Der Mythus des Untergangs

In den letzten Monaten habe ich einen Versuch unternommen, bei dem ich formal betrachtet wohl versagt habe: Ich stellte mir die Aufgabe, zwei Bücher zu lesen, die in der Weimarer Republik (und natürlich auch direkt danach) Millionenauflagen erreichten. Und ich scheiterte bei beiden nach gut einem Drittel des Umfangs, waren die Bücher doch unlesbar bis unerträglich für mich.

Das eine Buch – „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ von Alfred Rosenberg – ist in der heutigen Bewertung eines der einflussreichsten Werke eines NSDAP-Ideologen, obzwar es offenbar nicht wirklich von der Partei Hitlers anerkannt war. Trotz dieser Tatsache – und der Konsequenz daraus, dass es deswegen nicht in fast jeden Haushalt wie Hitlers „Mein Kampf“ über Zwangsbeglückung z.B. zur Hochzeit „hineingedrückt“ wurde, besaßen Millionen Menschen in Deutschland dieses Buch.

Das andere Werk – die zwei Bände des „Untergangs des Abendlandes“ von Oswald Spengler – war bereits kurz nach der Veröffentlichung so bekannt, dass man wohl davon ausgehen muss, dass damals jeder, der bei den angeschnittenen Themen mitdiskutieren wollte, das Buch gelesen haben musste. Weiterlesen

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Über das Bauen

In den letzten Wochen wurde viel über den Wohnungsnotstand in manchen Regionen geschrieben und diskutiert. Bereits umgesetzte Entscheidungen zu einer Mietobergrenze scheinen nicht zu greifen, in einzelnen Bundesländer wurden darüber hinaus in meinen Augen populistische Zusatzmaßnahmen beschlossen, deren Auswirkungen auf den Mietmarkt voraussichtlich eher kontraproduktiv sein werden. Was ich vermisse, ist eine Versachlichung der Diskussion, indem man tatsächlich einmal die Position eines Immobilieninvestors in spe einnimmt, und versucht, dessen wirtschaftliche Zwänge zu verstehen. Denn nur das ermöglicht es, die tatsächlich bestehenden staatlichen Stellschrauben herauszufinden, deren Drehung sich lohnt. Weiterlesen

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Don Schick

Vor wenigen Wochen hatte ich ja recht emotional mein Missfallen an der Art und Weise geäußert, wie aktuell öffentlich „Diskurs“ gestaltet wird. Geärgert hatte mich die scheinbare Endlosschleife von Provokation, aggressiver Reaktion, Wagenburgbildung und Opfererklärung, die einerseits im Handeln aller Beteiligter absolut vorhersagbar ist und die andererseits meines Erachtens jede sachliche gesellschaftliche Auseinandersetzung verunmöglicht. Und weil ich dieses Gebetsmühlenartige regelmäßig beobachte, habe ich die Vermutung, dass dies im Grunde die Intention aller an der Eskalationsschleife Beteiligter ist: Die Verunmöglichung einer pragmatisch-sachlichen Auseinandersetzung. Weiterlesen

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Demokratie leben

Offensichtlich hat man auch in unserer Regierung erkannt, dass die liberale Demokratie aktuell unter Beschuss geraten ist. Rechtspopulisten wurden in den letzten Jahren deutlich sichtbarer und wirkmächtiger, die Erfolge rechter Parteien im nahen und fernen Ausland fanden ihre Entsprechung leider auch hier bei uns. Und was dabei deprimierend ist: Man erkennt derzeit die Korrelation, dass eine weitere Radikalisierung rechter Positionen noch immer zu wachsendem politischem Erfolg führt – und eben nicht zum Gegenteil dessen, wie es liberale Demokraten erhofft hatten. Faschistische Menschenfeindlichkeit wächst in diesem Land, einem Land, das sich lange Zeit sicher war, aufgrund seiner geschichtlichen Vorbelastung weitgehend unempfänglich für neurechte Machtergreifungsstrategien zu sein.

Um zu beweisen, dass die aktuelle Korrelation keine Kausalität darstellt, und um den aktuellen Trend umzukehren, hat das Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend (nebenbei: Interessante Reihenfolge) unter Ministerin Giffey von der SPD ein Programm gestartet, das es Kommunen ermöglichen soll, Initiativen für die Stärkung der liberalen Demokratie vor Ort zu unterstützen. „Ziele des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ sind die Förderung von zivilem Engagement und demokratischem Verhalten, die Ausgestaltung einer vielfältigen Kultur des Zusammenlebens sowie die Bearbeitung lokaler Problemlagen in Bezug auf politischen oder religiös motivierten Extremismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.Weiterlesen

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Frustration

Ich bin genervt. Und nein, diesmal nicht von den Thüringer Wählern mit ihrem bewussten Spucken auf die liberale Demokratie – egal ob es die älteren dort mit der Wahl der SED-Nachfolgepartei waren oder die jungen mit der Wahl des Faschisten Höcke und seiner rechtsextremen Partei. Ich habe für mich mit dem Fazit abgeschlossen (s. meinen Text zur Sachsenwahl), dass wir in Deutschland im Osten einen Block reaktionär-autoritärer und bürgerlich-verunsicherter Gesellschaften haben, den wir demokratisch-liberalen Bürger in der BRD irgendwie einhegen werden müssen. Er ist da, er wird uns noch lange Zeit und immer wieder wie ein Stachel aus einer längst ausgestanden geglaubten bieder-fürchterlichen Zeit stechen. Und wir werden es aushalten müssen, ohne uns dabei allzusehr beirren zu lassen. (Gell CDU, es wird für euch zunehmend schwierig, das mit dem „aufrechten Konservativen“, den „christlichen Werten“ und der Abgrenzung nach rechts, oder?)

Nein, diesmal sollte eigentlich hier ein Text veröffentlicht werden über eine linke Aktivistin, die ich sehr schätze, die aber in meinen Augen bei einem bestimmten identitätspolitischen Thema die selben manipulativen Diskursmethoden einsetzt, die sie sonst zurecht beim politischen Gegner immer wieder beanstandet. Ich wollte darüber schreiben, dass mich das ärgert, weil es dazu führt, dass links und rechts „gleich“ erscheinen, dass „Hufeisen“ als Bild irgendwie argumentativ richtig wirken, dass somit  wichtige Themensetzungen von links argumentativ entwertet werden. Weiterlesen

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May you live in interesting times

Nun komme ich gerade von der Biennale in Venedig zurück, die unter diesem doppelbödigen Motto stand, und stelle fest, dass die Zeiten einmal mehr interessanter sind, als ich es eigentlich ertragen kann.

Erdogan bricht einen Angriffskrieg vom Zaun, um explizit eine ethnische Säuberung an den Kurden in Nordsyrien und die anschließende Umsiedlung von syrischen Flüchtlingen in Millionenzahl aus der Türkei in die von ihm von Bevölkerung „befreite“ Zone durchzuführen. Und Europa schweigt aus Angst davor, dass Erdogan ansonsten diese Millionen an Flüchtlingen nach Europa „schiebt“ – eine explizite Drohung von ihm an seine „Bündnispartner und Freunde“, die ihn durch Aufrüstung zu diesem Krieg erst befähigten. Dass dieser Einmarsch vermutlich tausende von IS-Kämpfern befreien wird, die dann wohin auch immer weiterziehen werden, dass es in der Türkei zu einem Aufstand der Kurden kommen könnte – was kümmert es den türkischen Protodiktator, der immer stärker innenpolitisch unter Druck gerät. Ein Krieg also, um innenpolitisch Stimmung zu machen – wie innovativ als Maßnahme in der Menschheitsgeschichte. Weiterlesen

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Meinungen und Freiheit

Zum Feiertag der Deutschen Einheit hat Die Zeit einmal mehr die Unterschiede zwischen Ost und West zum Thema gemacht. Anhand einer Umfrage – ein gern gewähltes, aber aufgrund der Gestaltungsmöglichkeiten nicht ganz unproblematisches Werkzeug der soziologischen Transparenzschaffung – scheint man nachweisen zu können, dass vor allem Frauen in Ostdeutschland meinen,  im Vergleich zur DDR sei die Situation der Meinungsfreiheit bestenfalls gleich geblieben, schlimmstenfalls hätte sie sich sogar verschlechtert. Zugegebenermaßen liefert Die Zeit einen passenden und sehr lesenswerten Kommentar dazu (die Statistik ist dort veröffentlicht), der ebenso über diese Einstellung verwundert ist, wie man als Liberaler wohl sein muss. Weiterlesen

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