zum Thema gemacht. Anhand einer Umfrage – ein gern gewähltes, aber aufgrund der Gestaltungsmöglichkeiten nicht ganz unproblematisches Werkzeug der soziologischen Transparenzschaffung – scheint man nachweisen zu können, dass vor allem Frauen in Ostdeutschland meinen,  im Vergleich zur DDR sei die Situation der Meinungsfreiheit bestenfalls gleich geblieben, schlimmstenfalls hätte sie sich sogar verschlechtert. Zugegebenermaßen liefert Die Zeit einen passenden und sehr lesenswerten Kommentar dazu (die Statistik ist dort veröffentlicht), der ebenso über diese Einstellung verwundert ist, wie man als Liberaler wohl sein muss. Weiterlesen

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Linker Funk

Momentan ist eine Studie aus Großbritannien recht häufig zitiert, die laut mancher Veröffentlichung nachweisen soll, dass der deutsche öffentliche Rundfunk (döR) eine besondere Linksneigung eingenommen hat – ganz im Gegenteil zum Beispiel zur britischen BBC.

Wie nicht anders zu erwarten war, fühlen sich die eher rechtsgeneigten Echokammern der Medienöffentlichkeit bestätigt. Die NZZ aus der Schweiz verstieg sich zur Behauptung, der döR hätte vor allem linke Zuschauer, was sie kurz darauf als „Fehlinterpretation“ einer Grafik zurücknehmen musste. Es verwundert auch nicht, dass die AfD das Thema ausschlachtet, macht sie doch regelmäßig gegen eine öffentliche Alimentierung des döR Stimmung und lebt sie doch von einer Anhängerschaft, die allen etablierten Medien Pinocchiohaftigkeit unterstellt. Weiterlesen

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Nackte Elefanten

Der faschistoide Posterboy des rechten Flügels einer zunehmend rechtsextremen Partei gab ein Interview im öffentlichen Rundfunk, war mit dem Verlauf desselben unzufrieden und beendete es vorzeitig – Anwandlungen von Größenwahn zeigend und Drohungen an den interviewenden Journalisten aussprechend. Der öffentliche Rundfunk sendete sicher nicht unerfreut über seinen gelungenen scoop das kurze Gespräch, und die mediale Öffentlichkeit tobt, wie zu erwarten war. Die einen sprechen von Entlarvung, die anderen von unfairem Umgang. Beides ist in meinen Augen falsch. Weiterlesen

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Debattieren

Da ich selber unter meinem letzten Text eine vielleicht anfangs noch unterhaltsame, später dann eher Nerven kostende Pseudodebatte in meinem normalerweise ungenutzten Kommentarbereich hatte, fand ich es interessant, einen Beitrag in der Medienöffentlichkeit zu finden, der die aktuellen Diskursherausforderungen zum Inhalt hatte. Ich meine dabei den Beitrag von Jakob Augstein auf 3Sat, der u.a. mit Kollegen, Medienmachern, Wissenschaftlern, Politikern und Unternehmensvertretern über „die empörte Republik“ diskutierte. Weiterlesen

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Zäsur

Sachsen und Brandenburg haben gewählt. Und das Ergebnis ist schrecklich.
Natürlich hätte es noch schlimmer kommen können. Es hätte auch – im ersten tatsächlich realistischen Anlauf der Partei dazu – direkt eine Mehrheit für die AfD geben können. Allein, dafür hat es nicht gereicht. Aber 23,5 bzw. 27,5% bei vergleichsweise hoher Wahlbeteiligung für eine zunehmend rechtsradikale bis rechtsextremistische Partei in Bundesländern, deren Parteiorganisation dort auch noch den rechten Rand dieser Partei in Deutschland darstellt – das ist eine Zäsur. Eine Zäsur, die einen traurig, wütend, frustriert und ja, auch angstvoll macht.

Die Wahlergebnisse räumen mit einigen sehr euphemisierenden Mythen auf, mit denen man sich die Lage bis zu dieser Wahl mehr schlecht als recht schönzureden vermochte. Weiterlesen

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Diktaturmythen

Da uns aktuell nicht nur drei Wahlen in ostdeutschen Bundesländern drohen, sondern auch das 30-jährige Wendejubiläum ansteht, ist es nicht verwunderlich, dass einmal mehr gerätselt wird, woher die weiterhin erkennbaren Unterschiede in den politischen Überzeugungen, in der Einstellung zur liberalen Demokratie und zu den Medien und im Diskurs allgemein zwischen Ost und West kommen.

Da ich weder Soziologe noch Politologe bin, möchte ich hier gar nicht anfangen mitzurätseln. Dass ich aber über das in meinen Augen besonders im Osten fahrlässige Flirten mit rechts-außen nicht glücklich bin – denn ja, rechts-außen-Wähler gibt es auch im Westen, aber 25% sind eben doch eine andere Hausnummer als 12% –, weiß der Leser meines Blogs. Und dass ich es überhaupt nicht verstehen kann, wie man in Deutschland derart leichtfertig faschistoide Gestalten wie Höcke anhimmeln kann, ist ebenso klar. Allein: Er hat mit seiner Partei diesen Erfolg und weil das so ist, versuche auch ich zu verstehen, wie es dazu kommen konnte. Weiterlesen

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